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SchuleSchule zwischen Überlastung und Anpassungsdruck

Der Tagungsband »Im Hamsterrad« analysiert, wie im schulischen Kontext jeder Widerstand gegen Reformen unterbunden wird. Das gelingt durch ausgeklügelte Mechanismen der Einhegung oder des Ausschlusses.

18.01.2021 - von Nils B. Schulz

Kritische Überlegungen zu einer Bildungsindustrie im Dauer-Reform-Modus werden zunehmend unter dem Begriff »Widerstand« subsumiert. In einem Berliner Fortbildungs-Handout für »Starke Fachbereichsleitungen« findet sich dann die ultimative Handlungsempfehlung: »Widerstände müssen entweder in konstruktive Mitwirkung umgewandelt oder in Würde ausgegrenzt werden.«

Die Phrase »Bitte nur konstruktive Kritik!«, die schon seit längerem die Gesprächsführung in Gesamtkonferenzen bestimmt, versucht Kritik an Change-Prozessen als destruktiv zu diskreditieren. Das TINA-Prinzip ist auch in vielen Berliner Schulen längst angekommen: There is no alternative! Diese Formel benennt zugleich das Ohnmachtsgefühl, das viele Lehrer*innen, zusätzlich zu ihrer andauernden Arbeitsüberlastung, angesichts des neoliberalen Umbaus des Schulsystems haben.

Deswegen benutzen nicht nur immer mehr Lehrer*innen, sondern auch Bildungstheoretiker*innen den anschaulichen Begriff des »Hamsterrads«. Ständig neue gehypte Unterrichtsformen, Klausurformate, Kompetenz- und Kriterienraster, didaktische Begriffe, Evaluationen, Tests, Inspektionen, wechselnde Zielvereinbarungen, »innovative« digitale Tools, Arbeits- und Steuergruppen, Konferenzen, Fort- und Weiterbildungen ohne Ende. Und so trägt denn auch der zweite Tagungsband zum ökonomistischen Veränderungsmanagement an Schulen den Titel: »Im Hamsterrad«. Herausgegeben haben ihn die Hochschul-Pädagogen und Bildungsforscher Matthias Burchardt und Jochen Krautz.

Mehr als ein Gefühl: Das Hamsterrad

Das Vorwort bereitet die Leser*innen darauf vor, dass wieder einmal, wie schon im ersten Band, ein Autor nicht namentlich genannt werden will, weil er »Repressionen« befürchtet. Diesmal ist es ein Referendar, der den »Referendariats-Sprech« analysiert und so verweist dann auch das Vorwort auf »totalitäre Tendenzen der Schulreformen«. Überlastung und Stress in Schule und Hochschule, so die zentrale These, seien »nicht allein Ausdruck von unabwendbarer Arbeitsverdichtung«, sondern »strategische Maßnahmen zur Entmündigung von Lehrer*innen, zur Enteignung der Pädagogik als Praxis der Wissenschaft sowie zur Etablierung einer technokratisch-ökonomistischen Kontrolle, die aber als solche weitgehend unsichtbar bleibt«.

Im ersten Beitrag des Bandes entwirft Jochen Krautz eine »Typologie des schulischen Hamsterrads«. Sowohl Krautz als auch Silja Graupe im nachfolgenden Beitrag untersuchen, welche Mechanismen das Hamsterrad immer weiter beschleunigen. Neben Verfahren des Qualitätsmanagements und der Schulinspektion sind das vor allem neue Subjektivierungsformen, die Krautz zufolge dazu führen, dass Lehrer*innen durch permanente didaktische, methodische und administrative Innovationen in ihrem Handeln und Denken systematisch verunsichert und destabilisiert werden. Krautz knüpft hier an die soziologischen Forschungen von Ulrich Bröckling an, dessen Buch »Das unternehmerische Selbst« neoliberale Formen der Selbstoptimierung, des Evaluierens und der kontinuierlichen Selbstbeobachtung analysiert. Wie Bröckling interessiert sich auch Krautz für eine wesentliche Konsequenz der neuen »Menschenregierungskünste«: den Burnout. Silja Graupe erklärt, dass vor allem der Verwandlungsimperativ »Verändere! Dich! Jetzt!« unser gesamtes »somatisch-psychisches System« angreife.

Burnout ist die Konsequenz

Den Ausbeutungsstrukturen korrespondiert in Krautz’ Analyse auch das vom Change Management installierte Kritikverbot. Denn es verwandle jeden Einwand in eine Mitgestaltungsaufforderung. Diese treibe gerade engagierte Lehrer*innen in Steuergruppenarbeit, die dann als sinnlos erfahren werde, weil der Aktionsrahmen eng abgesteckt sei.

Matthias Burchardt hat dafür den Begriff der Partizipations-Attrappe geprägt. Den Kölner Bildungsphilosophen beschäftigen in seinem Text »Entwickelte Schule – abgewickelte Freiheit« vor allem Strategien der Manipulation: sowohl durch Sprache als auch durch psychoinvasive Techniken.

Pädagogische Verantwortung und pädagogische Freiheit werden, so Burchardt, durch die bildungspolitisch durchgesetzten Formen der Neuen Lernkultur und gezielte Praxen der Schulentwicklung zerstört. Im Fokus seines Beitrags stehen ökonomistische Strategien der Personalentwicklung, des Team-Buildings, der Organisations- und Leitbild-Entwicklung. Der Text ist zugleich eine Art Glossar des neuen schulischen Organisationsvokabulars.

Wie schon in früheren Aufsätzen zum Thema Change Management verweist Burchardt auf das vom US-amerikanischen Psychologen Kurt Lewin entwickelte »Change-Modell« des fortlaufenden Auftauens, Änderns und Wieder-Einfrierens von Berufseinstellungen.

Pädagogische Freiheit wird geopfert

Als wichtigen Rat gibt er den Leser*innen mit, dass sich Change-Prozesse »nicht kapern« lassen. Es gelte nicht zu glauben oder nicht dem Galuben zu verfallen, durch die eigene Mitarbeit in einer Steuergruppe die »sozialtechnologische Rationalität«, welche die »Schulentwicklung« leite, von innen heraus ändern zu können.

Einen sehr anschaulichen Eindruck, was Sozialtechnologie ist, vermittelt die Tabelle eines Kompetenzrasters, das im Zentrum des Tagungsbeitrags des Schweizer Pädagogen Carl Bossard steht. Dieses Raster erstreckt sich über zwei engbedruckte Seiten. Es stellt eine Matrix zur sogenannten Selbst-Kompetenz-Evaluation dar. Abgefragt werden 72 Kompetenzen. Die Matrix wird in der zweiten Grundschulklasse verwendet, um mit Eltern die »Fähigkeiten und Fertigkeiten« zu besprechen, die ein Kind »im Rahmen des Lernprozesses zu erlangen hat«.

Weitere Beiträge des Tagungsbandes reflektieren kritisch die neuen Kontrolltechnologien der Schulinspektion; so auch Karl-Heinz Dammers Text »Der sanfte Inspektor«. Dammers Analyse des schulischen Steuerungssystems zur Effizienzsteigerung kommt zu dem Schluss, »dass die Schulaufsicht kein Vertrauen mehr in die professionelle Autonomie der Lehrkräfte hat«. Volker Ladenthins Analysen zur Lehrer*innenbildung an der Universität warnen abschließend vor der Gefahr einer »Entwissenschaftlichung des Lehrberufs«, weil pädagogische Wissenschaft zunehmend zur »Akzeptanzbeschaffung« für politisch-ökonomische Entscheidungen umfunktioniert werde.

Manche Leser*innen werden sich verwundert die Augen reiben und sich fragen, wer einen solchen Umbau des gesamten Bildungssystems eigentlich will und warum sich so wenige Lehrer*innen gegen den Change-Prozess wehren. Der Tagungsband gibt die Antworten darauf mehr implizit, indem er zeigt, wie pädagogische Begriffe umcodiert und mit technokratischen Begriffen amalgamiert werden, so dass der Eindruck entsteht, an einem emanzipativen Projekt teilzunehmen. Das sei auch der Grund, weswegen dieser Prozess von linken und linksliberalen Parteien mitgetragen werde. Zum anderen zeigt der Tagungsband, dass es sich um ein schwer durchschaubares Geflecht von Akteuren handelt: von OECD-Beamt*innen und Politiker*innen bis hin zu Stiftungsvorständen und Manager*innen von EdTech-Firmen (Educational Technology). Solche Verflechtungen untersucht das kürzlich erschienene Buch »Der bildungsindustrielle Komplex« des Soziologen Richard Münch, das als Ergänzung dringend empfohlen sei. Die machtvolle Durchsetzung des Change-Prozesses ist sicherlich als eine Art Dispositiv zu betrachten, als ein Macht-Wissen-Komplex, der sich durch die Akteur*innen hindurch vollzieht.

Der Tagungsband empfiehlt in der Tradition der Aufklärung seinen Leser*innen, zunächst den ökonomistischen Umbau der Schule zu analysieren, um eigene Ohnmachtsgefühle und die Gründe für die andauernde Erschöpfung zu verstehen.Zudem geht es, wie Silja Graupe formuliert, darum, was es heißt, zu einem »Rädchen im Produktionsgetriebe von Humankapital« degradiert zu werden. Den Leser-*innen stellt sich dabei die Frage, ob und wie das erschöpfte Selbst in einem Akt der Solidarität mit anderen sagen kann: So möchten wir als Pädagog*innen nicht arbeiten.        

Matthias Burchardt/Joachim Krautz (Hrsg.), Im Hamsterrad. Schule zwischen Überlastung und Anpassungsdruck, Time for Change? Teil II, München 2019