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Schule

Wo sind bloß die Lehrkräfte hin?

Der Lehrkräftemangel belastet Schüler*innen – vor allem jene, die ihn nicht kompensieren können. Auch Schüler*innen können sich nicht mehr über Unterrichtsausfall freuen.

Foto: IMAGO

Was meint ihr denn, wo die alle hingehen?«, fragt unser Chemielehrer in den Raum. Mein Grundkurs schaut ihn stumm an. »Die gehen halt weg aus Berlin«, fährt er fort. In anderen Bundesländern haben sie ein geringeres Stundenpensum, müssen nicht so viel vertreten. Die Mieten sind niedriger, die Gehälter höher.

Schon wieder hat eine Lehrkraft unser Gymnasium in Pankow verlassen. Mathe und Musik. Dabei fehlt es uns doch jetzt schon so sehr an Lehrkräften. Kaum eine Woche vergeht ohne Ausfall. Angeblich betrug der Krankenstand im Kollegium in den letzten Monaten zeitweise 30 Prozent. Wann immer es geht, wird der Unterricht vertreten. Doch es geht fast nie. Besonders nicht in der Oberstufe.

In der elften Klasse hatte ich wochenlang keinen regulären Matheunterricht. Schließlich wurde die pensionierte Mutter eines Lehrers an unserer Schule aus der Rente geholt, um unseren Kurs drei Stunden die Woche zu unterrichten. Erst im nächsten Halbjahr wurde eine reguläre Lehrkraft für uns gefunden.

Nur wenige Monate vor den Abiturprüfungen standen einige meiner Mitschüler-*innen plötzlich ohne Geographie- oder Französischlehrkraft da, hatten von einem auf den anderen Tag keine Betreuung mehr für die fünfte Prüfungskomponente. Eine Lehrerin war schwanger geworden – Ersatz gab es wochenlang nicht.

Mit Quereinsteiger*innen wird versucht, dem Mangel entgegenzuwirken. Viele von ihnen arbeiten schon länger an Schulen, andere haben gerade erst angefangen und müssen sofort eine eigene Klasse unterrichten.

Dennoch habe ich schon meine gesamte Schullaufbahn über regelmäßig Stundenausfälle. Teilweise über Wochen oder gar Monate hinweg keinen richtigen Unterricht in einem Fach. Den entfallenen Stoff müssen wir dann selbstständig Zuhause nachholen.

Das fällt vor allem denjenigen schwer, die Zuhause kaum auf Unterstützung hoffen können, die sich keine Nachhilfe leisten können oder nicht einmal über einen richtigen Schreibtisch verfügen. Unterrichtsausfall verschärft soziale Ungerechtigkeiten.

Jede Stunde, die ausfällt, erschwert uns den Weg zum Mittleren Schulabschluss, zum Abitur, zu einem Abschlussergebnis, das gute Perspektiven verspricht.   

Kontakt
Markus Hanisch
Geschäftsführer und Pressesprecher