GEW - Berlin
Du bist hier:

Nr. 14 / 2012Erzieher*innen an Grundschulen: Die stille Reserve für alle schulischen Mangelsituationen

30.03.2012

Eine aktuelle Befragung der GEW BERLIN von über 300 Erzieher*innen an offenen und gebundenen Ganztagsgrundschulen hat ergeben: Die Erzieher*innen werden in hohem Maße eingesetzt, um die Unterversorgung der Schulen mit Lehrkräften auszugleichen.

Pädagogisch sinnvoll ist der Einsatz von Erzieher*innen für unterrichtsbegleitende Tätigkeiten. Die Befragung der GEW BERLIN hat ergeben, dass die Erzieher*innen durchschnittlich über acht Stunden/ Woche für diese Aufgaben eingesetzt werden. In der Personalausstattung der Schulen ist allerdings lediglich im jahrgangsübergreifenden Lernen (JÜL) der Schulanfangsphase ein Einsatz von einer Erzieherin/ einem Erzieher für vier Unterrichtsstunden in der Woche vorgesehen. Insgesamt werden für alle Schulen nur 141 Stellen für diese Tätigkeit vorgesehen.

Erzieher*innen werden regelmäßig zur Vertretung von Lehrkräften bei Unterrichtsausfall eingesetzt. Im Durchschnitt vertreten Erzieher*innen 2,2 Stunden in der Woche eine Lehrkraft. Dies ist selbstverständlich nicht zulässig, aber aufgrund der unzureichenden Lehrer*innenversorgung die Regel. Nach Schätzungen der GEW BERLIN werden knapp 10.000 Unterrichtsstunden in einer Woche von Erzieher*innen aufgefangen (diese Schätzungen beziehen sich ausschließlich auf die in öffentlicher Trägerschaft beschäftigten Erzieher*innen). Das ergibt ca. 330 Lehrerstellen.

Die Arbeitszeit, die Erzieher*innen mit Aufgaben verbringen, für die die Schulen keine personelle Ausstattung erhalten, fehlt natürlich an anderer Stelle. So erhalten Erzieher*innen nur zuwenig – im Schnitt 1,5 Stunden/Woche – Zeit für Vor- und Nachbereitung, und das auch nicht verlässlich. Viel zu kurz kommen vor allem die „eigentlichen“ Aufgaben der Erzieher*innen in der unterrichtsfreien Zeit („Hort“). Erzieher*innen in der Ganztagsschule bieten den Kindern andere Bildungsmöglichkeiten bieten als dies im Unterricht möglich ist. Die Kinder lernen nicht nur im Unterricht, sondern indem sie sich ihre Lebenswelten erschließen. Die Ganztagsschule bietet die Möglichkeit, diese Bildungsprozesse miteinander zu verbinden. Durch den Einsatz der Erzieher*innen im Unterricht verschlechtert sich die Erzieher-Kind-Relation im Ganztagsbereich oft dramatisch. Es kommt regelmäßig zu Situationen, in denen ein*e Erzieher*in mit 40 oder 50 Kindern allein ist. Viele Kolleg*innen geben eine sehr hohe Belastung an.

Doreen Siebernik, Vorsitzende der GEW BERLIN: „Die personelle Ausstattung der offenen und gebundenen Ganztagsbetriebe der Grundschulen mit Erzieherinnen und Erziehern ist ohnehin miserabel. Von dieser unzureichenden Ausstattung wird nun noch einmal ungefähr ein Viertel abgezweigt und für die unterrichtliche Versorgung eingesetzt. Die Ganztagsangebote und der Hort werden so zur stillen Reserve der Schule. Die GEW BERLIN fordert neben einer besseren personellen Ausstattung klare tarifliche Regelungen über Vor- und Nachbereitungszeiten sowie den zeitlichen Einsatz von Erzieherinnen und Erziehern.“

Insgesamt besuchen ca 73.000 Kindern den offenen oder gebundenen Ganztagsbetrieb der Grundschulen. Allein in öffentlicher Trägerschaft arbeiten 4.608 Erzieher*innen.