GEW - Berlin
Du bist hier:

Macht mal DigitalOhne gute Lernkultur geht's nicht

Eine Lernkultur der individuellen Förderung kann von den Chancen der Digitalisierung profitieren. Dafür müssen drei Dinge zusammenkommen: adäquate Rahmenbedingungen, eine aufgeschlossene Haltung und pädagogische Konzepte und Kompetenzen.

05.01.2018 - von Julia Behrends

In Roermond in den Niederlanden gibt es eine Schule, die sich entschieden hat, vieles anders zu machen. Betritt man das Gebäude, fällt sofort auf, dass dies keine normale Schule ist. Es gibt auch hier Klassenzimmer, aber die sehen anders aus als üblich. Große Gemeinschaftstische stehen da, es gibt Sitzsäcke und große Kissen in den Räumen. Alles ist bunt dekoriert. Die Kinder haben sogar eine Kletterburg im Raum. Es gibt eine Rutsche aus dem Obergeschoss, denn die Synergieschool, um die es hier geht, ist eine inklusive Schule. So können sich auch körperlich eingeschränkte Kinder problemlos in der Schule bewegen. Jedes Kind hat ein eigenes Tablet, in jedem Klassenraum steht ein Smartboard. Beides wird regelmäßig im Unterricht eingesetzt. Dabei sitzen die Kinder nicht still und vereinzelt vor ihrem Gerät. Sie arbeiten zusammen an Fragestellungen. Sie stehen auf und gehen zu ihren Lehrkräften, um etwas zu fragen.

In der Synergieschool lernen Kinder von der ersten bis zur sechsten Klasse. Seit dem Jahr 2014 arbeitet die Schule nach dem neuen Konzept. Vorher hatte sich das Kollegium gefragt, was genau berücksichtigt werden muss, um jedem Kind individuelle Bildung zu ermöglichen. Die Schule hat also nicht einfach digitale Geräte angeschafft, sondern sich die Frage gestellt, wie mit Mitteln der Digitalisierung die pädagogischen Ziele des neuen Konzepts bestmöglich in allen Bereichen befördert werden können. Ganz nach dem Motto der Schule »Alle Kinder sind speziell«. Inklusion, ganztägiger Betrieb und eine Lernkultur, die alle individuell fördert, sind dabei zu einem schlüssigen Gesamtpaket verwoben. Digitale Unterstützung bildet einen systematisch genutzten Teil des Pakets.

Digitale Geräte helfen nicht nur im Unterricht, sondern vor allem auch bei der Organisation des Schulalltags. Der Stundenplan wird für die Kinder individuell zusammengestellt. Die starre Struktur von 45-minütigen Schulstunden wurde zu Gunsten eines Konzepts aus klassischem Schulunterricht, Selbstlernphasen und Workshops aufgebrochen. So wurde eine individuellere Betreuung der Kinder möglich, ohne die Zahl der Lehrenden deutlich erhöhen zu müssen. Lehrende sind hier Lernbegleiter*innen und -berater*innen, die so viel wie nötig unterstützen, aber so wenig wie möglich vorgeben. Die Kinder werden durch die Begleitung zu Expert*innen ihres eigenen Lernprozesses und können sich die Unterstützung holen, die sie brauchen. Das Vertrauen, das in die Schüler*innen gesetzt wird, lässt sie wachsen. Der Einsatz der digitalen Medien schafft den Lehrkräften Freiräume, die sie in einer traditionellen Schule nicht hätten. Die Zeit der Lehrkräfte fließt nicht mehr zum Großteil in die Erstellung von Material, sondern sie nutzen viel mehr bereits existierende digitale Lernmaterialien oder sie erarbeiten gemeinsam im Team Unterrichtsreihen. So wird nicht jedes Mal das Rad neu erfunden und die gewonnene Zeit wird für die direkte Betreuung der Schüler*innen genutzt.

Tablets alleine bringen nichts

Dieses Beispiel macht deutlich, dass die Digitalisierung hilft, zwei scheinbar unvereinbare Aspekte zu versöhnen. Das Lernmaterial ist einerseits individuell zugeschnitten und gleichzeitig raum- und zeitunabhängig verfügbar. Klassische Lernmaterialien sind hier begrenzt. Die Inhalte lassen sich nicht so flexibel neu anordnen und sind weniger auf unterschiedliche Lerntypen ausgerichtet. Damit hat eines der fundamentalsten Prinzipien rund um das Lernen ausgedient. Das Prinzip »Für alle dieselbe Übung, zur selben Zeit, am selben Ort« ist obsolet geworden.

Die Synergieschool ist nicht deshalb so erfolgreich, weil sie Tablets im Unterricht einsetzt, sondern weil sie die Technik nutzt, um ein Schulkonzept zu ermöglichen, das Raum für individuelles Lernen gibt. Herausgekommen sind freiere Raumkonzepte, Workshopangebote, kollaboratives Lernen, individuelle Stundenpläne und auch digital unterstützter Unterricht. Wenn digitale Medien klug und mit Offenheit genutzt werden, kann der Anspruch, personalisierte, auf die jeweilige Ausgangslage des Einzelnen bezogene Lernangebote zu schaffen, umgesetzt werden. Richtig eingesetzt geben sie den Lehrenden mehr Zeit fürs Wesentliche, nämlich die individuelle Arbeit mit den Lernenden.

Die Erkenntnis, dass Lernen mit digitalen Medien keine zusätzliche Belastung, sondern ein Teil der Lösung für viele Probleme ist, hat sich bei uns in Deutschland noch nicht durchgesetzt. In den Niederlanden gibt es mittlerweile einige Schulen, die ähnlich wie die Synergieschool arbeiten. In Deutschland sind diese Beispiele noch rar gesät. Damit Schulen auch in der Fläche digitale Medien zur Weiterentwicklung einer auf individuelle Förderung ausgerichteten Lernkultur nutzen können, müssen drei Elemente zusammenkommen. Das sind pädagogische Konzepte und Kompetenzen für die Lehrenden, adäquate Rahmenbedingungen für alle Schulen und eine aufgeschlossene Haltung. Viele Lehrende haben schon aus eigenem Antrieb Interesse am Thema Digitalisierung, finden sich dann aber in ihrer Schule schnell als Einzelkämpfer*innen wieder. Dabei ist ein wichtiger Faktor für den erfolgreichen Einsatz digitalen Lernens ein digital kompetentes Kollegium, das an einem Strang zieht.

Nur etwa 15 Prozent der Lehrkräfte an deutschen Schulen können als versierte Nutzer*innen von digitalen Medien bezeichnet werden. Das sagen aktuelle Daten aus dem »Monitor Digitale Bildung – Die Schulen im digitalen Zeitalter«, den die Bertelsmann Stiftung im Sommer veröffentlicht hat.

Digitalisierung muss keine Herkulesaufgabe bleiben

Es geht nicht darum, den Einsatz von Technik im Unterricht zu verordnen. Das erzeugt verständlicherweise Widerstand und kann nicht funktionieren. Bisher werden aber auch interessierte Lehrende allein gelassen. Es fehlt an Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien und ihren Einsatzmöglichkeiten im Schulgeschehen. Ohne entsprechende Angebote und Freiräume für Fortbildungen wird das schwerlich zu realisieren sein. Das führt direkt zu den Rahmenbedingungen, die an deutschen Schulen vorherrschen.

Immer noch mangelt es an vielen Schulen an der technischen Grundvoraussetzung und professionellem Support. Nur 37 Prozent der Lehrkräfte sind laut »Monitor« mit der Qualität des WLANs, das ihnen zur Verfügung steht, zufrieden. Technischen Support gibt es zumeist gar nicht. Die Lehrenden müssen selbst dafür sorgen, dass die Geräte auf dem aktuellen Stand bleiben. Das ist natürlich eine Überforderung des Lehrpersonals. Etwa drei Milliarden Euro jährlich würde es kosten, alle deutschen Schulen mit gut funktionierendem WLAN, IT-Support und digitalen Geräten in allen Lernräumen auszustatten, wie das Institut für Informationsmanagement der Universität Bremen (ifib) kürzlich für die Bertelsmann Stiftung berechnet hat. In dieser Zahl sind die Kosten für eine bundesweite Qualifizierungsoffensive und den baulichen Anschluss von Schulen an ein Hochgeschwindigkeitsnetz noch nicht einmal eingerechnet. Damit diese Herkulesaufgabe gelingen kann, müssen alle verantwortlichen Ebenen auf Basis einer gemeinsamen Strategie zusammenarbeiten. Kommunale Schulträger sind dazu alleine nicht in der Lage.

Darüber hinaus ist die Lehr-Lernkultur einer Schule ein entscheidendes Kriterium. Dazu gehört die Entwicklung eines gemeinsamen Zielbildes. Nur etwa acht Prozent der im Rahmen des »Monitor Digitale Bildung« befragten Schulleiter*innen sehen in der Digitalisierung ein schulstrategisches Thema. Über den sinnvollen Einsatz von digitalen Medien und ihre Rolle als Instrument der teamorientierten Unterrichts- und Schulentwicklung, wie es die Synergieschool in Roermond getan hat, wird nur in wenigen Schulen systematisch nachgedacht. Oft fehlen im Schulalltag die Ressourcen dafür. Hier bräuchten Schulen externe Begleitung und Beratung, den Austausch mit Gleichgesinnten und Beispiele gelungener Praxis.

Das gesamte Potenzial des digitalen Lernens kann sich nur entfalten, wenn Rahmenbedingungen, eine chancenorientierte Haltung und Kompetenzentwicklung der Lehrenden Hand in Hand gehen. Das Ziel muss sein, die Digitalisierung unserer Welt in den Dienst einer besseren Didaktik zu stellen. Das Potential des digitalen Lernens können wir nur ausschöpfen, wenn wir unser Verständnis von Lernen und Lehren weiterentwickeln. So wie an der Synergieschool in Roermond.