GEW - Berlin

Befreiung - ja, aber wovon?

Quelle: Seelower Höhen – Friedhof für zig Tausende (Foto: Nareyek Nov.2014)

Letzte Aktualisierung: 16.04.2015

Ansprechpartner/in bei Rückfragen: Lore Nareyek

Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985: „… wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursachen für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte.“

So stellt sich auch im Gedenkjahr 2015 die Frage, wer oder was hinter dem NS-System stand, von dem Deutschland am 8.Mai, Berlin bereits am 2. Mai 1945 befreit wurde.

War es Hitler, „der Verführer“ (Guido Knopp), der Charismatiker (Max Weber), der die Geschichtsbücher der 70-er bis 90-er Jahre bevölkerte? Dieser Theorieansatz lebt z. B. bei Söhnke Neitzel in den Informationen für Politische Bildung der bpb Nr. 321/ 2014 wieder auf, der meint, wenn Georg Elser 1939 mit seinem Attentat Erfolg gehabt hätte …“ der zweite Weltkrieg wäre womöglich zu Ende gewesen, bevor er richtig begann.“(S.15)* Mit dem Selbstmord Hitlers 1945 wären damit alle anderen Verführten freigesprochen. Und mit der Rot=Braun-Theorie des Totalitarismus konnte man den Sozialismus gleich mit erledigen, wie es bis heute üblich ist.

Wie stark allerdings Wirtschaftsinteressen mit dem NS-System verquickt waren, wird meist verschwiegen. Dabei zeigte dies auch der Nürnberger Prozess, in dem nicht zufällig die Wirtschaftsmagnaten z. B. von Krupp oder Hoesch, von der Deutschen Bank bis zu den IG Farben als Kriegsverbrecher vorgeführt, aber zumeist sehr schnell wieder begnadigt wurden, sofern sie nicht bereits z. B. nach Argentinien ausgewandert waren. Sie finanzierten die NS, saßen in Beratergremien und profitierten seit 1933 von der Aufrüstung und Staatsverschuldung, sie freuten sich über die sinkenden Löhne und die Abschaffung der Gewerkschaften und Arbeiterparteien, sie waren sofort bei Fuß, wenn es um die Aufteilung der Kriegsbeute in den besetzten Gebieten ging, sie stellten Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge zu Hungerlöhnen ein und sie nutzten die KZs für ihre medizinischen Experimente, sie traten die Nachfolge an für aufgelöstes jüdisches Eigentum, seien es Betriebe oder Kunstgüter.

Sicher gibt es auf dem Weg in die NS-Barbarei keine monokausale Kette, sondern die vielfältigen Entwicklungen in der Weimarer Zeit, die Wirtschaftskrise und das politische Vakuum in einer zerstrittenen Arbeiterbewegung ließen besonders das Kleinbürgertum anfällig für die NS-Propaganda werden. Aber ohne Finanzen kann keine Partei groß und kein Krieg geführt werden.

Üblicherweise lernen Kinder über Märchen die Welt moralisch nach einem Gut/Böse-Schema zu strukturieren. Da gibt es eine Hexe, einen Teufel, eine Stiefmutter oder einen Wolf und wenn diese Inkarnationen des Bösen besiegt oder tot am Boden liegen, scheint die Welt wieder in Ordnung zu sein. Nach diesem bewährten System wurden und werden Kriege propagandistisch vorbereitet und medial begleitet: z. B. in Afghanistan (Bin Laden†), im Irak (Saddam Hussein†) in Libyen (Gaddafi†), in Syrien (Assad) und in der Ukraine (Putin).

Die immer aggressivere Jagd nach Rohstoffen, Machtbereichen, Rüstungsproduktion und Waffeneinsatz führt zu einer zunehmenden Zerstörung ganzer Regionen, z. B. im Nahen Osten, Afrika und neuerdings auch in Europa. So gehen die Kämpfe in der Ukraine mit ihren Oligarchen um die Einflussbereiche der EU, USA und Russlands und nicht um Putin.

Wenn die Bundesregierung es nicht für nötig hält, eine Gedenkveranstaltung für die Befreier und Opfer des 2. Weltkriegs am 8. Mai zu veranstalten, so zeigt das, wie stark sie in die anti-russische Kriegshysterie mit Aufrüstung und Manövern eingebunden ist.

Die Sowjetunion bezahlte den 2. Weltkrieg mit 24 Mill. Toten, 6 Mill. Juden wurden umgebracht, insgesamt bezahlte die Welt mit 55 Mill. Toten, Zerstörung, Hunger und Elend für ein System, das Menschen nur als Spielball im Kampf um höhere Profite sieht. Gestern wie heute.

Erfreulich, dass es aber vielfältige Bürger-Aktionen gegen die Kriegshetze gibt.

*So argumentiert auch der neue Film über Elser, dessen antifaschistische Aktion sicher viel Mut verlangte, als individueller Protest aber leider verebben musste. Dagegen arbeitet der spannende Film:“ Im Labyrinth des Schweigens“ die Nachkriegspolitik der BRD sehr differenziert auf.
 

Veranstaltungen und Orte:

  • 24.04.2015, 16 Uhr: Einweihung einer Gedenktafel für einen in den letzten Apriltagen 1945 von der SS wegen "Wehrunwilligkeit" ermordeten 17Jährigen, Uhlandstraße 103
  • 26.4. 2015: Gedenkgottesdienst zum Thema: Zwangsarbeiter in der Gethsemane-Kirche
  • 2. Mai 2015 ab 15 Uhr: Straßenfest zum 70. Jahrestag der Berliner Kapitulation, Schulenburgring 2
  • 9. Mai 2015 um 14:00 Uhr findet auf Initiative des Journalisten Götz Aly am Ehrenmal an der Straße des 17. Juni eine Gedenkveranstaltung statt ( www.kontakte-kontakty.de)
  • 10. Mai 2015: Demonstration der Berliner Friedensbewegung (Auftakt 12 Uhr Hackescher Markt)
     
  • Seelower Höhen – Museum und Gedenkstätte des Kampfes um Berlin,
    seit 2012 neue Ausstellung mit Schwerpunkt der DDR-Rezeption und sehr gutem Film!
    Di-So 10-17h Eintritt 4/2 €
    Anschließend lohnt sich ein Ausflug nach Küstrin (Polen) an der Oder, wo die zerstörte Altstadt mit Festung und moosbewachsenen Straßen seltsame Pompeji-Assoziationen weckt.
  • Museum Karlshorst, 2013 wieder eröffnet,
    zeigt den Krieg gegen die SU, in dem es nur Verlierer gab Di – So 10-18h Eintritt frei
  • Gedenkstättengestaltung:
    Neue Wache Unter den Linden, 2x Sowjetisches Ehrenmal - Straße des 17.Juni und am Treptower Park