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blz 06 / 2014Lernerfolg und Bildungspolitik

Warum die sächsischen SchülerInnen so gut sind

01.06.2014 - Uwe Preuss, Chefredakteur der sächsischen GEW-Zeitschrift

Die Heinrich-Böll-Stiftung (Bündnis90/-Grüne) lud am 14. März 2014 zu einer Gesprächsrunde nach Berlin, die sich mit der Frage befasste: »Was kann die Politik von der Bildungsforschung lernen?«

Ausgehend von den Ergebnissen des IQB-Ländervergleiches 2012 (Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen) ging es hier um die Frage, warum alle ostdeutschen Bundesländer bei den Naturwissenschaften die Spitzenposition einnehmen, allen voran Sachsen. Interessant hierbei war, dass selbst beim schlechten Abschneiden der »neuen« Bundesländer im Fach Englisch im Jahr 2009 die Reihenfolge innerhalb dieser Länder fast gleich blieb, Sachsen wieder vorn. Interessiert hatte die Forscher aber vor allem die Frage, warum die Sachsen den SchülerInnen in Mecklenburg-Vorpommern fast ein ganzes Schuljahr voraus sind, kann man doch davon ausgehen, dass bestimmte Faktoren (Ausbildung und Alter der Lehrkräfte, Schulstruktur, Bildungsinhalte, soziale Herkunft der Schüler) bis 1989 fast identisch waren.

Die Ergebnisse räumen mit einem Erklärungsmodell konsequent auf. »Der Osten hat ja viel weniger Kinder mit Migrationshintergrund«. Die Studie wies nach, dass der Osten auch dann vorn liegt, nimmt man nur ProbandInnen mit Deutsch als Muttersprache. Der zweite interessante Punkt war, dass es offenbar keine relevanten Zusammenhänge zwischen der schwierigeren sozialen Lage im Osten und den Schulleistungen gibt. Sachsen-Anhalt mit problematischen Sozialdaten hätte zum Beispiel deutlich schlechter abschneiden müssen als zum Beispiel Hamburg – das Gegenteil ist der Fall. Daraus resultierte die überaus interessante Frage: Wie schafft es zum Beispiel Sachsen – laut Studie – den Leistungserfolg von der sozialen Herkunft der Kinder zu entkoppeln, das heißt ein im Ländervergleich durchaus gerechteres Schulsystem zu schaffen? Darauf gaben die Wissenschaftler in dieser Runde keine Antwort, was ein Manko dieser Veranstaltung war. Offenbar hat das lQB sich vor allem damit befasst, vergleichende Daten bereitzustellen.

Übrigens, die Wissenschaftler um Pant wendeten sich ausdrücklich gegen das immer wieder – vor allem medial und öffentlich – vorgenommene Ranking. Es dürfe nicht darum gehen, GewinnerInnen und VerliererInnen zu outen, sondern darum, inwieweit SchülerInnen den geltenden Bildungsstandards gerecht werden. Gleichzeitig erfuhr der interessierte Gesprächsrundenteilnehmer, dass diese Bildungsstandards in Deutschland noch lange nicht komplett ausdefiniert sind. (Anmerkung: der Kleinstaaterei sei Dank!) Aber damit entfällt auch eigentlich der Grund zum Jubel bei den LandespolitikerInnen, wenn die Ergebnisse wieder einmal positiv sind. Ein Zusammenhang zwischen deren Handeln und dem Lernerfolg ergibt sich nämlich an keiner Stelle solcher und vergleichbarer Studien.

Einige Zahlen sind aber dann doch alarmierend. 25 Prozent aller NeuntklässlerInnen (in Deutschland) liegen in Mathe unter dem Mindeststandard und verfügen somit über die Fähigkeiten von ViertklässlerInnen. Auch wenn Sachsen mit etwa 11 Prozent hier deutlich besser ist, gibt es viel zu tun.
Zwei ausgewählte Fragestellungen waren für mich sehr interessant:

 

  1. Gelingt ein höherer Lernerfolg, wenn die Kinder von im Fach ausgebildeten LehrerInnen unterrichtet werden? Hier war die Aussage deutlich bejahend. Bei Nicht-FachlehrerInnen liegen die SchülerInnen fast ein halbes Schuljahr zurück. Daraus könnte die Bildungspolitik natürlich Schlüsse ziehen: Es macht keinen Sinn, den hundertsten Gemeinschaftskunde-Lehrer einzustellen, wenn man eigentlich Mathe/Physik braucht. Und dies muss sich auch öffentlich herumsprechen. Ich halte es für Steuerverschwendung, wenn man weiterhin noch tausend GemeinschaftskundelehrerInnen ausbildet, die nicht wirklich gebraucht werden.
  2. Es ging darum, ob Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Förder- oder Regelschulen bessere Erfolge erzielen. Auch hier gab es klare Antworten. An den Regelschulen waren diese Kinder ein halbes Schuljahr voraus. Doch leider gab es selbst auf vermehrte Nachfrage keine Aussagen dazu, welche Unterstützungssysteme an den Regelschulen dazu existierten. Allerdings ist davon auszugehen, dass man – so wie Sachsen es gern hätte – Inklusion wirklich nicht zum Nulltarif bekommen kann. Auch dies ein Hinweis an die Verantwortlichen in den Ländern.

Zwei persönliche Anmerkungen: Hans--Jürgen Kuhn, Sprecher der Bundes-AG Bildung, verwies mehrfach darauf, welch »großen Schatz man doch an den extrem gut ausgebildeten DDR-Lehrern« habe. Was eigentlich ein Wertschätzung sein könnte, bekommt einen bitteren Nachgeschmack, bedenkt man, wie zu Beginn der 1990er Jahre mit der »Anerkennung« unserer Abschlüsse und der daraus resultierenden Eingruppierung verfahren wurde. Und – um ehrlich zu sein, ich hatte mich nicht getraut, öffentlich die Frage zu stellen, ob es denn in der Art des Herangehens ostdeutscher LehrerInnen liegen könne, dass die Ergebnisse in den fünf »neuen« Ländern besser seien. In der Pause habe ich Pant dann doch gefragt. Die Antwort war ein verschmitztes Lächeln und der Satz: »Das würde ich zu gern mal untersuchen«. Wir haben unseren SchülerInnen eben frühzeitig beigebracht, wie man den eigenen Namen schreibt — und nicht tanzt!


Erschienen in der April-Ausgabe 2014 der Mitgliederzeitschrift der GEW Sachsen (leicht gekürzt).


 

 

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