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Mach mal digitalPrinzip Offenheit

Ein Umstieg auf die offene Lizenzierung von Lernmitteln ist möglich. Wie diese eingesetzt werden, kann den Vorlieben von Lehrkräften und Schüler*innen überlassen bleiben.

05.01.2018 - von Leonhard Dobusch

Wenn über Digitalisierung im Bildungsbereich berichtet wird, gleichen sich die Bilder. Fast immer stehen neue Geräte wie digitale Whiteboards oder Tablets im Mittelpunkt. Wer hingegen mit Lehrer*innen jenseits von stolz präsentierten Modellprojekten über digitale Bildung spricht, erntet meistens ein müdes, mitleidig wirkendes Lächeln: »Auch das noch!«. Begeisterung für neue digitale Lernwerkzeuge ist auch unter jüngeren Lehrkräften selten. Das liegt nur teilweise daran, dass es in Schulen an Geräten, an Geld für Administration oder am drahtlosen Internet mangelt. Ohnehin geht der Trend dahin, dass Kinder und Jugendliche ihre eigenen Geräte mitbringen und verwenden sollen. In der Schule braucht es dann nur ein paar Leihgeräte.

Es ist vor allem der zusätzliche Aufwand, der Lehrkräfte davon abhält, Tablets oder Smartphones im Unterricht einzusetzen. Lehre mit digitalen Werkzeugen braucht mehr Vorbereitung, andere pädagogische Ansätze und zusätzliche Kompetenzen hinsichtlich Gerätenutzung, Datenschutz sowie Urheber- und Persönlichkeitsrechten. Vor allem aber fehlen digitale Lernunterlagen. Gibt es überhaupt digitale Zusatzangebote von Schulbuchverlagen zu gedruckten Schulbüchern, sind diese teuer, unflexibel und deshalb kaum im Einsatz.

Das Leben von Lehrenden leichter machen

Unerwartet liegen die größten Chancen digitaler Bildung eher jenseits neuer technischer Werkzeuge. Die größten und bislang weitgehend ungenutzten Potentiale digitaler Technologien für bessere Bildung liegen in einem Bereich, der Lehrenden das Leben leichter statt noch schwerer macht: dem Austausch von Lehr- und Lernunterlagen. Schon immer haben Lehrkräfte Materialien untereinander geteilt. Ganz selbstverständlich kursieren an Schulen Übungsblätter, Buchkapitel und didaktische Konzepte in Konferenz- und Lehrer*innenzimmern oder werden, so vorhanden, via Schulserver getauscht.

Dieser bereitwillige Austausch von Lehr- und Lernmaterial entspricht auch der fundamentalen Aufgabe von Bildung, miteinander Wissen und Kompetenzen zu teilen. Und Materialien werden nicht nur getauscht, sie werden auch miteinander kombiniert, weiterentwickelt und an neue Kontexte und Zeiten angepasst. Trotz Laptop und Internet endet dieser produktive Austausch von Lernunterlagen aber viel zu oft an den Mauern der jeweiligen Bildungseinrichtung. Die Kopiervorlage liegt zwar im Lehrer*innenzimmer oder digitalisiert auf dem Schulserver, aber schon die Lehrkräfte der benachtbarten Schule können nicht auf sie zugreifen, ja wissen nichts von ihrer Existenz.

Urheberrechte behindern Austausch

Die Gründe für die Zurückhaltung beim digitalen Teilen von Lernunterlagen sind vielfältig. Manche fürchten den kritischen Blick von Kolleg*innen ob vorzeigbarer Folien und Arbeitsblätter. Andere scheuen den Mehraufwand, Dinge im Netz zur Verfügung zu stellen. Ganz oben auf der Liste der Gründe steht aber das Urheberrecht. Was in Klassenzimmern, Hörsälen oder auch auf geschlossenen Onlinelernplattformen wie Moodle passiert, bekommt außer den registrierten Teilnehmer*innen niemand mit. Sobald Unterlagen aber frei online gestellt werden sollen, siegt die Angst vor den Schreiben von Anwält*innen über die Bereitschaft, Wissen zu teilen. Mehr noch, nahezu alle mit öffentlichen Mitteln oder Elternbeiträgen finanzierten Schul- und Lehrbücher sind im Internet schwer auffindbar oder nur in streng kopiergeschützten Dateiformaten verfügbar. Auf diese Weise wird eine Anpassung an individuelle Bedürfnisse vereitelt, von Rekombination mit anderen Materialen und deren Weitergabe ganz zu schweigen.

Auch wo iPads zum Einsatz kommen oder E-Books verfügbar sind, werden die bestehenden Verhältnisse linear in die digitale Welt fortgeschrieben. Statt eines gedruckten Buchs bekommen Schulen ein digitales PDF. Sofern E-Books oder digitale Ergänzungsmaterialien überhaupt online verfügbar sind, werden sie nur in herstellerspezifischen Formaten mit strengem Kopierschutz und damit verbundenen Einschränkungen hinsichtlich Kompatibilität, Les- und Verwendbarkeit angeboten. Im Ergebnis sind öffentlich finanzierte Lernmittel nicht nur schlecht digital verwendbar, sondern eröffnen durch ihre rechtliche Beschränktheit auch finanzstarken Lobbys den Weg in die Klassenzimmer. Gerade in politisch sensiblen Bereichen wie sozio-ökonomischer Bildung dominieren Angebote wie das von der Arbeitgeber-Lobby Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft finanzierte Portal »wirtschaftundschule.de« mit seinen kostenlosen Unterlagen.

Für Deutschland untersuchte der Bundesverband der Verbraucherzentralen im Jahr 2014 eine Auswahl kostenlos verfügbarer Angebote auf Qualität. 74 Prozent aller als »mangelhaft« bewerteten Materialien stammten von wirtschaftsnahen Herausgeber*innen. Neben didaktischen Schwächen leiden diese Materialien auch an Verletzungen des Kontroversitätsgebots des Beutelsbacher Konsenses, also an der ausgewoge-nen Darstellung gesellschaftlich umstrittener Themen. Der bisweilen fehlenden Qualität zum Trotz sind es solche wirtschaftsnahen Lernunterlagen, die besonders einfach und gut mittels herkömmlicher Suchmaschinen auffindbar sind.

An diesen Punkten der Zugänglichkeit setzen Verfechter*innen von offen lizenzierten Lehr- und Lernunterlagen – Open Educational Resources oder kurz: OER – an. Open Education verbindet, wie es in der von über 260 Bildungseinrichtungen unterzeichneten Kapstädter Open-Education-Erklärung heißt, »die alte Tradition, Wissen und Ideen gemeinsam zu entwickeln und auszutauschen mit den neuen Möglichkeiten der Vernetzung und Interaktivität, die das Internet bietet.«

Zentraler Hebel zur Erreichung dieses Ziels ist die Verwendung offener Urheberrechtslizenzen wie Creative Commons im Bereich öffentlich finanzierter Lernmittel. Offene Lizenzen ermöglichen Lehrkräften, Eltern und Schüler*innen gleichermaßen das herunterladen, weitergeben, verbessern und rekombinieren von Unterlagen ohne aufwändige Rechteklärung. Ob die-se Lernunterlagen dann digital auf Tablets oder ana-log ausgedruckt verwendet werden, ist unerheblich.

In den USA werden bereits seit Jahren private und öffentliche Mittel im Ausmaß mehrerer Millionen Dollar in Erstellung von OER investiert. Es gilt die Regel, dass öffentlich oder von gemeinnützigen Stiftungen finanzierte Lernmittel auch offen lizenziert sein müssen. In Berlin wurden bereits im Jahr 2014 Potentiale für eine Förderung von OER untersucht. Deutschlandweit gibt es seit dem Jahr 2015 Studien und Qualifizierungsmaßnahmen zu OER finanziert aus Bundesmitteln. Dazu zählt auch die zentrale Kompetenzstelle OER.

Mit veränderter Lernmittelfinanzierung ans Ziel

Der Umstieg auf offene Lizenzierung von Lernmitteln ist keine Kostenfrage. Gernot Vlaj geht in seiner 2014 erschienenen Machbarkeitsstudie »Das OER-Schulbuch« von vergleichbaren Erstellungskosten für herkömmliche und OER-Schulbücher aus. Auch die Qualitätskontrolle von OER-Lernwerken könnte genauso wie jene von herkömmlichen Schulbüchern auf Manuskriptbasis erfolgen. Entscheidend für die Ermöglichung von OER-Schulbüchern ist die Berücksichtigung von offenen Lizenzen und offenen Forma-ten im Rahmen bestehender Regelungen für Lernmittelfreiheit. Bisher stellt das gesamte System öffentlicher Lernmittelfinanzierung auf den Erwerb von Printbüchern ab und thematisiert Fragen der Lizenzierung nicht. So werden je nach Bundesland Millionen von Euro für Schulbücher ausgegeben, ohne dass dadurch ein kontinuierlich wachsender Pool an offen lizenzierten und damit frei nutzbaren Lernmaterialien entsteht. Würden hingegen jährlich nur ein paar Prozent der Gelder für OER-Lernmaterialien reserviert und zum Beispiel auf Basis von Nutzungserhebungen an Anbieter von OER-Material ausgeschüttet werden, könnte ohne Mehrkosten ein kontinuierlich wachsender Bestand an offenen Unterlagen aufgebaut werden.

Letztlich geht es darum, den Anteil an offen lizenziertem Lernmaterial im Netz zu steigern. Je mehr Material offen verfügbar ist, desto einfacher und risikoloser ist es dann auch für Lehrkräfte, darauf aufbauend eigene Materialien zu erstellen und diese wieder mit Kolleg*innen zu teilen. Und zwar nicht nur an ihrer jeweiligen Bildungseinrichtung, sondern im Internet. Auf diese Weise könnte die im Bildungsbereich ohnehin gelebte Kultur des Teilens digitalisiert und globalisiert werden.