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OSZ - Schule mit ZukunftUngenutztes Potential

Die Gründung der Oberstufenzentren (OSZ) Ende der 70er Jahre sollte die Gleichwertigkeit allgemeiner und beruflicher Bildung ermöglichen und allen jungen Menschen Chancengleichheit bieten. Ein Rückblick auf die über 40jährige Geschichte der OSZ in Berlin.

08.03.2021 - von Rosemarie Pomian und Herbert Hannebaum

Vor über 40 Jahren, im September 1979, öffneten in Berlin die ersten sechs Oberstufenzentren (OSZ) ihre Türen. Der deutsche Bildungsrat forderte damals sowohl die Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung als auch wissenschaftsorientiertes Lernen in der beruflichen Bildung. Berufliche und allgemeine Schulen sollten in der Übergangszeit eng kooperieren.

Aus diesem Reformdruck entstand die OSZ-Konzeption. Ziele waren beispielsweise die Ausweitung und Modernisierung des theoretischen Unterrichts durch moderne Unterrichtsformen, verstärkter Medieneinsatz und ein differenziertes Lernangebot, um die Lernprozesse zu individualisieren. Der Anteil der Allgemeinbildung innerhalb der beruflichen Bildung sollte verstärkt und Bildungsgänge der Doppelqualifizierung und Doppelprofilierung mit berufs- sowie studienqualifizierenden Bildungsangeboten eingerichtet werden. Außerdem war geplant, im sogenannten »Berufsgrundbildungsjahr« eine breite berufliche Grundbildung stattfinden zu lassen, und nicht zuletzt mit Hilfe der curricularen Vernetzung die Durchlässigkeit zwischen allen Bildungsgängen zu gewährleisten. Am deutlichsten sichtbar war das nach dem erfolgreichen Abschluss des damaligen Berufsgrundbildungsjahres, der dazu führte, dass sich die Ausbildungszeit um ein Jahr verkürzte.

Eine Chance für die Gleichwertigkeit

Die Berufsbildner*innen in der GEW BERLIN sahen die Möglichkeit, die Gleichwertigkeit allgemeiner und beruflicher Bildung zu erreichen und somit letztendlich die Chancengleichheit erheblich zu fördern. Um es gleich vorweg zu nehmen, davon sind wir auch im Jahr 2021 noch weit entfernt.

Die Väter (Mütter sind uns jedenfalls nicht bekannt) der OSZ-Planungsgruppe der Senatsverwaltung verbreiteten noch die Hoffnung auf eine endgültige Festschreibung von Klassenfrequenzen aufgrund der realisierten Klassenraumgrößen für 25 Schüler*innen. Die Arbeitssituation für Lehrer*innen nach der Eröffnung der ersten Oberstufenzentren war relativ gut: 23 Stunden Unterrichtsverpflichtung; für lebensältere Kolleg*innen Altersermäßigung; die sogenannte »Prüferermäßigung« für Kolleg*innen, die Kammerprüfungen abnahmen; und die Unterstützung durch Sozialarbeiter*innen, Labortechniker*innen, Medienwart*innen, Drucker*innen und Bibliothekar*innen und vielen anderen mehr.     

Bis 1989 waren zwölf weitere OSZ entstanden und mit dem OSZ Bau/Holz in Spandau auch der teuerste Standort realisiert, in den die Otto-Bartning-Schule, die Berufsfachschule für Bauhandwerker*innen, aufgenommen wurde. Die Lehrkräfte in der Fachtheorie unterrichteten nur noch 22 Stunden und die Altersermäßigung war erhöht worden.

Die 90er Jahre brachten uns die Wiedervereinigung, neue Filialen für die Oberstufenzentren, die im Ostteil der Stadt waren, schließlich die Selbstständigkeit dieser Filialen, aber auch OSZ-Neugründungen. Insgesamt erhielten wir zwölf neue OSZ-Standorte. Die Berliner OSZ und die berufsbildenden Schulen schafften am schnellsten das Zusammenwachsen von Ost und West, schließlich arbeiteten die Menschen teilweise in einem Kollegium.

Bildungspolitische Leuchttürme verschwanden

Wir erlebten aber auch das bildungspolitische Leuchttürme verschwanden. Die vielleicht größte Enttäuschung für die Berufsbildner*innen in der GEW BERLIN, aber auch insbesondere für die Kolleg*innen aus der DDR war die Streichung des Bildungsganges Berufsausbildung mit Abitur nach der Vereinigung 1990. Seit 2018 ist er wieder eingeführt, heißt jetzt aber Berufsabitur oder Duales Abitur – nur nicht an die ehemalige DDR erinnern – und kann beispielsweise im Heizungs- und Sanitärgewerk oder im Ausbildungsberuf Hotelfachmann/-frau abgelegt werden.

Aber die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts markieren auch die Zeit der einsetzenden Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen: Kürzungen der Altersermäßigung, Streichung der Ermäßigung für Prüfer*innen, Erhöhung der Pflichtstunden und der Klassenfrequenzen, Stellenstreichungen bei Medienwart*innen und Drucker*innen und Anfang des 3. Jahrtausends auch noch die Abschaffung aller Stellen in den einzigartigen OSZ-Fachbibliotheken. Es folgten zwei weitere Erhöhungen der Pflichtstundenzahl und beim sogenannten unterrichtsnahen Personal, also beispielsweise Labortechniker*innen, Schulhausmeister*innen, Schulsekretär*innen und vielen weiteren, eine Absenkung der Vergütung bei gleichzeitiger Reduzierung der Arbeitszeit, aber ohne Reduzierung der Arbeit. Sparen, bis es quietscht oder: Berlin ist arm, aber sexy.

Raus aus den Bezirken

1995 wurden die OSZ und die berufsbildenden Schulen aus der Schulträgerschaft und der Schulaufsicht der Bezirke gelöst und sind seitdem zentral verwaltet. Die Bewertung dieser Maßnahme fiel unterschiedlich aus. Einerseits wurden die OSZ sichtbar in der Berliner Schullandschaft. OSZ sind große und teure Organisationseinheiten, die zentrale Finanzierung aus dem Landeshaushalt entlastete die Bezirkskassen enorm. Andererseits zerstörte sie unter anderem die engen Kontakte zwischen den Kolleg*innen der allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen. Es gab keine gemeinsamen Sitzungen in den Bezirkslehrer*innenausschüssen mehr. Als ein Ersatz diente die von der GEW BERLIN gegründete Abteilung berufsbildende Schulen (ABS), wo sich die Kolleg*innen nach wie vor in einer gemeinsamen Bezirksgruppe befanden.

OSZ zu Kompetenzzentren

Eine Zäsur stellt das Jahr 2004 dar. Im neuen Schulgesetz wurde formuliert, dass sich OSZ zu Kompetenzzentren entwickeln sollen. Des Weiteren sah das neue Schulgesetz vor, dass Schulen selbstständiger, autonomer und eigenverantwortlicher werden sollten – und zwar in pädagogischen, personellen, organisatorischen und finanziellen Angelegenheiten. Natürlich hatten die unterschiedlichen Akteur*innen der beruflichen Bildung unterschiedliche Vorstellungen, was überhaupt damit gemeint war. Aber es war der Startschuss für jahrelange Diskussionen, Konzeptionen und Arbeitsgruppen. Vorausgegangen in den Jahren vorher waren bundesweite Diskussionen, wie sich in Zeiten der technologischen Innovationen in der Berufswelt die klassischen Berufsfelder wandeln, neue Berufsbilder entstehen und wie die öffentliche berufliche Schule damit Schritt halten kann. Als Beispiel des Wandels im technisch-gewerblichen Bereich kann die Drucktechnik dienen. Alte Berufe, wie beispielsweise der der Schriftsetzer*innen, starben aus, neue Berufe, wie Mediengestalter*innen, entstanden.

In der Zeit ab 2000 bis circa 2010 hatte die Ernst-Litfaß-Schule, vormals OSZ Drucktechnik, später OSZ Druck- und Medientechnik, jährlich bis zu 13 duale Ausbildungsklassen im 1. Ausbildungsjahr. Der Innovationsdruck zeigt sich schon anhand der personellen Bedürfnisse an zusätzlichen Lehrkräften und den immensen zusätzlichen Raumkapazitäten – ganz zu schweigen von den Werkstätten und der permanenten Anschaffung zeitgemäßer Hard- und Software.

Keine betriebswirtschaftliche Organisation

Die Berufsbildner*innen in der GEW begleiteten den Prozess »OSZ zu Kompetenzzentren« und »Weiterentwicklung und Stärkung der OSZ« mit sehr viel Skepsis. Nicht, weil wir den Anpassungsdruck der OSZ nicht einsahen oder eine Aufwertung der beruflichen Bildung für chancenlos hielten, sondern vielmehr deshalb, weil wir eine betriebswirtschaftliche Ausrichtung der öffentlichen beruflichen Schule, der damit einhergehen sollte, ablehnten. Für die Berufsbildner*innen stand und steht fest, dass Schule kein Betrieb und Schüler*innen keine Kund*innen sind. Eine Konkurrenz zwischen den einzelnen OSZ, eine betriebswirtschaftliche Organisation mit Schulleiter*innen als Geschäftsführer*innen, eine Anbieterposition auf dem Bildungsmarkt und eine damit be-gründete eigene Rechtsfähigkeit der OSZ entspricht nicht unserem Selbstverständnis einer innovativen und eigenverantwortlichen Schule.

Benachteiligung entgegenwirken

Wir stehen für eine demokratische Verfasstheit anstatt einer betriebsförmigen Organisation. Eigenverantwortung muss dem Ziel dienen, jungen Menschen optimale berufliche Entwicklungschancen zu ermöglichen und Benachteiligungen entgegenzuwirken, die durch soziale und nationale Herkunft, Geschlecht und so weiter bedingt sind. Alle betriebswirtschaftlich genannten Aspekte spielten in den Diskussionen der letzten 20 Jahre eine große Rolle.

Welches Ergebnis ergaben nun die Diskussionen und vielfältigen Arbeitsgruppen für die OSZ heute? Verwaltungstechnisch sind die OSZ und beruflichen Schulen tatsächlich aufgewertet worden. Sie werden seit 2019 in einer eigenen Abteilung »Schulische Berufliche Bildung« innerhalb der Senatsbildungsverwaltung organisiert. Sie wurden nicht, anders als in anderen Bundesländern, aus dem Ressort Bildung ausgegliedert und auch nicht in eine andere Rechtsform umgewandelt.

Der Anpassungsdruck an den technologischen Wandel blieb und bleibt allerdings bestehen. Das zeigt sich nicht nur an den sich verändernden Berufsbildern, sondern vielmehr auch an der Notwendigkeit, ein passendes Übergangssystem an den OSZ zu etablieren. Immer mehr junge Menschen wurden und werden »abgehängt« – sie haben keinen allgemeinbildenden oder beruflichen Abschluss. Diese Jugendlichen finden sich dann zumeist in den OSZ wieder. Den Übergangssystemen von der allgemeinbildenden Schule zum OSZ, vor allem aber vom OSZ in den Arbeitsmarkt kommen eine immer größere Rolle zu. Die Abschaffung des 11. Pflichtschuljahres an einer berufsbildenden Schule im Jahr 2004 hat die Lage für die jungen Menschen dramatisch verschlechtert. Als Antwort darauf wurde nunmehr in der schulischen Berufsvorbereitung der Bildungsgang IBA konzipiert und etabliert.

Unternehmen und Betriebe mit ihren Interessenverbänden beobachten Bildungsgänge der Berufsvorbereitung an den OSZ mit Argusaugen. Sie behaupten, dass OSZ ihnen potenzielle Auszubildende wegnehmen. Dies ist allerdings weit gefehlt: Seit Jahren bauen die Unternehmen Ausbildungsplätze ab und zusätzlich schrauben sie die Anforderungen an das Eintrittsticket in eine Ausbildung in die Höhe, obwohl sie öffentlich permanent über den bereits heute bestehenden und zukünftigen Facharbeiter*innenmangel jammern.

Aber dies liegt im gesellschaftlichen Trend – seit zwei Jahrzehnten. Stichwort: Akademisierungswahn. Hier schließt sich der Kreis zur Forderung der Gleichwertigkeit von Berufsbildung und Allgemeinbildung. Wir sind inzwischen weiter davon entfernt als bei der Entstehung der OSZ.

Allgemeinbildung bleibt unangetastete Königin

Die Königsbildung in der Gesellschaft ist eben die Allgemeinbildung, leider auch in unserer Gewerkschaft. Das Abitur und die Hochschulausbildung werden seit zwei Jahrzehnten gehypt, die Berufsbildung in die Ecke gestellt und lächelnd zur Kenntnis genommen. Die Anstrengungen einer Gleichstellung sind gescheitert – sozialer Status und Einkommen sind abhängig von dem jeweiligen Bildungsabschluss und Hochschulzugang erhalten im Wesentlichen Menschen mit Hochschulreife. Politik und Gesellschaft haben jahrzehntelang die Chance vertan, das Potential und das Angebot der OSZ zu nutzen, um die Gleichwertigkeit stetig voran zu treiben.

Schließlich führten die oben beschriebenen Entwicklungen an den OSZ seit 2000 zu einem immensen Arbeitsaufwuchs und einer enormen Arbeitsbelastung. 2004 wurde die Pflichtstundenzahl auf 26 Unterrichtsstunden erhöht. Zwar sollte diese mit fünf Arbeitszeitkontentagen pro Jahr kompensiert werden, allerdings wurde mit dem Wegfall des Ansparens dieser fünf Tage die Ausweitung der Unterrichtsverpflichtung zementiert. Zusätzlich wurden die außerunterrichtlichen Tätigkeiten in die Höhe geschraubt – ohne Kompensation.

Arbeitsbelastung enorm

In den OSZ wurde im dualen Bereich – aufgrund des Wandels der Berufsbilder und der veränderten Kompetenzvermittlung – der klassische Fächerkanon abgeschafft. Die Kolleg*innen erarbeiteten den Zuschnitt und die curricularen Rahmenbedingungen der neuen Berufsbilder. In den unterschiedlichen Berufen müssen kontinuierlich bis heute Lernfeldkonzeptionen mit Lehr- und Lernsituationen aktualisiert werden, natürlich für jedes Ausbildungsjahr. Die praktischen Kammerprüfungen in vielen Ausbildungsberufen mussten und müssen in ganzheitliche Handlungssituationen modifiziert werden. Der Prozess der Eigenverantwortung der OSZ führte zu einer permanenten Schulentwicklung mit Schulprogramm und Evaluation. Es werden »Tage der offenen Tür«, Ausbilderabende und vieles mehr geplant und durchgeführt. Die Bildungsgänge des Übergangssystems mussten neu konzeptioniert, erprobt und modifiziert werden. Die Lernortkooperation mit den Betrieben muss immer wieder neu hinterfragt, ausgeweitet und systematisiert werden. Die Akquise von Praktikumsplätzen und die Betreuung der Schüler*innen im Praktikum sind zeitintensiv und oftmals außerhalb des regulären Unterrichts zu bewerkstelligen. Diese Aufzählung ließe sich noch weiter fortsetzen. Fest steht: Die Arbeitsbelastung geht inzwischen weit über das Maß hinaus, was für eine Gewerkschaft hinnehmbar ist!

Lernfeldkonzeptionen

Der Lernfeldansatz geht vom Handeln in Arbeitssituationen aus und fragt nach den dafür benötigten Kompetenzen. Es ist eine weitgehende Abkehr von der fachsystematischen Stoffvermittlung.