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SchuleBosch macht Schulen

Hinter der Verleihung des Deutschen Schulpreises stehen zwei mit dem Großkonzern Robert Bosch verbundene Stiftungen. Dieser bestimmt so nahezu unbemerkt den Schulentwicklungs-Diskurs.

01.01.2021 - von Nick Oelrichs

Die jährliche Verleihung des Deutschen Schulpreises ist ein Medienereignis. In Zeitungsartikeln und Fernsehreportagen wird über die vermeintlich »beste« deutsche Schule berichtet, deren Kollegium auf einer Zeremonie des Bundespräsidenten oder der Bundeskanzlerin ausgezeichnet wird. Kaum Erwähnung findet dabei, dass der Preis keinesfalls von einer gemeinnützigen Initiative oder einem demokratisch organisierten Bildungsverband vergeben wird. Vielmehr organisieren zwei mit dem Großkonzern Robert Bosch GmbH verbundene Stiftungen, die Robert-Bosch-Stiftung GmbH und die Heidehof-Stiftung GmbH, den Wettbewerb und vergeben das Preisgeld. Auch die daraus hervorgegangene Deutsche Schulakademie und ihre Hauptstadtrepräsentanz direkt neben der Humboldt--Universität in Berlin-Mitte wird komplett von den beiden Stiftungen getragen, von denen allein die Bosch-Stiftung 2019 insgesamt über 15 Millionen Euro in Bildungsprojekte investierte.

Private Stiftung hinter offiziellem Label

Ihr in den Veröffentlichungen ausgegebenes Ziel, »Motor innerhalb der Zivilgesellschaft« und »Impulsgeber« im Bildungsbereich zu werden, scheint sie dabei zu erreichen: Es gibt bereits jetzt vielfältige Kooperationen der Schulakademie mit Schulen, Landesinstituten und Ministerien. Darüber hinaus finden schulpreisbezogene Aktivitäten Eingang in die universitäre Lehrkräftebildung. So ist der Direktor der Schulakademie weiterhin auch als Professor an der Humboldt-Universität tätig, wo er in einer Pflichtvorlesung im Lehramts-Master auch Schulpreis-Schulen vorstellt und dort aktive Lehrkräfte einlädt. Außerdem gibt es seit einigen Jahren die studentische Initiative Kreidestaub, die an Humboldt-Universität, Freier Universität und Technischer Universität in Berlin Lernreisen organisiert und eigene Seminare zu Schulentwicklung, Inklusion und Beziehungsarbeit anbietet. Die Bosch-Stiftung und die Schulakademie kooperieren eng mit Kreide-staub und den Lernreisen, finanzieren Aktivitäten wie Weiterbildungen und Konferenzen und werben für die Aktionen. Auch Ehemalige des Vereins sind inzwischen dort beschäftigt.

Philantrokapitalismus

Durch all diese Aktivitäten ist die Stiftung seit Mitte der 2000er Jahre eine relevante Akteurin im Schulentwicklungs- und Lehrkräftebildungsdiskurs geworden. Dennoch gibt es fast keine wissenschaftliche Literatur hierzu, die über Selbstdarstellungen und Projektberichte von Beteiligten hinausgeht. Dies betrifft den gesamten Diskurs über Stiftungen im Bildungsbereich, wie auch der Bildungsforscher Thomas Höhne 2018 konstatiert: Er zeigt sich »überrascht angesichts der Tatsache, dass sich immer mehr Stiftungen seit nahezu zwei Jahrzehnten im Bildungsbereich engagieren« und betont, dass »damit elementare Fragen nach Interventionsformen und -möglichkeiten, Legitimation und Auswirkungen von Stiftungshandeln verbunden sind«. Letztlich geht es hierbei um die grundlegende Frage, wer in einer demokratisch verfassten Gesellschaft wie Einfluss auf das Bildungssystem nehmen darf, das im Fall des Schulwesens grundgesetzlich unhintergehbar in der Verantwortung des Staates liegt.

Großunternehmen können sich momentan jedoch durch ihre marktwirtschaftliche Vormachtstellung undemokratischen Einfluss auf das Bildungssystem kaufen, um es nach ihren Vorstellungen zu prägen. Unter Aufwendung ihrer erheblichen finanziellen, symbolischen und sozialen Ressourcen werden dafür Herrschaftsinstrumente der sogenannten Neuen Steuerung genutzt: Mittels Normsetzung werden bestimmte Vorstellungen von Standards in den Diskurs eingeführt, durch »Agenda-Setting« wird medialer Druck aufgebaut, und durch »Finanzierung und Koordinierung von Aktivitäten können ausgewählte Projekte realisiert werden, die dann als Best Practice durch neue Netzwerke breitenwirksam diffundieren«. Diese Entwicklung wird auch unter »Philantrokapitalismus« gefasst: Unternehmensnahe Stiftungen formulieren Absichten, die möglichst ökonomisch effizient erreicht werden sollen. Ziel ist nicht das abstrakte, in Stiftungspapieren veröffentlichte »Gemeinwohl« oder »Solidarität«, sondern Hegemonie und die Beeinflussung staatlichen Handelns.

Stiftungsziele sind Unternehmensziele

Die Bosch-Stiftung und die gleichnamige Unternehmensgruppe sind eng miteinander verwoben: Die Stiftung hält 92 Prozent der Unternehmensanteile und finanziert sich aus Dividenden. Geht es dem Unternehmen wirtschaftlich gut, kann mehr Geld in Projekte investiert werden und umgekehrt. Gleichzeitig gibt es personelle Überschneidungen zwischen den Aufsichts- und Steuerungsebenen. Die Ziele der Stiftung sind insofern nicht von den Unternehmenszielen zu trennen. Die Schulpreis-Initiative wurde gestartet aufgrund von Befürchtungen eines Fachkräftemangels, der die weltwirtschaft-liche Position deutscher Unternehmen schwächen würde. Auch durch weitere Veröffentlichungen ziehen sich humankapital-theoretische Vorstellungen von Bildung. So wird selbst der Abbau von Ungerechtigkeiten im Bildungssystem mit einer mangelnden Nutzung dieser »Ressourcen« begründet. Nicht thematisiert werden dagegen die gesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnisse und die eigene Verantwortung als Großunternehmen dafür. Die Bosch-Stiftung ist, entgegen ihrer Außendarstellung, dadurch nicht politisch neutral, sondern im Gegenteil daran beteiligt, bestimmte Weltsichten und Handlungsperspektiven auszuarbeiten und durchzusetzen, zum Beispiel wenn sie bestimmte »innovative« Bildungsansätze vorantreibt und andere nicht.

Schulen im Wettbewerb

Genau dies passiert beim Deutschen Schulpreis und der Deutschen Schulakademie. Hier werden einzelne Schulen hervorgehoben, die im Sinne der Stiftung agieren. Dadurch werden zum einen Vorbilder im Sinne der Bosch-Stiftung ausgezeichnet, die Symbolkraft entwickeln und auf andere Schulen ausstrahlen sollen. Zum anderen wird dadurch aber das Bild der »autonomen« Schule gestärkt, die eigenaktiv und ohne Unterstützung von staatlichen Strukturen einen Wandel in der Lernkultur schafft. Das Hervorheben einzelner Musterschulen hat allerdings auch den Effekt, andere Schulen vorzuführen: Wem es unter den gegebenen Umständen nicht gelingt, sich als »gute Schule« zu positionieren, der ist im Zweifel selbst schuld. Der Staat wird aus der Verantwortung genommen, Mängelverwaltung und Einsparungen dezentralisiert und die meisten Schulen, die diesen Exzellenz-Ansprüchen nicht genügen, werden unter sozialen Druck gesetzt, sich auch zu verändern.

Dafür, dass autonome Schulen für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen würden und Probleme besser lösen als strukturelle Ansätze, gibt es keine Empirie. Es scheint das Gegenteil der Fall zu sein: Wenige exzellente Schulen behaupten sich und werden attraktiv für Lehrkräfte und Schüler*innen, während die »Rest«-Schulen den Wettbewerb verlieren und noch größere Schwierigkeiten bekommen. Dies öffnet gleichzeitig einen Markt für Bildungsunternehmen und andere private Akteur*innen, die sich als Problemlöser*innen anbieten. Ein Beispiel dafür ist dann direkt die Deutsche Schulakademie der Bosch-Stiftung, die Fortbildungen nach den Schulpreis-Vergabekriterien anbietet und die Preisträgerschulen vernetzt. Diese bilden somit noch mehr einen Elitezirkel und verbreiten die eigenen Vorstellungen von Schulentwicklung, die denen der Bosch-Stiftung entsprechen, über die deutsche Bildungslandschaft hinweg.

Dies alles soll die meist großartigen Leistungen und spannenden Konzepte der Schulpreis-Schulen und der beteiligten Lehrkräfte keinesfalls schmälern. Es ist allerdings Vorsicht geboten, wenn sich eng unternehmensverbundene Stiftungen unter vermeintlich offiziellen Labeln wie »Deutscher Schulpreis« verstecken und so intransparent eigene Unternehmensziele verfolgen. Wie sehr sich Bosch wirklich um zukünftige Generationen sorgt, ist spätestens seit der nachgewiesenen Verstrickung in den Dieselskandal fraglich. Allerdings sind die Kultusministerien hier mitverantwortlich. Sie versehen die Schulen mit Aufgaben, die sie mit den bestehenden Ressourcen nicht lösen können und die gleichzeitig Einflussräume für Stiftungen öffnen. Schulentwicklung sollte in einer Demokratie transparent und staatlich organisiert werden.   

 Eine längere Version der Analyse inklusive Quellen- und Literaturangaben ist zugänglich unter: hu.berlin/bbz_bosch