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Nr. 23 / 2019Kein Grund zum Jubeln

01.08.2019

Die GEW BERLIN begrüßt die rund 380 neuen Erzieher*innen und 2.734 Lehrkräfte in der Berliner Schule und wünscht allen einen guten Start ins neue Schuljahr! Ab diesem Schuljahr werden alle Grundschullehrkräfte nach E13/A13 bezahlt. Über 5.000 Lehrkräfte können sich über 500 Euro mehr Gehalt freuen. Das ist ein Erfolg, den die GEW BERLIN erkämpft hat. Davon abgesehen gibt es beim Blick auf die Berliner Schulen jedoch wenig zu jubeln.

„Wir erkennen an, dass es der Bildungsverwaltung gelungen ist, 2.700 Personen als Lehrkräfte einzustellen. Allerdings haben erneut nur ein Drittel von ihnen eine abgeschlossene Lehramtsausbildung. Damit können wir nicht zufrieden sein“, betonte der GEW-Vorsitzende Tom Erdmann. Zudem mussten in Bezirken mit sozialen Brennpunkten wieder überdurchschnittlich viele Quer- und Seiteneinsteiger*innen eingestellt werden. Das ergab die erste Auswertung einer GEW- Befragung von 30 Schulen. „Die Bildungsverwaltung ist mit ihrem Vorhaben, die Quereinsteiger*innen fair zu verteilen, gescheitert“, stellte Erdmann fest.

Besondere Sorgen machen der GEW BERLIN die rund 800 Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung, die zum neuen Schuljahr befristet eingestellt wurden. „Viele dieser Kolleg*innen hangeln sich seit Jahren von Fristvertrag zu Fristvertrag. Sie können aufgrund ihrer Qualifikationen in der Regel nicht in die Quereinstiegs-Ausbildung und werden dauerhaft schlechter bezahlt. Die Senatorin spricht von Seiteneinsteiger*innen. Für uns ist das prekäre Beschäftigung. Da gibt es nichts zu beschönigen“, kritisierte Erdmann. Die GEW BERLIN fordert, dass diejenigen Kolleg*innen, die sich bewährt haben, unbefristet übernommen werden und Möglichkeiten bekommen, sich für einen Quereinstieg zu qualifizieren.

Auch für die etwa 700 Quereinsteiger*innen, die zum neuen Schuljahr starten, muss die Senatsbildungsverwaltung mehr tun. „Das sinnvolle Qualifizierungsprogramm QuerBer muss erweitert werden. Eine Woche Vorbereitungskurs ist einfach zu kurz“, forderte Erdmann. Außerdem müsse das Programm auch für die Quereinsteigenden geöffnet werden, die mit zwei anerkannten Fächern unmittelbar das berufsbegleitende Referendariat beginnen. „Wer ganz neu als Lehrer*in anfängt, braucht die wichtigsten pädagogischen Grundlagen und Zeit zur Einarbeitung“, so der GEW-Vorsitzende.

Ganz grundsätzlich ist die Situation in den berufsbegleitenden Studien am Studienzentrum für Erziehung, Pädagogik und Schule (kurz StEPS) unbefriedigend. „Die Kolleg*innen brauchen mehr Unterstützung bei der Prüfungsvorbereitung“, forderte Erdmann. Die Studieninhalte und Prüfungsanforderungen müssten transparent gemacht, die Arbeit der Dozent*innen regelmäßig evaluiert und die Ausbildungskapazitäten ausgeweitet werden. „Die meisten Quereinsteigenden können erst ein Jahr nach Einstellung mit ihren Studien beginnen. Auch angesichts des dringenden Bedarfs ist das zu lang“, bemängelte der GEW-Vorsitzende.

Ein großes Problem sieht die GEW BERLIN auch in der Überlastung der Personalstelle der Senatsbildungsverwaltung. Quereinsteiger*innen müssen regelmäßig ein Jahr und länger auf eine korrekte Gehaltszahlung warten. „Das bringt sie nicht nur in finanzielle Probleme, sondern wird auch als persönliche Missachtung erlebt“, weiß Erdmann. Anfragen werden monatelang nicht beantwortet und telefonisch ist selten jemand erreichbar. „Die Senatorin ist in der Pflicht, endlich für eine funktionierende Personalstelle zu sorgen.“

Auch beim Quereinstieg zum Erzieher oder zur Erzieherin fehlt es an Unterstützung. Damit die fachfremden Kolleg*innen die nötige Zeit bekommen, um in die neuen Aufgaben hereinzuwachsen, fordert die GEW BERLIN analog zum Kitabereich zwei Stunden pro Woche für die Anleitung der Quereinsteiger*innen. Diese Zeit zur Anleitung sollte auch den Quereinsteiger*innen in den Schulen eingeräumt und nicht auf den Personalschlüssel angerechnet werden.

Zwei Drittel der zurückmeldenden Schulen in der GEW-Befragung mussten in diesem Schuljahr wieder neue Klassen einrichten. „Der Schulneubau kommt nur schleppend voran und den Bezirken bleibt als einziges Mittel, die Schulen weiter zu verdichten. Immer mehr Teilungs- und Freizeiträume werden zu Klassenräumen umgebaut. So kann Lernen an einer Ganztagsschule nicht funktionieren“, kritisierte Erdmann.

Ein weiteres Thema, das die GEW BERLIN zum neuen Schuljahr intensiv bewegt, ist das kostenbeteiligungsfreie Mittagessen für die Klassenstufen 1 bis 6. Selbst wenn nicht alle Schüler*innen vom kostenlosen Schulessen Gebrauch machen werden, rechnet die GEW BERLIN mit einem zusätzlichen Bedarf für rund 9.000 Schüler*innen. „Bis zum jetzigen Zeitpunkt hat keine Berliner Schule zusätzliche Räume erhalten, um den Mehrbedarf an Schüler*innen abzudecken“, stellte Erdmanns Co-Vorsitzende Doreen Siebernik fest. „Die ohnehin schon knappen Räume wurden lediglich umfunktioniert. Weichen mussten erneut überwiegend Räume, die der ergänzenden Förderung und Betreuung dienen.“

Um den Mehrbedarf auch zeitlich abzudecken, führen die Schulen zusätzliche Essensschichten ein: Die Zeiträume, in denen mitunter in sechs Etappen gegessen wird, können dann von 11 bis 14 Uhr dauern. Siebernik erklärt: „Dadurch entstehen zusätzliche Betreuungszeiten, für die kein zusätzliches Personal eingeplant ist. Die ohnehin schon knappe Personaldecke wird so zum Zerreißen gespannt.“ Noch kritischer wird es bei der Ausweitung der Essenszeiten nach 13:30 Uhr. Für Kinder, die kein Ganztagsangebot nach 13:30 Uhr wahrnehmen, werden keine zusätzlichen personellen Kapazitäten berechnet. „Uns ist unklar, wer diese Kinder ab 13:30 Uhr betreut“.

Schon jetzt klar ist hingegen, dass der immense Zusatzaufwand von den engagierten Kolleg*innen in den Schulen getragen werden muss. „Die Entscheidung, ein kostenbeteiligungsfreies Mittagessen einzuführen, wurde überstürzt und unüberlegt getroffen. Wir haben große Zweifel, dass unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen eine gesunde Ernährung gelingen und eine gemeinsame Mittagspause pädagogisch gut eingebettet werden kann“, bemängelte die GEW-Vorsitzende.

Die Bildungsgewerkschaft fordert daher mehr Personal für die Verlässliche Halbtagsgrundschule (VHG), entweder durch die Bereitstellung einer zusätzlichen halben Betreuungsstunde pro Kind oder einer Verdopplung der Personalzumessung für die Betreuung am Vormittag. „Das wäre ein Signal an die Erzieher*innen. Nur wenn zusätzliche personelle Ressourcen bereitgestellt werden, kann Mittagessen als ein zentraler pädagogischer Bestandteil einer ganztägigen Schule funktionieren“, unterstrich Siebernik.