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SchuleNeues Lernen in Kreuzberg

Die Nürtingen-Grundschule und die Refik-Vesili-Sekundarschule bieten eine überzeugende Raumgestaltung und bruchlöse Übergänge. Ihre erfolgreiche Kooperation steigert die Attraktivität beider Schulen.

05.09.2017 - von Ulrich Meuel und Klaus Will

Glück muss man haben. Dass unter den Eltern der Nürtingen-Schule zwei Architektinnen waren, brachte den Willen zur baulichen Veränderung an der Schule wohl erst richtig voran. Susanne Wagner und ihre Kollegin Katharina Sütterlin mit beruflicher Erfahrung als Tischlerin und Innenarchitektin waren Mitglieder der Arbeitsgruppe Raumgestaltung der Schule, denen das etwas heruntergekommene Gebäude ein Dorn im Auge war. Es besaß zu wenig positive Ausstrahlung und die Montessori-Pädagogik erforderte eine Optimierung des Lernumfeldes.

An der Nürtingen-Grundschule lief das von den Architektinnen angestoßene Projekt »Gestaltete Lernumgebung« von 2007 bis 2010 unter sehr starker Beteiligung der Schüler*innen und der Eltern. Die Schüler*innen wurden nicht nur nach ihren Bedürfnissen gefragt, sondern sie halfen auch tatkräftig mit bei Planung und Herstellung der Möbel und geeigneter Einbauten – zum Beispiel des großen Podestes, das nun in vielen Klassenräumen zu finden ist. Aylina aus der JüL-Klasse 1-3 schreibt beispielsweise, sie habe »serfiel gelernd: Segen und Boren«. Auf der Homepage der Macherinnen findet man anregende Filme zur Planungs- und Arbeitsphase.

Maßgeschneiderte Möblierung, durchdachte Raumplanung

Markus Schega, der Schulleiter der Nürtingen-Grundschule, ist 2009 an die Schule gekommen, also mitten im laufenden Projekt, das er voll unterstützte. Mit ihm und Susanne Wagner schauen wir uns die umgestalteten Klassenräume an. Uns interessiert, wie man wilhelminische Schulen, deren Vorbild die Kasernenarchitektur war, für neue Lernformen umbauen kann, ohne dass der Charme der alten Gebäude verloren geht. Denn die Schule ist im Jahr 1876 ursprünglich als Gymnasium errichtet worden. Bei solchen Gebäuden ist ein Umbau aufgrund des Denkmalschutzes, aber auch aufgrund der massiven Bauweise nur eingeschränkt möglich. So haben die Klassenräume lediglich eine Größe von 58 qm – eigentlich zu klein für heutige Maßstäbe. Aber tatsächlich wirken diese Räume aufgrund der anderen Möblierung sehr viel größer. Es fehlen die üblichen Tische und Bänke, das Lehrkräftepult und die Tafel, die von unterschiedlichen Sitz- und Arbeitsplätzen und dem Podest ersetzt wurden. Alles wirkt durchdacht und strahlt ein Willkommensgefühl aus. Und auch nach sechs Jahren eifriger Nutzung sieht alles noch sehr gepflegt aus.

Ein weiterer sehr wichtiger Punkt bei der Umgestaltung war die Verbesserung der Raumakustik. Jeder Klassenraum wurde hier mit zusätzlichen Dämmmaterialien ausgestattet. Dort und bei den Fluren und Treppen war zwar auch der Denkmalschutz zu berücksichtigen, aber in beiden Fällen sind nicht nur durch Akustikpaneele Verbesserungen, sondern auch optisch überzeugende Nachrüstungen gelungen. Dies war insbesondere auf den Fluren sehr wichtig, denn diese werden auch als Arbeits- und Spielflächen genutzt. In Zusammenarbeit mit dem Brandschutz wurde hier eine Möblierung konstruiert, die sowohl die Bedürfnisse der Schule, als auch den Brandschutz berücksichtigt. Die Öffnung der Klassenräume hin zum Flur ist leider aufgrund der baulichen Gegebenheiten weiterhin nicht möglich.

Räumlich und pädagogisch zusammenwachsen

Inzwischen sind alle Räume der Grundschule neu eingerichtet und die Schule ist voll auf das Montessori-Konzept und auf das jahrgangsübergreifende Lernen eingeschworen. In der Schule liegen jeweils zwei JüL-Klassen aus der Stufe 1,2 und 3 und der Stufe 4, 5 und 6 räumlich eng beieinander und kooperieren umfassend. Im Endausbau soll die Schule 24 Klassen mit rund 600 Schüler*innen haben.

Auf dem weiträumigen Schulgelände befindet sich auch das Gebäude der ehemaligen E.O. Plauen-Grundschule, die in die Nürtingen-Grundschule integriert wurde. In einen Teil der Räume soll die Oberstufe der benachbarten Refik-Veseli-Sekundarschule einziehen. Inzwischen wird das Gebäude saniert und für die gemeinsame Nutzung vorbereitet. Bis jetzt ist allerdings keine Gemeinschaftsschule der beiden Partner*innen vorgesehen. Möglich wäre vielleicht ein Campus-Modell. Den Platz dafür gibt es auf dem weitläufigen Gelände. Wichtig ist für den Schulleiter Markus Schega vor allem, dass der überschaubare Charakter der Schule erhalten bleibt.

Auch ohne gemeinsame Leitung arbeiten die Nürtingen-Grundschule und die Refik-Veseli-Sekundarschule eng zusammen. Deshalb wurde auch der sehenswerte wilhelminische Bau der Refik-Veseli--Schule einfühlsam erweitert und umgebaut und entsprechend neuer pädagogischer Anforderungen modernisiert. Es wurden Teambereiche als Cluster gestaltet und Gruppenräume in vorgesetzten Neubautürmen geschaffen. Diese dienen jetzt als Bereiche des freien Lernens für die Montessori-Klassen. Auch sie wurden zusammen mit den Macherinnen vom »Bauereignis« umgestaltet. Die gelungene Umwandlung der alten Gebäude für die neuen Bedürfnisse wird nicht nur belohnt durch zufriedene Schüler*innen und zufriedenes Schulpersonal, sondern ebenso durch die Anerkennung der zahlreichen Besucher*innen. Das zeigen die neuen Anmeldezahlen.

Eine Montessori-Klasse der Grundschule wird jeweils in der Sekundarschule jahrgangsübergreifend weitergeführt. Wie die Schulleiterin Ulrike Becker ausführt, hat gerade diese Maßnahme die Anzahl von Anmeldungen aus bildungsinteressierten Familien an der Refik-Veseli-Schule enorm befördert. Gab es vor vier Jahren lediglich 16 Anmeldungen für die 7. Klassen, so mussten für das Schuljahr 2017/18 bereits Schüler*innen abgewiesen werden. Die Quote mit gymnasialer Empfehlung ist auf ein Drittel gestiegen. Ulrike Becker bezeichnet diese Kooperation als »Bildungsbrücke«, also als »gestalteten Übergang«. Geschätzte 60 Prozent der Kinder aus der Montessori-Klasse der Nürtingen-Grundschule nutzen bereits diesen Weg des gemeinsamen Lernens. Ziel ist das jahrgangsübergreifende Lernen auch in der Sekundarstufe.

Auch mit der benachbarten Fichtelgebirgs-, der Rosa-Parks- und der Heinrich-Zille-Grundschule gibt es Vereinbarungen über Bildungsbrücken. Zurzeit ist die Refik-Veseli-Schule dreizügig, angestrebt wird eine Vierzügigkeit. Damit – und zusammen mit der Kooperation mit einer benachbarten Sekundarschule ohne Oberstufe – wird der Bestand der geplanten Oberstufe gesichert. Um beim Übergang der Sekundarstufe I zur gymnasialen Oberstufe bruchloses Lernen zu ermöglichen, unterrichten in den Klassen der Sekundarstufe I möglichst viele Lehrkräfte mit Erfahrung im gymnasialen Bereich. Die eigene Oberstufe steigert die Attraktivität der Schule. Bereits jetzt gibt es für die kommenden 11. Klassen 50 Anmeldungen.