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Nr. 40 / 2021Berlin erneut Vorreiterin bei der Sexualerziehung – Senatsverwaltung zögert

07.09.2021

Die GEW BERLIN begrüßt den neuen Orientierungs- und Handlungsrahmen (OHR) für Sexualerziehung und Bildung für sexuelle Selbstbestimmung in Berliner Schulen. „Die Anerkennung von mehr als zwei Geschlechtern in der Schule war längst überfällig“, erklärte Tom Erdmann, Vorsitzender der GEW BERLIN. „Dieser Orientierungsrahmen ist inklusiv, diskriminierungskritisch, kompetenzorientiert, wissenschaftlich fundiert und zugleich lebensweltnah. Das sollte auch von der Bildungsverwaltung gebührend anerkannt werden“, so Erdmann weiter.

Umso unverständlicher, dass die Senatsbildungsverwaltung den Mantel des Schweigens über den Orientierungs- und Handlungsrahmen (OHR) breitet. Die Neuveröffentlichung erfolgte ohne Information der Schulen oder der Öffentlichkeit. Bisher bleibt sogar die Verteilung an die Schulen aus, die bei neuen Rahmenlehrplänen und curricularen Dokumenten üblich ist. „Das pädagogische Personal muss über den neuen Handlungsrahmen informiert werden“, forderte Erdmann. Auch Fortbildungen durch Bildungsträger wie die Fachstelle Queere Bildung, die Kompetenzstelle intersektionale Pädagogik (i-PÄD) oder die Berliner Aids-Hilfe wären nur angemessen.

Wir erhoffen uns von der Senatsverwaltung den Mut, sich trotz des Wahlkampfes zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt zu bekennen und sich nicht aus falscher Vorsicht vor Anfeindungen zu verstecken. Projekte zur Sexualerziehung und Antidiskriminierung müssen im kommenden Haushalt abgesichert und weiterhin gefördert werden“, unterstrich Erdmann.

Die GEW BERLIN bekräftigt ihre Forderung aus dem Jahr 2019, Richtlinien für die Inklusion von trans*, inter* und nichtbinären Kindern und Jugendlichen sowie Kindern und Jugendlichen mit dem Geschlechtseintrag „divers“ oder ohne Geschlechtseintrag zu entwickeln. „Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt gibt es in Klassen- und Personalräumen schon lange. Dank des neuen Orientierungs- und Handlungsrahmen wird sie jetzt auch in den Unterrichtsinhalten gewürdigt. Diese Vielfalt muss im schulischen Alltag auch durch entsprechende Handlungsempfehlungen anerkannt werden“, fasste Erdmann zusammen.

Auch Heinz-Jürgen Voß, Professor*in für Sexualwissenschaft und Sexuelle Bildung an der Hochschule Merseburg sieht den OHR insgesamt positiv. Die fächerübergreifende Verankerung in die Praxis und in die Ausbildung seien für den Erfolg des OHR unabdingbar, insbesondere bei der Prävention von sexualisierter Gewalt.  „Alle Lehrkräfte müssen fit werden, bei Übergriffen bewusst und angemessen zu reagieren und das Themenfeld Sexualität und geschlechtliche, sexuelle Selbstbestimmung zu thematisieren“, erklärte Voß.

Hintergrund: Die damals sehr fortschrittliche Richtlinie A V 27 zur Sexualerziehung an Berliner Schulen von 2001 ist mit dem neuen OHR nach 20 Jahren auf den neusten wissenschaftlichen Stand gebracht worden. Die Neufassung des Orientierungs- und Handlungsrahmens ist auf Drängen der GEW BERLIN und mit Unterstützung der AG Schwule Lehrer in der GEW BERLIN entstanden.