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Nr. 28/2020Berlins Schulen sind auf das Lernen zu Hause nicht vorbereitet

01.10.2020

Auch ein halbes Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie sind die meisten Berliner Schulen technisch nicht für einen weiteren „Lockdown“ und die Umsetzung von Fernunterricht gerüstet. Währenddessen steigen die Infektionszahlen wieder deutlich an. Das Bündnis „Corona-Bildungspakt“ aus Vertreter*innen von Beschäftigten, Eltern, Schüler*innen und Schulleitungen hat mit Nachdruck eine umfassende politische Reaktion gefordert und ein Bündel an Maßnahmen vorgestellt, mit denen der Digitalisierungsstau beseitigt werden könnte. Als Ursachen für die Defizite benannte das Bündnis den fehlenden Rahmen für das IT-gestützte Arbeiten, den Bearbeitungsstau und Personalmangel in den Bezirken, und die unzureichende Unterstützung der Schulen.

Ein Treffen zwischen dem Bündnis und der Senatsverwaltung hatte die Defizite offen zutage gefördert. Der GEW-Landesvorsitzende Tom Erdmann forderte die Senatsbildungsverwaltung auf, ihre Verantwortung ernst zu nehmen. „Der Senat hat bis heute die verschiedenen an Schulen eingesetzten Lernmanagementsysteme nicht geprüft und auf Datenschutz, Gebrauchstauglichkeit, Barrierefreiheit und Kosten getestet. Das verunsichert die Lehrkräfte und erschwert ihnen die Arbeit. Stattdessen verweist die zuständige Abteilung auf ihr eigenes System Lernraum Berlin, obwohl der Lernraum unter anderem aus Datenschutzgründen komplett neu konzipiert werden muss. Ein Armutszeugnis! Die Schulen sind bis jetzt nur dank des Engagements der Pädagog*innen so glimpflich durch die Krise gekommen. Die Bildungsverwaltung hingegen scheint vor allem bemüht zu sein, den Schein des Regelbetriebs zu wahren“, kritisierte der GEW-Vorsitzende. 

Miriam Pech, Schulleiterin und Sprecherin der Vereinigung der Berliner ISS Schulleiterinnen und Schulleiter (BISSS), stellte fest: „Geld für die Digitalisierung scheint es genug zu geben – aber das so dringend benötigte Geld kommt in den Schulen nicht an. Das ist im Angesicht von Corona verheerend! Senat und Bezirke müssen endlich an einem Strang ziehen, unkompliziert und lösungsorientiert. Wir brauchen dringend mehr Personal und Fachkompetenz für die Bezirke, um eine schnellere Bearbeitung sicherzustellen!“, so Pech.

Der Vorsitzende des Landeselternausschusses, Norman Heise, forderte pragmatische Lösungen. „Die Schulen können nicht Jahre warten, bis an allen Schulen Glasfaserkabel verlegt sind. Wenn die Modernisierung der Infrastruktur so lange dauert, brauchen wir übergangsweise Pop-Up-Lösungen, zum Beispiel über Mobilfunk-Router oder mobilfunkfähige Tablets oder Laptops. All das ist technisch möglich. Angesichts der Herausforderungen ist es aus Sicht der Eltern auch nicht zu verantworten, dass es weitere Jahre dauern soll, ehe alle Berliner Lehrkräfte über eine eigene E-Mail-Adresse und ein eigenes Tablet oder Laptop verfügen.“  

Nach Auskunft der Senatsverwaltung soll die Dienst-E-Mail nicht gleich für alle Dienstkräfte, sondern erst schrittweise eingeführt werden – in den nächsten Jahren die Lehrkräfte, dann Erzieher*innen. Multiprofessionelle Arbeit in Teams, die Organisation des Ganztags, ist so nicht möglich. Das Bündnis machte sich in seinem Maßnahmenpaket außerdem für eine Ausweitung der Fortbildungsangebote für Pädagog*innen stark. Für die schulischen Teams braucht es verlässliche medienpädagogische Berater*innen vor Ort. Ein regionaler IT-Berater*in pro Bezirk ist viel zu wenig.