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blz 03 / 2015Die Erde ist eine Scheibe

Die Bedeutung der Klassengröße für den Lernerfolg wird abgestritten

01.03.2015 - Thomas Schmidt, Lehrkraft in Tempelhof-Schöneberg

Es hatte durchaus einmal eine aufklärerische Bedeutung festzustellen: Nichts ist, wie es scheint und nichts scheint, wie es ist. Alles ist relativ! 2013 titelte der Spiegel: Schulklischees im Faktencheck: Kleine Klassen lernen besser – oder doch nicht? Ergebnis: Kleine Klassen bringen nichts!

Alle, die praktisch etwas mit Schule zu tun haben, und nicht nur am Schreibtisch, werden nicht bestreiten können, dass unsere Klassen zu groß sind, um einzelne SchülerInnen individuell zu fördern und ihnen gerecht zu werden. Einfache Divisionsrechnung (45 Minuten geteilt durch 32) lässt erkennen: Wenn viele SchülerInnen in einer Klasse sind, bleiben weniger Aufmerksamkeit und weniger Redeanteil für Einzelne. Wenn alle nur etwas leise reden, wird es wesentlich lauter und auch der Platz im Klassenraum wird geringer. Und nun kommen TheoretikerInnen und bestreiten das Offensichtliche.

Was hier als hochwissenschaftliche empirische Forschung daherkommt, ist das glatte Gegenteil, nämlich wirtschaftlich interessegeleitete Anti-Empirie. Eine Repräsentantin der Berliner Schulinspektion leugnete sogar vor Lehrkräften die Existenz von Klassen mit 32 SchülerInnen.

Solche Klassen habe sie noch nie gesehen! Die Erwiderung: Wir haben in solchen Klassen schon oft unterrichtet, blieb unbeantwortet. Und das ist genau das Problem: Die Erfahrungen von Eltern, Lehrkräften und SchülerInnen bleiben außen vor und sind nicht Gegenstand der Betrachtung. So etwas nannte man früher verächtlich Elfenbeinturm der Wissenschaft. Die Probleme der Praxis sind unbequem und deren Behebung würde mehr Geld erfordern.

Das nennt man heute Bildungsökonomie, mittlerweile gibt es ganze Forschungszweige an Universitäten dafür – oft verquickt mit privaten Bildungsanbietern und Lobbyisten, wie zum Beispiel School Turnaround der Bosch-Stiftung.

Die Wirklichkeit

Nach der Hattie-Studie macht eine kleinere Klasse immerhin einen Vorsprung von einem halben Jahr aus.

Andere Faktoren hätten aber einen größeren Einfluss, wie zum Beispiel das Eingehen der Lehrkraft auf einzelne SchülerInnen und dass sie sich wohlfühlen. Aber genau diese Faktoren hängen untrennbar von der Klassengröße ab. In dem Vortrag wurde davon gesprochen, dass der Unterschied von 20 und 25 Schülern keinen Einfluss hätte. Was ist aber bei der Steige-rung auf 32 und mehr? Es kam bei der Studie ebenfalls heraus, dass die Zusammensetzung der SchülerInnenschaft einen großen Einfluss hat. Wie wurde der denn berücksichtigt? Früher gab es an den Hauptschulen Klassenfrequenzen von 17, heute haben die Integrierten Sekundarschulen eine Frequenz von 26 und darüber. So kann man im Bildungsbereich sparen. Auf Kosten aller Beteiligten.

Gute Lehrkräfte schaffen es auch in einer großen Gruppe, heißt es. Das mag sein, aber um welchen Preis? Inklusion heißt auch, älteren oder nicht mehr ganz gesunden Lehrkräften zu ermöglichen, die Aufgaben zu bewältigen. Und: Schule und Lernen sollen sich ja nicht nur auf abfragbares Wissen beziehen. Wie sieht denn das soziale Lernen in einer so großen Gruppe aus?

Eine Argumentation lautet: Es gibt gute PISA-Ergebnisse in Ländern mit traditionell großen Klassen und schlechte Ergebnisse in solchen mit traditionell kleinen Klassen. Es gibt aber kulturelle Unterschiede zwischen den Ländern. In Japan sind die Klassen eher groß, die Jugendlichen stehen dort aber unter einem immensen Druck mit dramatischen Folgen. Außerdem gehen sie dort zu Nachhilfeschulen, die teuersten haben ganz kleine Gruppen! Gute Sprachenschulen werben übrigens in jedem Land mit kleinen Gruppengrößen.

Andere Untersuchungen

Eine wissenschaftliche Untersuchung müsste eine Langzeitstudie sein, da Lernprozesse langfristig sind. Dies wurde beim PISA-Test gar nicht untersucht. Vor vielen Jahren gab es in den USA das »Tennessee Student Teacher Achievement Ratio-Project« (STAR), eine Studie an Grundschulen, die ergeben hat, dass Kinder über längere Zeit in einer kleineren Gruppe deutlich besser lernen. Die 2001 in Deutschland durchgeführte Studie DESI (Deutsch-Englisch Schülerleistungen International) vom Deutschen Institut für Pädagogische Forschung (DIPF) kam zu dem Ergebnis, dass das Lernen von Deutsch und Englisch in kleinen Klassen tatsächlich bessere Fortschritte zeigt.

Der Aspekt der Unterrichtsräume wird häufig gar nicht berücksichtigt. In vielen Fachräumen sind nur 30 Plätze vorgesehen. Zusätzliche Tische müssen in den Raum gestellt werden. Das behindert Fluchtwege, ist also aus Sicherheitsgründen gar nicht zulässig. Übrigens hat ein Hund nach der Tierhaltungsverordnung rund dreimal so viel Raumanspruch in seiner Unterkunft wie eine SchülerIn in einer Klasse (1,7 zu 5 Quadratmeter).

Fassen wir zusammen:

  • Die Aussage, kleine Klassen bringen nichts, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Die zitierten Studien enthalten ernsthafte Fehler, viele Faktoren werden nicht berücksichtigt. Veröffentlichungen mit solchen handwerklichen Schnitzern würden in einer naturwissenschaftlichen Fachzeitschrift nicht veröffentlicht werden und die dafür verantwortlichen Wissenschaftler wären diskreditiert.
  • Es gibt seriöse Studien, die das genaue Gegenteil zeigen, die aber oft verschwiegen werden.

Der Vorteil kleinerer Klassen liegt auf der Hand:

  • Weniger Störungen, geringere Lautstärke, weniger Aggressivität, damit mehr Konzentration, Wohlbefinden und Zufriedenheit bei allen Beteiligten
  • Mehr Zuwendung für einzelne SchülerInnen durch die Lehrkraft, besseres Erkennen von Problemen
  • Mehr SchülerInnenbeteiligung, mehr Möglichkeiten der Kommunikation
  • Mehr schülerInnenorientierte Unterrichtsmethoden

Die Behauptung, dass kleine Klassen nichts bringen, sollte also als Zweckbehauptung betrachtet werden, die die Sparmaßnahmen im Schulbereich rechtfertigen sollen.

Forderungen von Eltern, Lehrkräften und SchülerInnen sollen als dumm dargestellt werden und es soll darüber hinweggetäuscht werden, dass Deutschland bei den Klassenfrequenzen und bei der SchülerInnen-Lehrkräfte-Relation über dem OECD-Schnitt liegt.

Politik und empirische Bildungsforschung müssen sich wieder mehr den Problemen der Praxis zuwenden.

Denn die Erde ist eine Kugel oder genau genommen ein Ellipsoid.

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