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HochschuleStrategiewechsel jetzt

Die Berliner Hochschulen brauchen eine langfristige Digital-Strategie für die Lehre. Dabei muss die Perspektive aller Hochschulangehörigen in den Blick genommen werden.

21.03.2021 - von Larissa Klinzing

Das Sommersemester 2020 hat eine Zäsur in der Entwicklung der Hochschulen in Deutschland markiert. Gerade in Berlin als dem größten Hochschulstandort bundesweit ist der Handlungsbedarf über die Corona-Zeit hinaus besonders deutlich geworden. Wurde das Krisenmanagement der Berliner Landespolitik und der Hochschulleitungen auf die temporären Maßnahmen zur Überbrückung der pandemiebedingten Probleme fokussiert, müssen schon heute die mittel- und langfristigen Lösungen in Angriff genommen werden, die die Hochschulen nicht nur krisenfest, sondern auch zukunftssicher machen.

Die besonders kritischen strukturellen Schwachstellen der Hochschulen lassen sich nicht einfach reparieren. Der Strategiewechsel in der Hochschulentwicklung muss umfassend sein. Und er darf nicht erst auf die Zeit nach den Berliner Wahlen am 26. September verschoben werden. Wichtig dabei ist auch: Die strategischen Herausforderungen können nicht ohne Mitwirkung und Mitbestimmung aller Hochschulangehörigen und ihrer Interessenvertretungen bewältigt werden. Seit Beginn der Pandemie haben Krisenstäbe in den Hochschulen und Task Forces auf der Landesebene weitgehend die Gremien der akademischen Selbstverwaltung und die Personalräte aus den Entscheidungsprozessen herausgehalten. So kann es nicht weitergehen.

Zu einer der dringendsten Aufgabe gehört die Aufwertung der Rolle von Studium und Lehre insbesondere in den Universitäten und in der Landespolitik. Im Ad-hoc-Prozess der Umstellung auf die digitalisierte Lehre im Sommersemester waren die Hochschulen in erster Linie bemüht, die Probleme der Rechtssicherheit und der praktischen Umsetzung der neuen Lehr- und Prüfungsformate zu lösen. Die temporären Lösungen erfolgten in der Annahme einer baldigen Rückkehr zur Präsenzlehre. Mit dem Beginn der Vorbereitung zum Wintersemester entbrannte eine hitzige und sehr kontroverse Debatte pro und contra Digital- und/oder Präsenzlehre. Unter den Bedingungen einer weiter fehlenden Planungsperspektive stellten sich dabei die Stärken und die Schwächen der beiden Formen deutlicher heraus. Die Vorbereitung auf ein Hybrid-Semester und sehr dynamisch entwickelte Online-Lehrformate beschleunigte den Übergang zu einer systematischen didaktischen Weiterentwicklung hybrider Lehr- und Lernszenarien an den Hochschulen, die in der Vergangenheit recht schleppend erfolgte.

Die Digitalisierung in den Hochschulen wurde in den letzten Jahren mit Hilfe der Bundesmittel vorrangig für die Forschung und Organisation des Lehr- und Prüfungsbetriebs vorangetrieben. Die Online-Angebote im Lehrbetrieb wurden überwiegend als Hilfsmittel zum Selbststudium und der Präsenzlehre etabliert.

Um die digitalisierte Lehre zum dauerhaften Bestand des integrierten Lernens (Blended Learning) zu entwickeln, muss sie aus den Rändern zum Kern der neuen Struktur von Lehre und Studium durchdringen und Präsenzveranstaltungen mit didaktisch sinnvollen Onlinetools zu einer Einheit zusammengeführt werden.

Daraus erwachsen nicht nur Anforderungen an die entsprechende Qualifizierung aller Beteiligten, sondern die notwendigen Voraussetzungen für die Organisation und Durchführung des digitalisierten Lehrbetriebs. Dazu gehören Angebote zur Vernetzung aller Beteiligten einschließlich der didaktischen und technischen Unterstützung der digitalisierten Lehre durch zusätzliches Personal und eine Verstärkung der Rolle der Studierenden im integrierten Lernkonzept, wie es zum Beispiel an der Ludwig-Maximilians-Universität in München mit der Ausbildung der Studierenden zu E-Scouts und der gezielten Förderung der Entwicklung von innovativen Lehrformaten praktiziert wird.

Darüber hinaus müssen die neuen Rahmenbedingungen der Kommunikation zwischen Lehrenden, Studierenden und des unterstützenden Personals im Gesamtkontext der veränderten Arbeitsorganisation und der neuen Kommunikationswege und -formen innerhalb und außerhalb der Lehrveranstaltungen geschaffen werden. Dazu gehören Online-Sprechstunden, Video-Fragechats, Zoom-Sessions, individualisierte Lern- und Beratungsangebote, soziale Netzwerke, Websites.

Die Digitalisierung darf das Personal nicht überlasten

Die bisherige Praxis der Digitalisierung an den Hochschulen, wonach die neuen Aufgaben in der Regel »on top« den Beschäftigten übertragen wurden, würde nicht nur die Überlast des Hochschulpersonals weiter zuspitzen, sondern die gesamte Entwicklung ausbremsen. Die veränderte Struktur des digitalisierten Lehrbetriebs erfordert eine Neubewertung des Arbeitsaufwandes der Studierenden, Lehrenden und der Beschäftigten der Supportstellen. In der Lehrverpflichtung der Lehrenden muss ein adäquater Arbeitsaufwand sowohl bei der Entwicklung als auch bei der Anwendung der Digitalformate bei unterschiedlichen Lehrangeboten abgebildet werden.

Der technische Support an den Berliner Hochschulen entspricht trotz der guten Technik wegen Personalmangels nicht dem enorm gewachsenen Bedarf und muss dringend ausgebaut werden. Praktisch neu muss die Infrastruktur für die didaktische Begleitung digital durchgeführter Lehre und Prüfungen aufgebaut werden. Dringend notwendig sind die digitalisierten Prüfungszentren beziehungsweise größere Prüfungsräume (zum Beispiel für Klausuren), wo echte Digitalprüfungen auch nach der Pandemie durchgeführt werden könnten.

Eine sinnvolle Unterstützung des Lernprozesses bedarf einer funktionierenden Feedback-Kultur auf der ganzen Strecke. Deren Mangel, den die Studierenden seit Jahren beklagen, kann der Leistungsdruck bei den Abschlussprüfungen nicht ausgleichen. Der zeitliche Aufwand für die Beratung der Studierenden ist bei den digitalen Lehrformaten erheblich größer und darf nicht unterschätzt werden.

Die Pandemie hat gezeigt, wie stark alle Teile der Hochschule voneinander abhängig sind. Deswegen müssen die Arbeitsabläufe und dafür notwendigen Ressourcen zusammen gedacht und geregelt werden. Die besonders lange vernachlässigte Gruppe des Personals in Verwaltung, Technik und Service darf nicht mehr als blinder Fleck der Hochschulpolitik behandelt werden.

Hier sind sowohl die Fragen der Arbeitsorganisation, im Sinne selbstbestimmten mobilen Arbeitens inklusive Homeoffice, und der technischen Infrastruktur neu zu regeln, als auch die Überlast der Beschäftigten in diesem Bereich abzubauen. Eine berlinweite empirische Studie über die veränderten Arbeitsbedingungen dieser Beschäftigten könnte eine solide Bestandsaufnahme für die notwendigen Entscheidungen in den Hochschulen und in der Politik liefern.

Nach langer Zeit der bevorzugten Förderung der Forschungsbedingungen in den Hochschulen müssen endlich die Rahmenbedingungen für Studium und Lehre erste Priorität bekommen. Hier reichen die bisherigen überwiegend technikgeleiteten Lösungsansätze bei Weitem nicht aus. Notwendig sind tragfähige Konzepte und Lösungen, die deutlich bessere Arbeits- und Studienbedingungen mit einem wirksamen Gesundheitsschutz, dem notwendigen Modernisierungsschub für digitale und bauliche Infrastruktur und adäquaten Personalressourcen zusammenbinden.

Da bereits in diesem Jahr mit der Vorbereitung der neuen Hochschulverträge in Berlin begonnen wird, müssen die Studien- und Arbeitsbedingungen in den Hochschulen einen zentralen Schwerpunkt dieser Hochschulverträge bilden.  

Der Landesvorstand der GEW Berlin hat ein Positionspapier zum Handlungsbedarf für die Planungs- und Entscheidungsprozesse der Landespolitik und der Berliner Hochschulen für das Jahr 2021 beschlossen.