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Nr. 29/2020Bericht der Qualitätskommission ist kein großer Wurf

07.10.2020

Aus Sicht der GEW BERLIN enthält der Bericht der Qualitätskommission zu wenige Lösungen für die komplexen Herausforderungen der Berliner Bildungslandschaft. „Entsprechend des eng gesteckten Ziels der Senatorin, vor allem die schulischen Leistungen in Mathematik und Deutsch zu verbessern, behandelt die Kommission Einzelaspekte und lässt den systemischen Blick auf das große Ganze vermissen“, bemängelte der Vorsitzende der GEW BERLIN, Tom Erdmann.

Die GEW BERLIN hatte in der begleitenden Praxiskommission eine Reihe von Vorschlägen eingebracht, die allerdings kaum aufgegriffen wurden. „Zu unserem Bedauern wurde auf die Rahmenbedingungen wie die räumliche und personelle Ausstattung von Kitas und Schulen, die Größe der Gruppen und die Aufgabenfülle der Pädagog*innen nicht eingegangen. Dabei ist eine qualitätsvolle Bildungsarbeit nur mit ausreichendem, gut qualifiziertem Personal und Räumen in gutem Zustand möglich“, stellte Erdmann fest.

Bereits im Kita-Bereich setzt die Kommission auf Diagnostik, vorstrukturierte Lernangebote und die Vermittlung von Sprach- und Mathematikkompetenzen. „Mit Standardisierung die schlechte Personalausstattung zu kompensieren, ist keine gute Idee und widerspricht dem Berliner Bildungsprogramm. Jedes Kind hat ein Recht auf individuelle Selbstentfaltung und braucht Raum und Zeit sowie professionelle Begleitung, um Lernkompetenzen und Sozialkompetenzen auszubilden“, erklärte Christiane Weißhoff, Leiterin des Vorstandsbereichs Kinder-, Jugendhilfe und Sozialarbeit. Die Empfehlungen der Kommission ignorierten die Tradition der qualitativen Entwicklung der Berliner Kindertagesstätte und das Berliner Bildungsprogramm. Das sieht die GEW BERLIN äußerst kritisch: „Wenn Frau Scheeres diese Empfehlungen umsetzt, haben wir es mit einem Paradigmenwechsel der Berliner Kitapolitik zu tun! Das darf nicht das Ergebnis dieser Qualitätskommission sein.“

Der GEW BERLIN stößt vor allem das enge Bildungsverständnis der Expert*innen auf. „Im Mittelpunkt steht die Standardisierung und Messbarkeit von Bildung. Nicht berücksichtigt wird: Kitas und Schulen sind Sozialräume, in denen informelles Lernen und Erleben von Gemeinschaft stattfindet. Viele Aspekte von guter Bildung wurden ausgeklammert: der Umgang mit Vielfalt und die Umsetzung der Inklusion, Demokratie oder das Selbstverständnis als lernende Institution. Im Schulbereich wurde das ganztägige Lernen nicht aufgegriffen, obwohl alle Grundschulen und viele weiterführende Schulen Ganztagsschulen sind“, kritisierte Erdmann. Zehn Jahre nach der Berliner Schulstrukturreform wären auch Empfehlungen hilfreich gewesen, die der sozialen Auslese etwas entgegensetzen. „Es gibt Schulen, an denen sich soziale Probleme und hohe Abbruchsquoten ballen. Für die ungleiche Entwicklung der Schulen müssten konkrete Ansätze entwickelt werden, damit nicht weiter Kinder und Jugendliche abgehängt werden. Hier ist ein enormer Handlungsbedarf, der im Bericht leider kaum eine Rolle spielt“, so Erdmann.

Kritik kommt auch aus dem Hochschulbereich: „Wir halten es für keine gute Idee, die fachspezifischen Inhalte im Bachelor auf ein reines Lehramtsstudium auszurichten. Die Möglichkeit, sich nach dem Bachelorstudium umzuorientieren ist ein wichtiges Gut der universitären Ausbildung und erhöht die Attraktivität der Studienplätze“, sagte Tom Erdmann. Die Frage der personellen Ausstattung des Mentoringprogramms, das die Betreuung der Studierenden an den Schulen gewährleistet, bleibt die Kommission leider schuldig. Die GEW begrüßt hingegen die Empfehlung, den Quereinstieg grundsätzlich zu überprüfen. „Die Anknüpfung an die Studieninhalte der Universitäten würde die Qualität erheblich steigern. Dies darf aber nicht zu personellen Lasten der Universitäten erfolgen“.