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Queer DenkenIntergeschlechtlichkeit in der Grundschule

Kinder sollten bereits früh erfahren, wie vielfältig Geschlecht ist. Das schafft mehr gesellschaftliche Akzeptanz und stärkt Kinder bereits in jungem Alter.

07.05.2020 - von Yan Feuge

Ich habe »sowohl etwas von einem Mädchen als auch von einem Jungen« erklärt Bella am ersten Schultag den Mitschüler*innen. Bella, mit dem selbst gewählten Pronomen »er«, ist intergeschlechtlich. Und Hauptfigur des Kinderbuches »P.S: Es gibt Lieblingseis«, dem im Jahr 2019 das KIMI-Siegel für Vielfalt in Kinderbüchern verliehen wurde. Bellas erste Schulwochen haben Höhen und Tiefen. Sowohl von der Mädchen-, als auch Jungen-Toilette verjagen ihn die Mitschüler*innen. Er erfährt aber auch solidarische Gemeinschaft, als alle Kinder die Abschaffung der Geschlechtertrennung im Sportunterricht erkämpfen. Mit Unterstützung der Eltern von Bella begreifen alle, dass die Welt mit mehr als zwei Möglichkeiten viel schöner ist.

Intergeschlechtliche Menschen werden mit Geschlechtsmerkmalen geboren, die sich nicht in die gängigen Kategorien von »männlich« und »weiblich« einordnen lassen oder die zu beiden Kategorien gehören. Dies betrifft unter anderem Chromosomen, Genitalien oder auch die Hormone. Bei manchen Menschen wird Intergeschlechtlichkeit bei der Geburt festgestellt. Bei anderen in der Jugend oder im Erwachsenenalter oder nie. Den Vereinten Nationen zufolge sind knapp zwei Prozent aller Menschen intergeschlechtlich. Das entspricht in etwa der Zahl an Menschen, die Zwillinge sind. Die Vorstellung von zwei Geschlechtern, zwischen denen eine klare biologische Grenze verläuft, wird durch neuere wissenschaftliche Studien widerlegt. Viele Biolog*innen begreifen Geschlecht als Spektrum, in dem die zahlreichen Formen von Intergeschlechtlichkeit ebenso wie Endogeschlechtlichkeit mögliche Varianten sind. Übrigens: »Endogeschlechtlich sind Menschen, die nie mit der medizinischen Norm konfrontiert wurden, dass ihr Körper nicht »männlich« oder »weiblich« einzuordnen sei. 

Menschenrechtswidrige medizinische Praxis

Die gesellschaftliche Praxis bleibt weit hinter den biologischen Erkenntnissen zurück. Zwar musste die Bundesregierung auf Weisung des Bundesverfassungsgerichts das Personenstandsgesetz ändern, denn seit dem Jahr 2019 gibt es neben »männlich« und »weiblich« auch den Geschlechtseintrag »divers«. Der zentrale Kampf einer stetig wachsenden Zahl von Inter*Aktivist*innen und Inter*Organisationen stößt jedoch auf den Beton eines patriarchalen Systems. Weiterhin behandeln und operieren Ärzt*innen als intergeschlechtlich klassifizierte Kinder bereits in einem nicht einwilligungsfähigen Alter. Ziel ist, sie der Vorstellung eines »eindeutigen geschlechtlichen Körpers« anzupassen. Diese Maßnahmen sind zumeist rein kosmetisch. Verunsichert durch Ärzt*innen und aus Angst vor Diskriminierung in Kitas und Schulen willigen viele Eltern in die Behandlungen ein. Diese Eingriffe haben schwere körperliche und psychische Auswirkungen und sind als Verstoß gegen das Recht auf Unversehrtheit des Körpers zu werten. Auch haben die traumatisierenden Operationen und nachfolgenden Behandlungen oft schlechtere Schulleistungen zur Folge. Zu den psychisch-emotionalen Belastungen kommen lange Fehlzeiten wegen Krankenhausaufenthalten oder mangelnde Erholung in den Schulferien. Schulische Aufklärung über geschlechtliche Vielfalt kann dazu bei-tragen, dass bald alle Kinder, wie Bella, ohne geschlechtsnormierende Eingriffe selbstbestimmt aufwachsen können. 

Lehrkräfte müssen davon ausgehen, dass in ihren Klassen inter* Kinder anwesend sind. Auch wenn sie meistens nicht geoutet und daher unsichtbar sind. Deswegen müssen proaktiv inklusive Räume geschaffen werden. Hierzu fordert sogar der Rahmenlehrplan Berlin-Brandenburg auf, denn die Interessen von Jungen und Mädchen und weiteren Geschlechtern sollen berücksichtigt werden. Alle Kinder sollten spätestens in der Grundschule erfahren, dass Geschlecht vielfältig ist. Dazu brauchen die Lehrkräfte Wissen und die Bereitschaft, sich mit den eigenen Geschlechterbildern auseinanderzusetzen. Oft wollen Lehrkräfte Intergeschlechtlichkeit nur thematisieren, wenn Kinder diese zum Thema machen. So wird die gesellschaftliche Tabuisierung von Inter* nicht durchbrochen. Inter* Kindern wird es schwergemacht, über sich selbst zu sprechen. Nicht nur der Sachkundeunterricht verfestigt bisher die Vorstellungen einer eindeutigen Aufteilung der Menschen in zwei Geschlechter. Dies ruft bei inter* Kindern starke Gefühle von Scham und Selbstzweifel hervor. Zuweilen wird von Pädagog*innen die Sorge angegeben, dass Kinder mit dem Thema überfordert seien. Dahinter verbirgt sich oft die Unsicherheit der Erwachsenen. Kinder verstehen meist die Realität von mehr als zwei Geschlechtern schnell. Lehrkräfte sind hier in ihrer Vorbildfunktion gefragt, denn Studienergebnisse zeigen, dass die Akzeptanz für geschlechtliche Vielfalt von Schüler*innen umso höher ist, je häufiger diese im Unterricht thematisiert wird. 

Empfehlungen für eine inter*inklusive Praxis

Kinderbücher wie »P.S. Es gibt Lieblingseis« können dabei hilfreich sein. Die Thematisierung ist aber nur Teil einer schulischen Praxis, die weitere Barrieren für inter* aber auch für beispielsweise trans* und genderqueere Kinder in den Blick nehmen muss. Informieren Sie sich selbst und das Kollegium der Schule über Intergeschlechtlichkeit. Hilfreich können hier externe Expert*innen wie OII und QUEERFORMAT sein.

Berücksichtigen Sie unbedingt Vertraulichkeit, wenn Sie von der Intergeschlechtlichkeit eines Kindes wissen. Überlassen Sie dem Kind, welche Informationen es anderen über sich geben will. Verwenden Sie den Namen und Pronomen, den die Kinder für sich selbst wählen (zum Beispiel sie, er, sie*er). Vermeiden Sie stereotype Rollenzuweisungen wie »Ich brauche vier starke Jungen, die mir helfen«. Widersprechen Sie, wenn Sie diese in der Schule mitbekommen.

Lassen Sie Kinder die Toiletten und Umkleideräume nutzen, die für sie selbst stimmig sind. Stellen Sie nach Möglichkeit die Nutzung einer Einzelkabine zur Wahl. Richten Sie zusätzlich zu Mädchen- und Jungen-Toiletten Unisex-Toiletten ein, die alle Menschen benutzen können.

Vermeiden Sie Einteilungen in Jungen und Mädchen. Suchen Sie nach individuellen Lösungen, die inter* Kinder nicht in einen Zwiespalt bringen. So verzichtete ein Sportlehrer auf die Formulierung »die Jungs gehen jetzt darüber und die Mädchen darüber«, sondern wird von einer Mutter so zitiert: »Wer jetzt in die Jungsumkleide geht, der geht bitte hier lang und wer in die Mädchenumkleide geht, bitte hier lang.« Hinterfragen Sie, ob die Angabe des Geschlechts in Formularen notwendig ist. Wenn ja, ist die Option »divers« vorhanden? Verwenden Sie geschlechtergerechte Sprache: Genderstern* oder Gendergap _, denn sie machen Menschen sichtbar, die nicht in die Schublade von »weiblich« oder »männlich« passen. Arbeiten Sie im Unterricht mit Materialien, in denen inter* Menschen selbstverständlich vorkommen und über sich selbst sprechen. Alle Aspekte des Menschseins sollten vorkommen. Erfahrungen intergeschlechtlicher Menschen sind ebenso verschieden, wie die von endogeschlechtlichen Menschen auch. Unterschiede können individuell oder auch abhängig von anderen Ungleichheitsdimensionen wie Herkunft, Religion oder Behinderung sein.    

Ich danke Ev-Blaine Matthigack für die hilfreichen Hinweise zu diesem Artikel.

Ausführliche weiterführende Informationen, Hinweise für die pädagogische Arbeit und den Unterricht finden Sie in dem neuen Informationsportal zu Intergeschlechtlichkeit unter: inter-nrw.de/category/educators
 

divers Der Geschlechtseintrag »divers« wird von inter*, trans* und nicht-binären Menschen verwendet

trans* Trans* sind Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht dem Geschlecht entspricht, das bei Geburt in ihre Geburtsurkunde ein getragen wurde. Das heißt beispielsweise: Ein Mensch, der bei Geburt weiblich ein geordnet wurde und später als Mann lebt, ist ein trans* Mann.

genderqueer/ nicht-binär Genderqueer ist eine Geschlechtsidentität. Genderqueere Menschen identifizieren sich weder als männlich, noch als weiblich, sondern dazwischen oder ganz anders.

inter* Inter* sind Menschen, die mit Variationen der körperlichen Geschlechtsmerkmale auf die Welt kommen. Das heißt, sie entsprechen nicht eindeutig den medizinischen Normen bezüglich  Anatomie, Hormonen oder Chromosomen, die für das weibliche und das männliche Geschlecht festgelegt wurden. Die Eltern entscheiden, welcher Geschlechtseintrag vorgenommen wird.

Material Zu dem Kinderbuch der Autor*in Luzie Loda »PS: Es gibt Lieblingseis« gibt es Unterrichtsbausteine für die 1. und 2. Klasse, die kostenlos heruntergeladen werden können unter: www.queerformat.de/ p-s-es-gibt-lieblingseis

»Queer sein heißt Coming out. Ein Leben lang. Queer denken heißt Fragen stellen, irritieren. Ein Leben lang. Queer handeln heißt die CisHeteronorm herausfordern und sichtbar sein. Ein Leben lang. In der Gewerkschaft. In der Schule. In der Senatsverwaltung.« Conny-Hendrik Kempe-Schälicke, Referent*in für sexuelle  und geschlechtliche Vielfalt und Antidiskriminierung bei SenBJF, Sprecher*in der AG LSBTI der GEW (Bund) Die trans*Fahne enthält zwischen zwei rosa und zwei blauen Streifen,  den traditionellen Farben für Jungs und Mädchen, in der Mitte einen  weißen Streifen. Die  Farbe weiß steht für alle, die inter sexuell sind,  das Geschlecht ändern oder sich keinem der  Geschlechter zuordnen.

QUEERFORMAT – Fachstelle Queere  Bildung führt Fortbildungen zu sexueller und  geschlechtlicher Vielfalt durch. Zahlreiche Informationen, Unterrichtshilfen und Handreichungen finden sich auf: www.queerformat.de

IVIM / OII Germany e.V. Die Internationale Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen ist eine Inter* Menschenrechtsorganisation und bietet Beratungen und Fortbildungen zum Thema  Intergeschlechtlichkeit:  www.oiigermany.org
 

 

 

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