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Die personelle Ausstattung der Berliner Schule entspricht nicht mehr den Anforderungen

Wie der Senat sich die Lehrerversorgung schönrechnet oder warum manchmal 100% nur 90% sind.
Zum 1. November zählt die Senatsverwaltung für Schule wie jedes Jahr ihre Schüler und Lehrer und wird – so ist es zu vermuten – feststellen, dass der Unterricht zu 100% abgedeckt ist. Wir als Verband der Berliner Schulleiterinnen und Schulleiter in der GEW stellen aber in der Praxis fest, dass eine ausreichende Lehrerversorgung durch die Zumessungsrichtlinien in vielen Fällen nicht gewährleistet ist. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Stunden für die sonderpädagogische Integration – Verschiebebahnhof für Unterrichtsstunden?

Die Integration von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist eine zentrale Aufgabe der Berliner Bildungspolitik. Jedem betroffenen Kind wird eine be-stimmte Anzahl von zusätzlichen Unterrichtsstunden – je nach Schwere von Behinderung und Klassenstufe – zugeordnet. Im Falle einer großen Neuköllner Schule sind das zum Beispiel 170 Wochenstunden. Da die Gesamtzahl dieser Leistungen berlinweit „gedeckelt“ wurde und die entsprechenden Stunden nicht mehr ausreichend zur Verfügung stehen, wurden dieser Schule, wie auch anderen, bis zu einer Unterrichtsstunde pro Kind abgezogen. Dies entspricht ziemlich genau einer Lehrerstelle, die nun zur Förderung von Kindern mit speziellen Bedürfnissen fehlt.
Wir fordern eine Ausstattung der Schulen entsprechend dem festgestellten pädagogischen Bedarf. Integration darf kein Sparmodell sein.

Sprachförderung nur für Schulen im sozialen Brennpunkt?

Schulen im sozialen Brennpunkt erhalten zusätzliche Stunden zur Sprachförderung. Dies ist gut und wünschenswert. Schulen mit weniger als 40% Betroffenen erhalten allerdings keine einzige Sprachförderstunde. Dies führt dazu, dass z.B. eine große Schule mit einem Anteil von Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache von über 30% keine Stunden zur Sprachförderung erhält, obwohl über 300 Kinder mit teilweise erheblichen Defiziten unterrichtet werden. 100% Ausstattung bedeutet also in vielen Fällen, dass keine einzige Sprachförderstunde vorgesehen ist.
Wir fordern eine Zuweisung von Stunden zur Sprachförderung an jede Berliner Schule mit mehr als 20% Schülern nichtdeutscher Herkunft bzw. mit Lernmittelbefreiung entsprechend ihrem Anteil.

Grundschulen – Förderstunden als Manövriermasse

Die Überraschung zum Schuljahresbeginn war heftig. Berliner Grundschulen, deren Klassen die Frequenz von 24 nur um einen Schüler unterschritten, erhielten plötzlich keine oder nur eine reduzierte Anzahl von Förderstunden für die Schüler dieser Klassen. Praktiker kennen die Schü¬lerbewegungen zum Schuljahresbeginn. Kinder werden plötzlich an- oder umgemeldet, Schü¬lerzahlen ändern sich täglich. Das Förderkonzept einer Schule kann nicht von diesen Be¬wegungen abhängen. Benötigen Schüler in einer Klasse mit weniger Kindern plötzlich keine Förderung mehr? Auch hier gilt: 100% können eine Kürzung sein.
Wir fordern die verlässliche Zuweisung von Förderstunden pro Klasse.

Schullaufbahnberatung als Farce

Die Berliner Sekundarschulen haben in verstärktem Maße die Aufgabe, Schülerinnen und Schüler auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Dazu gibt es Stunden zur Schullaufbahnberatung. Waren dafür früher an vielen Gesamtschulen bis zu 8 Stunden vorgesehen, erhält aktuell jede Sekundarschule nur noch 0,25 Stunden pro Woche. Sieht so der Einstieg ins duale Lernen aus?
Wir fordern eine Zuweisung von ausreichenden Stunden zur Schullaufbahnberatung.

Dies sind nur einige Beispiele dafür, dass die Zumessungsrichtlinien des Senats für die Lehrerausstattung der Schulen zunehmend zu einer realen Kürzung des Unterrichts- und Förderangebots der Schulen geführt haben.
Der Vorstand der VBS-GEW hat zu diesem Thema eine Stellungnahme erarbeitet, die Sie in der rechten Spalte herunterladen können.

Berlin, 26. Oktober 2012

für den Vorstand
Paul Schuknecht