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TendenzenDie vergessenen Opfer der Nazis

Eine neue Publikation widmet sich der in der bisherigen Erinnerungskultur vernachlässigten Gruppe der während des Nationalsozialismus wegen ihrer Homosexualität Verfolgten.

23.12.2020 - von Gabriele Kandzora

Männliche und weibliche Homosexualität galt während der Nazizeit als »Epidemie«, als Stigma und Tabu – selbst unter KZ-Häftlingen. Erschreckend ist auch die nationalistisch konnotierte Verleugnung – etwa in den Erinnerungen polnischer Häftlinge – als im KZ entstandene »deutsche Krankheit«. Wegen ihrer Sexualität Verfolgte wurden nach 1945 nicht oder nur sehr spät als Opfer anerkannt. Noch immer steht deren Würdigung im Deutschen Bundestag aus. Noch immer gibt es im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau keine öffentliche Erinnerung an diese Verfolgten.

Das im September erschienene Buch »Erinnern in Auschwitz auch an sexuelle Minderheiten« herausgegeben von Joanna Ostrowska, Joanna Talewicz-Kwiatkowska und Lutz van Dijk widmet sich nun dieser Thematik und ist nicht nur brandneu, es ist auch brandaktuell. Couragiert und differenziert wird hier die komplexe Problematik der Erinnerung an die Verfolgung sexueller Minderheiten entfaltet. Dabei schließt die historische Aufklärung auch eine die Gegenwart der Gedenkpraxis betreffende Dimension ein.

Das Buch startet mit Geleitworten der beiden Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano, Ehrenpräsidentin des deutschen Auschwitzkomitees, und des polnischen Menschenrechtsaktivisten Marian Turski, gefolgt von einem polnischen Historiker und einer deutschen Kollegin. Schon hier wird deutlich: es geht um eine transnationale Gemeinschaftsproduktion. 20 Autor*innen verschiedener Herkunft und unterschiedlichen Alters haben an der Publikation mitgewirkt. Diese Multiperspektivität prägt auch Aufbau und Inhalte des Buchs: Teil I und II befassen sich mit thematischen Grundlagen und der Forschungsgeschichte, Teil III erzählt von Einzelschicksalen, in Teil IV geht es um die praktischen Konsequenzen der Forschungsergebnisse und Teil V dokumentiert die Lebensdaten von 136 Verfolgten.

Dieses Buch ist also sowohl wissenschaftlich fundiert als auch politisch ambitioniert, es vermittelt die historische und gegenwärtige Problematik von Homophobie radikal aufklärerisch, pointiert und in eindringlichen Geschichten und Bildern, die auch die lagerinterne brutale Entmenschlichung zum Beispiel durch sexuellen Missbrauch nicht aussparen. So macht eine reichhaltige und vielfältige Betrachtung das Buch für verschiedene Leser*innengruppen interessant – vom Newcomer bis zur bereits politisch engagierten Leser*in.

Die Einzelschicksale – wie etwa die Geschichten von Fredy Hirsch und Alice Carlé – berühren einen ganz unmittelbar, emotional und umfassend menschlich, auch weil sie nicht nur Opfergeschichten sind. Sie zeigen, wie größte Bedrohungen zu Inhumanität führen, wie aber auch Humanität möglich ist. Sie sind damit keine »Heldengeschichten«, sondern Beispiele für Lebensläufe in Ausnahmesituationen, die auch heute noch eine starke Wirkung haben und daher gut geeignet sind für schulische Projekte.

Erinnerungskultur und politische Bildung bedürfen heute neuer Zugänge und haben jede Selbstverständlichkeit verloren. Überlebende des Holocaust können nur noch für kurze Zeit befragt werden. Es bedarf also anderer Formen der Zeugenschaft. Auch die wachsende Diversität der Schülerschaft bedarf neuer Betrachtungsweisen. Dazu kann dieses Buch wesentlich beitragen. Denn hier geht es weder um die Reproduktion faschistischer Verfolgtenkategorien noch um scheinbar identitäre Bezüge zu den Opfern und auch nicht um die Ergänzung eines »Segments« in der Erinnerungskultur, sondern um die Öffnung hin zu einer inklusiven humanen Perspektive.

Dieses Buch wird seinen Platz finden in wissenschaftlichen und politischen Diskursen, in der Lehrer*innenbildung sowie in Projekten schulischer und außerschulischer Bildung. Konkret lassen sich vielfältige Formen der aktiven Rezeption denken: die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Verfolgung sexueller Minderheiten, die Befassung mit Einzelschicksalen, das Initiieren politischer Initiativen, um die Erinnerung an verfolgte sexuelle Minderheiten einzufordern, bis hin zu Exkursionen und internationalen Begegnungen.