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Transfer Schule - UniGemeinsam den Einstieg meistern

An der Freien Universität Berlin begleiten abgeordnete Lehrkräfte Studierende bei ihrem Schulpraktikum. Diese sind von dem Austausch mit den »richtigen Lehrkräften« begeistert.

07.01.2021 - von Sabine Achour

Angst vor der Schulpraxis, vor dem Referendariat, vor Unterrichtsplanungen? Davon berichten unsere Studierenden eher selten. Trotz aller Herausforderungen, die der Start in den Schulalltag mit sich bringt, fühlen sie sich gut vorbereitet. Einen besonderen Beitrag leisten dazu abgeordnete Lehrkräfte.

Aktuell wird unser Arbeitsbereich von sieben Lehrkräften ergänzt. Zum einen begleiten sie die Studierenden im Praxissemester und leiten Seminare. Das Praxissemester ist Teil der Lehramtsmasterstudiengänge. Die Studierenden lernen im Rahmen des Praxissemesters das Schulleben kennen und machen vielfältige Erfahrungen (zum Beispiel Unterrichten). Das Praxissemester wird an Schule und Universität vor- und nachbereitet und reflektiert, wobei die Studierenden hier den Austausch mit »richtigen Lehrkräften« besonders schätzen. Zum anderen sind die Kolleg*innen in verschiedenen Projekten involviert, die von der Bildungsverwaltung gefördert werden.

Impulse aus der Praxis

Die Kolleg*innen bieten spannende Seminare zu kontroversen Themen an. Dabei geht es zum Beispiel um Herausforderungen für politische Bildungsprozesse durch Hate Speech, Mobbing und Verschwörungsnarrative in Sozialen Medien. Aber auch um demokratietheoretische Fragen bezüglich der Grenzen der Kontroversität, wenn Ideologien der Ungleichwertigkeit Schule und Unterricht herausfordern, wenn sogar Menschenleben bedroht werden.

So entfaltet das Zusammenkommen von Praxis, Wissenschaft und Lehre eine konstruktive Wechselwirkung. Aus der Schulpraxis werden Impulse in die didaktische Forschung gegeben und aus dem Lehrstuhl werden Anstöße in die Schulpraxis transferiert. Für alle Beteiligten ist das ein sehr fruchtbarer, spannender Austausch.

Unser Arbeitsbereich leitete zudem die Mentoring- Qualifizierung (MQ) und die Fachberatung (FB) der Freien Universität Berlin. Im Rahmen der MQ werden Lehrkräfte für die Begleitung der Studierenden im Praxissemester geschult. Die FB wird von Fachseminarleitungen angeboten. Diese laden in ihre Fachseminare mit den Referendar*innen ein und bieten Unterrichtshospitationen an. Dadurch ermöglichen sie einen ersten Einblick in das Referendariat und können mögliche Befürchtungen auf Seiten der Studierenden abbauen. Auch die Anwendung des kollegialen Unterrichtscoachings wird durch sie vermittelt. Um all das zu umzusetzen, arbeiten abgeordnete Lehrkräfte und Fachseminarleiter*innen eng mit den Fachdidaktiker*innen der Universitäten zusammen.

Ein Gewinn für beide Seiten

Nach nun mehr als vier Jahren Projektlaufzeit lässt sich zweifellos resümieren: Die umfassende Verzahnung der Ausbildungsphasen und der Einbezug von abgeordneten Lehrkräften beziehungsweise abgeminderten Fachseminarleitungen führen zu einer überaus konstruktiven Arbeit und zu innovativen fachdidaktischen Konzepten.

Durch das Zusammenkommen der unterschiedlichen Akteur*innen aus Praxis und Wissenschaft gelingt eine umfassende Lernbegleitung der Studierenden im Praxissemester in allen Fächern. Wir alle sind es den Studierenden »schuldig«, in unserer Betreuung eine vergleichbare didaktische Sprache zu sprechen und transparente Kriterien für die Planung und Analyse von Unterrichtsprozessen zu benennen. Alle beteiligten Akteur*innen teilen dabei ihr fachdidaktisches Wissen, und wir alle entwickeln dieses durch den Austausch weiter.

Das ist in dieser Form bundesweit einmalig und hat für etliche Bundesländer einen Vorbildcharakter. Für die an der MQ und FB beteiligten Fächer lässt sich festhalten: Skepsis oder sogar Schuldzuweisungen, wer an welcher Stelle hinsichtlich Theorie oder Praxis versagt habe, sind kaum zu hören. Dank der verschiedenen Formen von Abordnungen oder Abminderungen hat sich eine produktive Kooperation von Theorie und Praxis entwickelt, die sich in der Regel auch auf die entsendenden Schulen erstreckt. Wir führen gemeinsame Projekte und Veranstaltungen durch, empfehlen und vermitteln Expert*innen und Träger der außerschulischen Bildungsarbeit oder auch mal (ehemalige) Studierende als zukünftige Kolleg*innen.

Schulen und Universitäten kämpfen um Top-Leute

Nicht zuletzt entwickeln unsere abgeordneten und abgeminderten Lehrkräfte viel Expertise, die sie auch in Publikationen und Vorträgen weitergeben. Für viele ist es eine besondere Möglichkeit, Unterrichtprozesse in multiprofessionellen Teams zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Die Abordnungen geben ihnen dafür den Raum, der in den Schulen aufgrund der hohen Arbeitsbelastung und Zeitknappheit strukturell selten gegeben ist, obgleich von allen Beteiligten gewünscht.

Aufgrund des Lehrkräftemangels wird es allerdings immer schwieriger, dass die Schulen Abordnungen zustimmen können. Die Universitäten und Schulen stehen dann im Wettkampf um die besten Mitarbeiter*innen. Die Abordnungen werden zurzeit nur Jahr für Jahr verlängert, so dass dies für alle Seiten – Lehrkräfte, Universität und Schulen – nur wenig langfristige Planungssicherheit bietet. Oft kommt die Zusage für die Abordnung erst, wenn die Planung der Lehre an den Universitäten längst vorliegen muss. Das ist für beide Seiten unbefriedigend.

Schließlich liegt ein weiterer Wermutstropfen – neben allen Herausforderungen der Vereinbarkeit von Schule (Praxis) und Universität (Wissenschaft) – darin: Die zeitliche Möglichkeit der Abordnung ist auf etwa acht Jahre begrenzt. Dies führt dazu, Kolleg*innen genau dann verabschieden zu müssen, wenn sie wahre Theorie-Praxis-Profis geworden sind. Ein besonders schwerer Abschied.