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Wie Lernrückstände im Rahmen der Ferienschule kompensiert werden sollen, besprach die bbz mit Ulrike Becker, der für diesen Bereich zuständigen Oberschulrätin in der Senatsverwaltung.

12.03.2021 - Das Interview führte Ralf Schiweck

bbz: In unserer Ausgabe vom Oktober 2020 hatten wir einen Artikel zur Sommerschule der Senatsschulverwaltung. Erklärtes Ziel der Ferienschule ist es, den Schüler*innen die Möglichkeit zu bieten, den durch die Corona-Krise entstandenen Lernrückstand zu minimieren. Sie sind von einem Zulauf von circa 11.000 Schüler*innen ausgegangen. War Ihre Einschätzung einigermaßen zutreffend?

Becker: Die Gesamtzahl der Anmeldungen wurde richtig eingeschätzt. Es wurden deutlich mehr Kinder aus den Jahrgangsstufen eins und zwei angemeldet als aus den weiterführenden Schulen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte mehr Anmeldungen aus den Jahrgangsstufen sieben bis neun erwartet, insbesondere aus der Jahrgangsstufe sieben des Gymnasiums.

Bei dieser starken Nachfrage ist davon auszugehen, dass es auch 2021 ein vergleichbares Angebot geben wird.

Becker: Mitte November fand eine Veranstaltung zur Auswertung des Projektes Sommerschule 2020 statt. Der Vorsitzende des Landeselternausschusses, Norman Heise, der Landesschüler*innensprecher Richard Gamp und Peter Heckel vom Landesschulbeirat haben sich deutlich für die Fortsetzung des Projektes im Jahr 2021 ausgesprochen. Diesem Votum haben sich alle anderen anwesenden Akteur*innen angeschlossen. Aktuell wird auch geprüft, ob die Finanzierung des Projektes Ferienschule 2021 mit Lernangeboten in den Oster-, Sommer- und Herbstferien möglich sein wird. Das Projekt soll auch 2022 und 2023 fortgesetzt werden.

Welches Ziel haben Sie genau mit der Ferienschule verfolgt, und welches Konzept wurde dafür entwickelt?

Becker: Das Projekt Sommerschule 2020 sollte Kindern und Jugendlichen, die Leistungen nach dem Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) beziehen oder bedingt durch die Corona-Pandemie in eine Problemlage geraten sind, eine Möglichkeit bieten, Lernrückstände abzubauen.

Für die Teilnehmenden wurden Lerngruppen mit bis zu acht Schüler*innen angeboten. Im Idealfall sollten die Schüler*innen insgesamt vier Lernwochen in den Sommer- und Herbstferien mit jeweils 15 Wochenstunden Lernangebot absolvieren.

Die Lerninhalte bezogen sich auf die Kernfächer Mathematik, Deutsch und Englisch und sollten unmittelbar an die Unterrichtsinhalte in der Stammklasse anknüpfen. Die Lehrkräfte, die die Kinder und Jugendlichen in den Stammklassen unterrichten, wurden gebeten, die Themen und Lernmaterialien zur Verfügung zu stellen. In einem vor- und nachbereitenden Gespräch der Lehrkraft der Stammklasse mit den Eltern, der Schüler*in sowie der Förderkraft, sollte das Material übergeben, ein kurzer Förderplan mit bis zu drei Zielen formuliert und gegebenenfalls ein Lernvertrag abgeschlossen werden.

Es gab also eine Vereinbarung zur kontinuierlichen Zusammenarbeit zwischen Schule und Sommerschule und Eltern?

Becker: Nach den Ferien sollte mit denselben Personen ein Auswertungsgespräch anhand des geführten Ferienlogbuches erfolgen. Die Gespräche waren für alle Beteiligten zeitlich aufwendig und aufgrund der Verpflichtungen der Förderkräfte vor und nach dem Ferieneinsatz schwer zu organisieren. Das bedauere ich, da die Feedbackgespräche ein wichtiger Teil des Konzepts sind. Das muss beim nächsten Durchlauf besser werden.

Welche Rückmeldungen haben Sie im Jahr 2020 von Seiten der Lehrkräfte, der Eltern und der Förderkräfte erhalten, und für wie erfolgreich würden Sie die Durchführung, gemessen an den Zielvorstellungen, halten?

Becker: Von Eltern gab es nur sehr wenige und vereinzelte negative Rückmeldungen zur konzeptionellen Gestaltung des Projektes. Aufgrund der Kürze der Zeit, die zur Organisation des Projektes zur Verfügung stand, erfolgte weder eine Befragung der Lehrkräfte in den Schulen noch eine Befragung der Eltern. An drei Schulen wurde eine Befragung der Schüler*innen von den Teilprojektträgern realisiert. Die Rückmeldungen waren in allen Bereichen sehr positiv. Die meisten Förderkräfte äußerten, dass ihnen die Tätigkeit in der Sommerschule Spaß gemacht habe und sie wieder dabei sein möchten. Wenige und vereinzelte Förderkräfte haben sich negativ über die Organisation geäußert.

Die Kritik an den Veranstaltungen bezog sich auf zwei Aspekte. Zum einen wurde der Wunsch geäußert, dass die Kinder in den Ferien auch Spiel- und Erholungsangebote bekommen, zum anderen soll es eine strukturierte Lernumgebung mit Lernkonzepten geben, die sich an den Lerninhalten der Berliner Schule orientiert. Welche Veränderungen für dieses Jahr haben Sie geplant?

Becker: Das Sommerschulangebot umfasste nur drei Zeitstunden täglich mit einem Fokus auf die Kernfächer. So blieb genug Zeit für Spiele und Erholung am Nachmittag. Die Ferienschule ist als ein Baustein im Förderkonzept der Schulen zu verstehen. Dieser Aspekt soll in den kommenden Jahren vertieft und die Organisation der Feedbackgespräche soll optimiert werden.

Denken Sie auch über eine längere Vorbereitungszeit für die Förderkräfte nach?

Becker: Die Lernangebote in der Ferienschule können und sollen den Unterricht in den Schulen nicht ersetzen. Die Aufgaben einer Förderkraft in der Sommerschule waren vergleichbar mit der einer Förderkraft in der ergänzenden Lernförderung. Deshalb ist es zwar wünschenswert, aber keinesfalls notwendig, dass es sich bei den Förderkräften um ausgebildete Lehrkräfte handelt. Die Qualifizierung der Förderkräfte im Projekt Sommerschule 2020 war daher völlig ausreichend.

Wie sah die Vorbereitung der Förderkräfte aus?

Becker: Die Förderkräfte, die Sommerschulkurse für Schüler*innen der Jahrgangsstufen eins und zwei anboten, wurden über die regionale Fortbildung und das Zentrum für Sprachbildung Qualifizierungen im Umfang von bis zu sechs Stunden zu den Themen »Sprachbildung« sowie »Lernmaterialien in der Schulanfangsphase« angeboten. Es wurden Präsenzveranstaltungen und Online-Seminare durchgeführt.

Viele Förderkräfte haben auch aufgrund anderer beruflicher Verpflichtungen oder aufgrund von Verpflichtungen als Studierende vor den Schulferien kaum Zeit, an solchen Qualifizierungen teilzunehmen. Insofern würde eine Erweiterung des Qualifizierungsangebotes an der Lebensrealität der Förderkräfte vorbeigehen.

Kritische Stimmen äußerten, dass es offensichtlich Mängel in der Organisation und Vorbereitung gegeben habe. Werden Sie die freien Träger für die Ferienschulen anders auswählen?

Becker: Das Projekt Sommerschule 2020 war Teil des Corona-Krisenmanagements und musste sehr kurzfristig geplant und organisiert werden. Der Projektbeginn war am 18. Mai 2020 und die Lerngruppen starteten am 29. Juni 2020. Aus meiner Sicht ist unter diesen Umständen die Organisation und Vorbereitung gut gelaufen. Es gab allerdings unterschiedliche Erwartungen an die vertraglichen Konditionen, zu denen die Lerngruppen durchgeführt werden sollten. Es waren klärende Gespräche zwischen Anbietern und der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie notwendig, was zu zeitlichen Verzögerungen führte. Diese trugen dazu bei, dass nicht in allen Schulen die vorbereitenden Gespräche und die Übergabe von Materialien stattfinden und einige Eltern erst nach Beginn der Schulferien über den genauen Zeitpunkt der Lerngruppe ihres Kindes informiert werden konnten. Aus meiner Sicht haben die Teilprojektträger und der Projektträger tjfbg gGmbH einen sehr hohen Arbeitseinsatz gezeigt und eine sehr gute Arbeit geleistet.