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SchulbauMit Latein auf Erfolgskurs an der Sonnenallee

Wie eine Schule mit Mut und Fantasie Vorurteile überwindet: In der allgemeinen Wahrnehmung gilt die Neuköllner Sonnenallee als die ara­ bischste Straße Berlins. Viele arabisch­ stämmige Geflüchtete lindern in dieser, von Reiseführern als Sehenswürdigkeit eingestuften Straße, ihr aufkommendes He imweh. Doch die Straße ist auch ein sogenannter sozialer Brennpunkt und für manche ein Symbol gescheiterter Integra­ tion durch eine entstehende Parallelge­ sellschaft. Aber die Wirklichkeit ist wie immer vielfältiger und entzieht sich ein­ seitigen Zuschreibungen.

01.11.2018 - von Ulrich Meuer und Klaus Will

Unweit vom Hermannplatz in der Sonnenallee steht eine der traditionsreichsten Neu­köllner Schulen. In der Weimarer Zeit hat dort der Schulreformer Fritz Karsen die nach Karl Marx benannte Schule als pädagogisches Schulexperiment betrieben. Unter den Nazis umbenannt in Hermann -Löns-Schule, wurde daraus nach dem Krieg das heutige Ernst-Abbe-Gymnasium.

Die Umwandlung des klassischen Berliner Arbeiter''innenbezirks Neukölln in ein Zentrum der Migration kann man gut an dieser Schule erkennen, deren Schüler ''innen aktuell fast vollständig Kinder von Einwander''innen sind, über die Hälfte davon arabischstämmig. Darüber hinaus sind 70 Prozent der Schüler''innen lern­mittelbefreit und zirka ein Drittel haben keine Gymnasialprognose. Da riecht man doch förmlich die Problemschule!

Die Zahlen führen in die Irre

Aber hinter der wilhelminischen Fassade des Schulgebäudes finden wir ei ne konzentrierte Lernatmosphäre und ein angenehmes Schulklima, auch wenn am Schul­eingang kontrolliert wird, wer reindarf. Die Schule ist gerade grundsaniert worden, der Schulleiter Tilmann Kötterhein­rich-Wedekind ist immer noch begeistert: »Die Schule ist im Grunde genommen ei­ne Insel der Seligen. Der schöne Innenhof, die ursprüngliche Bepflanzung, die sanierten Räumlichkeiten sind sehr ansprechend und funktional. Die Schule ist den Menschen jetzt zugewandt und durch Licht und Lüftung für alle ein sehr angenehmer Aufenthaltsort.« Nicht zu vergessen die wesentlich verbesserte akustische Situation, die mit Anlass war für die Grundsanierung. Durch den Dachausbau wurde die Raumsituation entschärft. Für uns allerdings unverständlich, warum nicht auch ein Fahrstuhl eingebaut wurde. Das bedauert auch der Schulleiter, aber der Aufzug passte wahrscheinlich nicht mehr ins begrenzte Budget.

Eine gute Schule sollte nicht nur ein attraktives Gebäude haben, sondern muss auch im Inneren einen neuen pädagogi­schen Geist atmen. Im Zentrum der pädagogischen Bemühungen der Schule steht die Sprachförderung in allen Unterrichts­ fächern, wie Kötterheinrich-Wedekind immer wieder betont. Auch die Multikultu­ralität wird nicht als Belastung, sondern als Herausforderung begriffen. »Wir ha­ben hier ja eine Schüler ''innenschaft, deren große Mehrheit aus Familien nicht­ deutscher Herkunftssprache stammt, die zudem oft auch ärmer sind und insgesamt eigentlich bildungsfern, wie man so sagt.« Es herrscht eine Willkommenskultur, die sich in den zunehmenden Anmel­dezahlen widerspiegelt. »Die Schüler''innen sind friedlich, es gibt hier kaum Kon­flikte. Dieses harmonische Verhältnis ist der Hauptgrund , warum Schüler*innen zu uns kommen und nicht an eine andere Schule gehen.«

Beim Übergang helfen Brückenkurse

Wichtig für die Schule sei auch, dass man die meisten Schüler''innen ohne Gymna­sialprognose halten könne. Von den 36 Neuaufgenommenen mit Sekundarschul­prognose konnten im letzten Schuljahr immerhin 21 bleiben. Was mit daran liege , dass die Schule früh Kontakt zu den ab­ gebenden Grundschulen aufnimmt: »Wir haben sogenannte Brückenkurse, zu denen die Schüler''innen aus den umliegen­ den Grundschulen zu uns kommen, um uns schon vor dem Wechsel kennenzuler­nen. Denn das Verlassen der Schule sollte die absolute Ausnahme sein, ist unsere Maxime.«

Aber was ist, abgesehen von der Sprach­förderung, das Besondere der Schule? Da muss man auch den hohen Mädchenanteilnennen: immerhin zwei Drittel der Schüler'*innenschaft sind Schülerinnen. Dies ist zwar kein Verdienst der Schule und auch kein erstrebenswertes Ziel, aber typisch für eine Einwanderungsgesell­schaft. Ähnliches kann man in Großbritannien oder Frankreich beobachten und eben auch an vielen Neuköllner Schulen. Es scheint, dass Mädchen bildungsorientierter und ehrgeiziger sind.

Aber wenn es Bildungsgewinner*innen gibt , wo bleiben dann die »Verlierer '''innen«? Es gibt in der Nachbarschaft Schulen, bei denen sich die Problemfälle sammeln. Insgesamt hat sich die Schule stärker geöffnet: »Wir holen andere Initiativen da­ zu, arbeiten mit religiösen Gemeinschaften zusammen, mit dem Quartiersma­nagement, holen generell andere Angebote an die Schule. Jeden Donnerstag findet ein Elterncafe mit rund 30 Eltern statt .« Für uns sind das eigentlich zentrale Merkmale für eine Gemeinschaftsschule , warum bleibt die Schule trotzdem ein Gymnasium? »Ich glaube, dass gerade Eltern mit Migrationshintergrund oft einen hohen Leistungsbegriff haben, den sie wohl mehr mit dem Gymnasium verbinden. Und sie meinen, dass eine Schule mit zwölf Klassenstufen nicht nur schneller ist, sondern auch besser. Mit dem Etikett Gymnasium verbinden sie das alles, ob es nun wahr ist oder nicht .«

Was die Schulverwaltung nicht davon ab­ halten sollte, auch bei einem Gymnasium den inklusiven Ansatz personell zu unter­stützen. Zwar bekommt die Schule Mittel aus dem Bonusprogramm, mit denen bei­spielsweise die Bibliothek und Mediathek aufgebaut werden konnten, aber warum wird eigentlich nicht bei der Lehrkräftezumessung berücksichtigt, dass die Schule nicht, wie viele andere Gymnasien, Schüler'' ' innen mit mehr Förderbedarf an andere Schulen abgibt? Eine gut nachgefrate Integrierte Sekundarschule bekommt dagegen mehr Lehrkräftestunden zuge­wiesen, obwohl die Grundschulnoten ihrer Schüler*innen deutlich besser sind als die an der Abbe-Schule.

Ein anderer Blick auf Latein

Was uns auch noch aufgefallen ist, ist dass ausgerechnet an dieser Schule nicht Arabisch oder Türkisch als zweite Fremdsprache angeboten wird, sondern Latein. Allerdings wird zurzeit darüber nachgedacht, Arabisch als Wahlpflichtfach im Jahrgang zehn einzuführen . 40 Prozent der Schüler*innen wählt Latein, der andere Teil Französisch als zweite Fremdsprache. Kötterheinrich-Wedekind , selber La­teinlehrer, begründet das Latein-Angebot folgendermaßen : »Latein hat eine sprach­bildende Funktion. Und Latein hat gerade hier die Funktion , dass alle Schüler''innen beim Lernen dieser Sprache die gleichen Voraussetzungen haben. Für alle ist es neu, egal woher sie kommen. Der Lateinunter­richt unterstützt dazu ein System, das den Schüler''innen nahebringt , wie man lernt.« Er bezeichnet Latein als »Brückenfach«, »Latein schafft Aufstieg«. Wir müssen zu­ geben, so ganz sind wir davon nicht über­ zeugt, aber der Erfolg scheint der Schule Recht zu geben.

Ulrich Meuel, Konrektor i.R; Klaus Will, ehemaliger geschäftsführender Redakteur der bbz

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