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bbz 11 / 2017Eine Kampfansage

Ob bei Schulbau, Personalmangel oder Arbeitsbelastung – Bildungssenatorin Sandra Scheeres lässt viele Fragen offen.

01.11.2017 - Jörg Tetzner

Angesichts der desolaten Personalsituation, des Sanierungsstaus beim Schulbau und der ständig erhöhten Arbeitsdichte für die Beschäftigten waren die Teilnehmer*innen am Landesschulbeirat ehrlich gespannt auf die Rezepte der Senatorin und ihrer Abteilungsleiter*innen. Den Großteil der Darstellungen von Senatorin Sandra Scheeres sollten die Themen Quereinstieg und Schulbau einnehmen.

Schulbausanierung soll ausgelagert werden

Nach Jahren des Stillstands bei Baumaßnahmen ist nun Geld da. Es stellt sich allerdings die Frage, wie die dringend nötigen Baumaßnahmen praktisch realisiert werden können. Nach Kaputtsparen und Personalverlust in den bezirklichen Bauämtern gestaltet sich Planung und Begleitung von Sanierung und Neubau denkbar schwierig. Die Idee des Senats, die Aufgabe in eine Sanierungsgesellschaft auszulagern, überzeugt nicht. Das Konzept sieht vor, Baumaßnahmen bis 5,5 Millionen Euro weiter im Bezirk zu verorten, auf Wunsch kann auch bis zehn Millionen Euro aufgestockt werden. Bei Kosten ab zehn Millionen Euro soll jedoch eine landeseigene Gesellschaft, eine Tochter der Berliner Wohnungsbaugesellschaft HOWOGE, Trägerin der Maßnahme werden.

Die HOWOGE ist in der Vergangenheit von Skandalen erschüttert worden. Unklar ist, welche Mehrkosten durch Kreditaufnahme dieser Gesellschaft entstehen, was Manager*innengehälter kosten, inwiefern Gebäude und Grund als Sicherheiten herhalten und was überhaupt der Vorteil gegenüber der Durchführung der Baumaßnahmen durch die Senatsverwaltungen oder die Bezirke selbst sein soll. Die GEW BERLIN lehnt solche Ausgliederungen aus guten Gründen ab.

Abwärtstrend bei den Arbeitsbedingungen setzt sich fort

Beim Personalmangel ging es subtiler zu. Im Mittelalter nannte man das »die Instrumente zeigen«. Die Senatorin erläuterte zunächst mögliche Ideen zur Bewältigung der Krise: Die Teilzeitregelungen einschränken, alle arbeiten länger, die Altersermäßigung wird abgeschafft. Jetzt habe sie sich aber dagegen entschieden und als Alternative den Quereinstieg gewählt. Berlinweit sind wir bei den Neueinstellungen inzwischen bei über 40 Prozent Quereinstieg, an den Grundschulen stellen Quereinsteiger*innen die Hälfte der neueingestellten Lehrkräfte. Das wird sich in den nächsten Jahren nicht ändern.Mehraufwand und mehr Zumessungsstunden entstehen durch die Betreuung der Quereinsteiger*innen, qualitative Mängel in der pädagogischen Ausbildung müssen mitgedacht werden.

Die Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte kommen in den Visionen der Senatsschulverwaltung nicht vor. Mit einer Ausnahme: Auf Nachfrage lobte sich die Verwaltung für die Angleichung der Gehälter bei Lehrkräften an Grundschulen, obwohl die Angleichung für Bestandslehrkräfte auf die lange Bank geschoben wird.

Die Gedankenspiele der Verwaltung zeigen deren Unverständnis. Lösungen werden lediglich suggeriert. Der Angriff auf Teilzeitregelungen würde die Lehrkräfte in den Burn-Out treiben, die jetzt schon ihre Pflichtstunden reduzieren, um ihre Arbeit qualitativ gut bewältigen zu können. Bei einer Erhöhung der Pflichtstundenzahl greift eine physische Kappungsgrenze. Bestimmte Arbeiten können nicht mehr geschafft werden. Die Altersteilzeit könnte in einem Anfall von Sparwahn natürlich gestrichen werden. Das Ergebnis wäre höherer Krankenstand und vorzeitige Verrentung. Insgesamt wäre das ein Abwärtstrend auf Kosten der Gesundheit der Beschäftigten und der Bildungsqualität.

Die Antwort der Senatorin auf die Nachfrage, inwiefern die Arbeitsbelastung gesenkt werden könne, um so die Attraktivität des Arbeitsplatzes Berliner Schule zu steigern, blieb sehr ernüchternd. Die Pflichtstundenzahl könne sie nicht senken, weil sie kein zusätzliches Personal habe. Die Präsenztage werde sie nicht abschaffen, weil die Schulleitungen und Eltern sagen, dass diese toll seien. Dabei zeigte die Senatorin auf einen Elternvertreter, der sich später zu Wort meldete, und angab, dass die Eltern hinter den Präsenztagen stünden, ohne allerdings ausführen zu können, warum dem so sei. Zudem sei die unterrichtsfreie Zeit kein Urlaub. Die Altersermäßigung, welche Scheeres fehlerhaft »Altersteilzeit« nannte, koste zudem schon viel.

Es liegt nicht an mangelnder Vorbereitung

Was können wir entgegnen? Hohe Pflichtstundenzahlen vermindern die Attraktivität der Berliner Schulen als Arbeitsplatz. Absolvent*innen können wählen und haben auf so etwas keine Lust. Mit 26, 28 oder mehr Stunden kann pädagogische Qualität in Lehre und Betreuung nicht seriös hergestellt werden. Unsere Arbeitszeit bleibt völlig entgrenzt.

Präsenztage lehnen die Beschäftigten als sinnlose Behinderung der Vorbereitung auf das neue Schuljahr ab. Schulleitungen haben sich dazu offiziell nie geäußert, schon gar nicht positiv. Diese von der Senatorin dargestellte Unterstützer*innenfront ist fiktiv. Hier könnte die Senatsverwaltung den Beschäftigten leicht ein Signal der Entlastung geben, hält aber, schlecht beraten, lieber ihr populistisches Vorurteil der mangelnden Vorbereitung des Schulstartes durch die Lehrkräfte aufrecht. Die unterrichtsfreie Zeit ist kein Urlaub, denn wir arbeiten sie durch die Mehrbelastungen in der Unterrichtszeit heraus. Wir arbeiten dort deutlich mehr als 40 Stunden pro Woche.

Zum Schluss stimmte die Senatorin zu, dass die pädagogische Qualität in der Stadt tatsächlich nicht steigt. Und das, obwohl sie so viele Ressourcen ins System gebe, wie zum Beispiel Schulhelfer*innen, IT-Spezialist*innen, Verwaltungsleitungen. Sie würde nun zusammen mit den Schulleitungen dafür sorgen, dass das Personal endlich Qualität herstelle. Eine Kampfansage, die wir annehmen müssen.

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