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SchuleNeuigkeiten für die gymnasiale Oberstufe

Auf Vorschlag der Gesamtkonferenz können ab sofort Schulen mit gymnasialer Oberstufe den Schüler*innen die Möglichkeit einräumen, einen dritten Leistungskurs zu wählen. Die Entscheidung muss allerdings sorgfältig abgewogen werden.

05.02.2018 - von Jörg Tetzner und Michael Brüser

Die Wahl der Kurse verursacht den frisch gebackenen Oberstufenschüler*innen oft Kopfschmerzen. Von ihrer Entscheidung hängen nicht nur Lernschwerpunkte ab, sondern auch Punkte und Zensuren. Deshalb macht es Sinn, die Wahlmöglichkeiten bei den Kursen weiter zu flexibilisieren. Aus dieser Intention heraus die Verordnung gymnasiale Oberstufe (VOGO) zu ändern, scheint folgerichtig. Auf Vorschlag der Gesamtkonferenz können deshalb ab sofort Schulen mit gymnasialer Oberstufe den Schüler*innen die Möglichkeit einräumen, einen dritten Leistungskurs zu wählen. Hintergrund ist ein erfolgreich verlaufener Schulversuch, der im Jahr 2010 erstmals am Rosa-Luxemburg-Gymnasium und zwei Jahre später am Humboldt-Gymnasium und Albrecht-Dürer-Gymnasium durchgeführt wurde.

Die Einführung des Schulversuchs war einerseits als Reaktion auf die Schulzeitverkürzung von dreizehn auf zwölf Jahre an den Berliner Gymnasien zu verstehen. Es sollten Fehlwahlen minimiert werden, um Rücktritte zu vermeiden. Andererseits sollte der Schulversuch auch ein Teil der Begabungsförderung an diesen drei Schulen werden. Welche Vor- und Nachteile die Wahl eines dritten Leistungskurses tatsächlich bringt, wird im Folgenden erläutert.

Wer mehr Wahl hat, hat weniger Qual

Grundsätzlich gilt: Die Schüler*innen können nach erfolgter Kurswahl ab dem ersten Semester der Qualifikationsphase freiwillig einen dritten Leistungskurs belegen. Sie müssen zu Beginn des dritten Kurshalbjahres entscheiden, welche der drei Leistungskurse das erste und zweite Prüfungsfach werden sollen. Der dritte belegte Leistungskurs kann als drittes, viertes Prüfungsfach oder auch als Referenzfach der fünften Prüfungskomponente gewählt werden. Er braucht aber auch überhaupt nicht eingebracht werden. Der Kurs muss aber weiterhin fünf Stunden die Woche besucht werden. Ferner gilt, dass die Bedingungen für die Wahl der Prüfungsfächer verwirklicht werden müssen. Besteht die Möglichkeit an der Schule, bleibt die Wahl für die Schüler*innen freiwillig. Es müssen also nicht alle Schüler*innen eines Jahrganges drei Leistungskurse belegen. Am Rosa-Luxemburg-Gymnasium belegt jede*r Zweite der Oberstufenschüler*innen einen dritten Leistungskurs, am Albrecht-Dürer-Gymnasium waren es im Jahr 2016 gerade einmal vier Prozent. Die Entscheidung für einen dritten Kurs bringt weitreichende, langfristige Auswirkungen mit sich und muss in der Gesamtkonferenz sorgfältig und in aller Ruhe abgewogen werden. Wobei man natürlich hier deutlich sagen muss, dass die möglichen Auswirkungen auf die einzelne Schule nur hypothetisch betrachtet werden können. Es liegen einfach noch zu wenige Erfahrungen vor.

Die Vorteile eines dritten Leistungskurses sind vielfältig. Den Schüler*innen wird eine Möglichkeit gegeben, nach einer einjährigen Belegung und »Erprobung« eine Auswahl ihrer beiden ersten Abiturprüfungen zu treffen. Auch für ein mögliches drittes Prüfungsfach erhalten sie durch die Belegung eines Leistungskurses mit vertiefendem Niveau und fünf statt drei Unterrichtsstunden eine bessere Vorbereitung auf die Prüfung. Auch seien für die Abiturient*innen Synergieeffekte vorhanden, weil durch die Belegung von drei intensiven Fächern, fächerverbindende Aspekte besser erfasst werden könnten. Vor allem die leistungsstarken Schüler*innen profitieren von der Wahlmöglichkeit enorm. Das ist ein wichtiger Beitrag zur Begabtenförderung. Für fast alle Jahrgänge konnte am Rosa-Luxemburg-Gymnasium konstatiert werden, dass die Abiturient*innen mit drei Leistungskursen im Durchschnitt bessere Abiturnoten hatten, als diejenigen mit nur zwei Leistungskursen.Auch die unterrichtenden Lehrer*innen berichten, dass sie nun dank dieser Regelung verstärkt von den leistungsstarken Schüler*innen in ihrem Unterricht profitieren, denn diese besuchen nun oft drei statt zwei Leistungskurse. Letztendlich werden sogar einige weniger frequentierte Leistungskurse gerettet, weil eben mehr Wahlen für diese Kurse erfolgen können. Auch wurden die Kursgrößen harmonisiert. Das Kursangebot konnte stabilisiert werden. Ebenso wichtig erscheint uns, dass durch den Wegfall der Profilkurse an den Gymnasien in der alten E-Phase die Schüler*innen nun weniger Möglichkeiten hatten, sich in den einzelnen Fächern auszuprobieren. Die Belegung von Wahlpflichtkursen in den Klassenstufe 9 und 10 hat das nicht kompensieren können. Die Belegung von drei Leistungskursen begünstigt die Korrektur von Fehlwahlen und minimiert deshalb die Rücktrittsrate.

Mit dem dritten Kurs steigt die Arbeitsbelastung

Die empirische Datenlage ist zwar, wie gesagt, noch dünn, aber bestimmte negative Tendenzen sind dennoch zu erkennen. Natürlich können leistungsstarke Schüler*innen ihren Abiturdurchschnitt optimieren. Ebenso kann das eine oder andere nun vertieft gelernt werden. Das Interesse der Schüler*innen dürfte in vielen Fällen das nun leichtere Entsorgen niedriger Punktbewertungen sein. Zudem wird man auf unterem Leistungsniveau den zusätzlichen Kurs eher als Mehrbelastung, statt als Chance sehen. Soziologisch müssen wir ernsthaft prüfen, ob hier nicht die weitere Leistungsspreizung oder gar Segregation der Schüler*innen gefördert wird, auch auf Kosten der Lernatmosphäre. Bessere Noten bei Schüler*innen mit drei Leistungskursen können auch einfach bedeuten, dass Leistungsschwächere dieses neue Modell von vornherein nicht in Betracht ziehen. Ob mit diesem Modell also die verkürzte Lernzeit bei jenen adäquat ausgeglichen werden kann, bleibt äußerst fraglich.

Klar ist, dass längere und eventuell mehr Klausuren geschrieben werden müssen. Das führt je nach Kursverteilung und Lehrkraft auch zu mehr Korrekturen. »Kursgrößen harmonisieren« kann auch bedeuten, dass die Kurse einfach voller werden und sich die Frequenzen in den Leistungskursen schleichend erhöhen.

Lernstarke Schüler*innen gehen in die Leistungskurse und fehlen damit in den Grundkursen. Freude des einen, Leid des anderen. Nicht nur verschlechtert sich das Niveau in den Grundkursen proportional zur Steigerung in den Leistungskursen, sondern die absolute Zahl der Grundkurse, Ergänzungs- und Zusatzkurse wird sinken. Gleiche Lehrkräftestunden sind das Tischtuch, an dem dann durch die verschiedenen Kurse gezogen wird. Für die pädagogischen Koordinator*innen wird die Planung der Schienen aufwendiger. Je nach Mentalität der einzelnen Schule kann sich auch die Anzahl der Springstunden und Wartezeiten für die Lehrkräfte erhöhen.

Taktieren wird gefördert

Das Contra-Fazit ist also, dass durch das neue Modell ein opportunistisches Taktieren in Bezug auf Punkte gefördert wird. Leistungsschwächeren Schüler*innen nützt das eher wenig. Für die Kollegien entsteht mit großer Wahrscheinlichkeit eine höhere Arbeitsbelastung. Die neue VOGO sieht vor, dass die Schulkonferenz einen Beschluss zur Einführung nur fassen »soll, wenn ein entsprechender Vorschlag der Gesamtkonferenz« vorliege. Wir befürchten, dass das Wörtchen »soll« interpretatorischen Spielraum lässt. Der Ort, darüber zu entscheiden, muss aber unbedingt die Gesamtkonferenz bleiben, denn dort sind diejenigen, die die mögliche Mehrbelastung tragen müssen, nämlich die Lehrkräfte, in der Mehrheit.