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Nr. 18/2020Scheeres setzt beim Schulstart weiter auf das Prinzip Hoffnung

04.08.2020

Mit großer Sorge und vielen Fragen blicken Berlins Lehrkräfte und Erzieher*innen auf den Schuljahresstart. Der Senat hat es nach Einschätzung der GEW BERLIN versäumt, die für die geplante Rückkehr zum Regelbetrieb nötigen Vorkehrungen zu treffen, um den Schutz der Pädagog*innen sicherzustellen. „Drei Tage vor Schulstart liegt lediglich ein Entwurf des Handlungsrahmens vor, in dem der Senat die Verantwortung auf die Schulen abwälzt. Konkrete und verbindliche Maßnahmen – Fehlanzeige! Die Sommerferien hätte die Senatorin besser nutzen können. Insbesondere, um sich mit den Beschäftigtenvertretungen dazu auszutauschen, wie Bildung in Zeiten von Corona aussehen kann“, kritisierte die Vorsitzende der GEW BERLIN, Doreen Siebernik.

Die Kolleg*innen fühlen sich in den Schulen allein gelassen. Es herrscht riesige Unsicherheit, wie der Schulalltag mit den einzuhaltenden und mitunter widersprüchlichen Hygiene- und Schutzmaßnahmen und vor dem Hintergrund tausender fehlender Lehrkräfte aussehen soll. Wir verstehen das Bedürfnis nach einem geregelten Schulstart. Aber wir halten es für unverantwortlich, die Gruppen- und Klassengrößen wieder auf das Vor-Corona-Niveau anzuheben und auf Abstandsregeln zu verzichten. Auch die Erfahrungen mit dem Lernen in kleinen Gruppen sind unbeachtet geblieben“, bekräftigte Siebernik.

Als Beispiel nannte die Berliner GEW-Vorsitzende die Maskenpflicht. Nirgends sei geregelt, wer die nötigen Masken zur Verfügung stellt oder was mit den Schüler*innen passiert, die ohne Maske erscheinen oder diese verlieren. „Wer trägt die Verantwortung für Verstöße gegen die Hygienevorschriften und für Infektionen? Die Lehrerin oder die Senatorin?“, fragte Siebernik.

Für inakzeptabel hält die GEW BERLIN die Aufforderung an die Schulleitungen, zu prüfen, ob Lehrkräfte mit Covid-19-relevanten Vorerkrankungen trotz ärztlichem Attest in der Schule eingesetzt werden können. „Wie die Schulleitungen als Nicht-Mediziner*innen das beurteilen sollen ist völlig unklar. Hier werden Schulleitungen und Lehrkräfte in Konflikte gestürzt, die für beide Seiten absolut unzumutbar sind“, ärgerte sich die GEW-Vorsitzende.

Die von der Senatsverwaltung veröffentlichten Einstellungszahlen zum Schuljahresbeginn bewertet die GEW BERLIN mit Skepsis. „Die Realität sieht nicht so rosig aus, wie von Senatorin Scheeres dargestellt. Rechentricks verschleiern, wie groß der Fachkräftemangel wirklich ist“, kritisierte Siebernik. So beziehen sich die Zahlen der Senatsverwaltung auf das ganze Jahr und nicht auf die Einstellungen zum Schuljahresbeginn. Den 2.547 zu besetzenden Vollzeitstellen werden 2.500 Einstellungen (Personen) gegenübergestellt – viele von den neuen Kolleg*innen arbeiten jedoch in Teilzeit oder haben als Quereinsteiger*innen Stundenermäßigungen für die berufsbegleitende Ausbildung. Die daraus entstehende Lücke bleibt unberücksichtigt, genau wie die vielen (ca. 1000) befristet eingestellten Lehrkräfte, die in der Statistik gar nicht mehr vorkommen. Auch die 1.000 eingestellten Quereinsteiger*innen stellen trotz ihrer wichtigen Rolle für die Sicherung des Fachkräftebedarfs eine zusätzliche Herausforderung für die Schulen da; sie müssen aufwändig eingearbeitet werden, wofür die Kapazitäten fehlen.

Zu den rund 300 unbesetzten Lehrkräfte-Stellen zum Schuljahresstart werden tausende Kolleg*innen kommen, die auf Grund ihrer Zugehörigkeit zur Corona-Risikogruppe nicht für den Präsenzunterricht zur Verfügung stehen. Auf 15 Prozent schätzt die GEW BERLIN ihren Anteil unter den Beschäftigten. „Ob unter diesen Voraussetzungen ein Regelbetrieb starten kann, steht an vielen Schulen massiv in Frage. Umso ärgerlicher ist es, dass der Plan B fehlt. Diesen soll jede Schule jetzt individuell entwickeln. Das kommt neben allen Anforderungen zum Schulstart auch noch obendrauf. Die Belastung ist bereits mit dem ersten Schultag für alle Beschäftigten extrem“, so Siebernik.