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Nr. 16/2020Ein bunter Strauß Lehrkräftebildung

11.06.2020

Die GEW BERLIN vermisst beim heute vorgestellten Sonderprogramm zur Lehrkräftebildung ein durchdachtes Konzept. „Wir erkennen an, dass sich der Regierende Bürgermeister und die Bildungssenatorin bemühen, Defizite in der Ausbildung der Lehrkräfte zu beheben. Ob die vorgestellten Maßnahmen reichen werden, den Studienerfolg der Lehramtsstudierenden deutlich zu erhöhen und das ambitionierte Ziel von jährlich 2.000 Lehramtsabsolvent*innen bis Ende 2022 zu erreichen, daran haben wir aber Zweifel!“, erklärte Tom Erdmann, Vorsitzender der GEW BERLIN. Gerade bei der Ausbildung künftiger Grundschullehrkräfte hat der Ausbau der Studienkapazitäten zu Engpässen in der Betreuung und zu Raumproblemen geführt.

Kritisch sieht die GEW BERLIN die angekündigten Veränderungen im Praxissemester. „Wenn künftig reine Unterrichtstätigkeit, zum Beispiel als Vertretungslehrkraft, auf das Praxissemester angerechnet werden soll, konterkariert das dessen Ziel innerhalb der universitären Ausbildung. Es geht um forschendes Lernen und die begleitete Reflexion des eigenen Unterrichts, und zwar in Verantwortung der Universitäten“, sagte Erdmann. Die GEW BERLIN fordert stattdessen, allen Masterstudierenden im Praxissemester eine Vergütung in Höhe von 300 Euro monatlich zu gewähren und eine zeitliche Streckung des Praxissemesters in das Sommersemester hinein zu ermöglichen.

Die GEW BERLIN begrüßt es, dass die Universitäten endlich in die Weiterbildung der Quereinsteigenden einbezogen werden sollen, die nach ihrer Einstellung noch ein oder zwei Fächer nachstudieren müssen. Auch der Ausbau der Quereinstiegsmasterstudiengänge (Q-Master) im Lehramt ist ein richtiger Schritt. „Lehrkräftebildung gehört in die Universitäten und nicht in Weiterbildungszentren der Senatsverwaltung“, unterstrich der GEW-Landesvorsitzende. „Die bisher am Studienzentrum für Erziehung, Pädagogik und Schule (StEPS) in Verantwortung der Senatsbildungsverwaltung durchgeführten sogenannten Studien sind intransparent. Es gibt keine Studien- und Prüfungsordnungen und keine Kontrolle der Arbeit der Dozent*innen, die nicht selten längst aus dem aktiven Dienst ausgeschieden sind. Wir bekommen in der GEW permanent massive Kritik der Quereinsteigenden zur Situation im StEPS. Hier muss sich dringend etwas ändern. Die geplante Evaluation der Lehrkräftebildung muss die Arbeit dieses StEPS und die schulpraktische Ausbildung im Referendariat einbeziehen“, so Erdmann. 

Drei wesentliche Aspekte zur Verbesserung der Lehrkräftebildung vermisst die GEW BERLIN im Sonderprogramm des Senats: Die GEW BERLIN hält erstens eine deutliche Ausweitung der Ausbildungskapazitäten für Quereinsteiger*innen für notwendig, damit die Quereinsteigenden nicht wie bisher erst ein Jahr nach der Einstellung mit ihren „Studien“ beginnen können.

Zweitens fordert die GEW BERLIN, dass gezielt die Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung (LovL) bzw. Seiteneinsteiger*innen für die Quereinstiegs-Masterstudiengänge der Universitäten gewonnen und unterstützt werden. Berlin hat in den letzten zwei Jahren fast 2.000 LovL eingestellt, die aufgrund ihrer Qualifikation in der Regel nicht die Voraussetzungen für den direkten Quereinstieg erfüllen. Erdmann: „Sie hangeln sich von Fristvertrag zu Fristvertrag und werden schlechter bezahlt. Berlin muss diesen Lehrkräften eine Ausbildungschance geben und sie bei Aufnahme eines Q-Masterstudiums durch bezahlte Ermäßigungsstunden unterstützen. Das gilt gleichermaßen für die Lehrkräfte mit ausländischen Lehramtsabschlüssen, die an den Universitäten noch ein Fach nachstudieren müssen. Ein berufsbegleitendes Studium im Lehramt muss gefördert werden.“   

Die GEW BERLIN fordert drittens, dass Absolvent*innen im Lehramt ISS/Gymnasium die Möglichkeit erhalten, ihr Referendariat (Vorbereitungsdienst) im Grundschullehramt zu absolvieren. Dazu Erdmann: „Aufgrund des sehr hohen Einstellungsbedarfs in den Grundschulen werden immer mehr fertig ausgebildete Lehrer*innen mit ISS-Gymnasialausbildung in den Grundschulen eingestellt. Ihnen muss auf Wunsch auch das Referendariat für die Grundschule ermöglicht werden. Seit zwei Jahren blockt die Senatsverwaltung diesen Vorschlag mit diffusen Argumenten ab. Zahlreiche andere Bundesländer haben das längst eingeführt. Allein in Hessen sind seit 2018 fast 230 Lehrer*innen auf diesem Weg für die Grundschule ausgebildet worden.“