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Wahlen 2021: Forderungen im Bereich Lehrkräftebildung

Der Mangel an Lehrkräften ist das Ergebnis politischer Versäumnisse. Verbeamtung löst den Planungsfehler nicht, sondern schafft neue. GEW BERLIN fordert Ausbildungsoffensive für die Lehrkräftebildung.

Foto: unsplash.com

Der Lehrkräftemangel hat sich zum Start des Schuljahres 2021/22 weiter zugespitzt und nimmt inzwischen dramatische Ausmaße an. Rund 60 Prozent der neu eingestellten Lehrkräfte haben kein Lehramtsstudium absolviert. In den Grundschulen konnten nur 15 bis 20 Prozent der neuen Stellen mit Lehramtsabsolvent*innen besetzt werden. Zudem bleiben Hunderte Stellen unbesetzt.

Besonders alarmierend ist, dass die größte Gruppe (40 Prozent) der neu eingestellten Lehrkräfte inzwischen Lehrkräfte sind, die weder über ein Lehramtsstudium noch über eine berufsbegleitende Qualifikation verfügen. Diese Kolleg*innen sind überwiegend befristet beschäftigt und erfüllen nicht die Voraussetzungen für den Quereinstieg. „Die Senatsverwaltung behandelt diese Kolleg*innen als reine Lückenfüller, bezahlt sie schlechter, befristet sie und macht ihnen keine gezielten Qualifizierungsangebote“, kritisierte Tom Erdmann, Vorsitzender der GEW BERLIN.

Die Ursache für den Lehrkräftemangel ist nach Auffassung der GEW BERLIN nicht die fehlende Verbeamtung, sondern, dass Berlin den Ausbau der Lehramtsstudienplätze verpasst hat. „Berlin bleibt bei der Ausbildung meilenweit hinter dem Bedarf zurück. Dabei sind die Herausforderungen seit Jahren bekannt.“ Die Berliner Universitäten haben sich in den Hochschulverträgen verpflichtet: Bis 2022 sollen jährlich insgesamt 2.000 Absolvent*innen mit Lehramtsabschluss (Master of Education) die Unis verlassen. Auch der Koalitionsvertrag der zu Ende gehenden Legislaturperiode sah das vor. Dieses Ziel wird deutlich verfehlt: 2018 waren es gerade einmal 910 Absolvent*innen. 2019: 878. Zahlen für 2020 liegen noch nicht vor.

Die GEW BERLIN forderte angesichts der miserablen Ausgangslage eine Ausbildungsoffensive in der Lehrkräftebildung. „Die Politik könnte seit Jahren deutlich mehr tun, um den hohen Bedarf an pädagogischen Fachkräften zu decken. Der Senat hat hier versagt. Die künftige Berliner Landesregierung muss Lehrkräftebildung sofort zur Chefsache machen“, forderte Martina Regulin, Vorsitzende der GEW BERLIN.
 

Unsere Vorschläge für eine Ausbildungsoffensive in der Lehrkräftebildung:
 

  • Der Schlüssel zur Deckung des Lehrkräftebedarfs durch Lehramtsabsolvent*innen liegt in der Verbesserung der Studienbedingungen, der gezielten Unterstützung der Studierenden, der Schaffung von Anreizen für ein erfolgreiches Absolvieren des Lehramtsstudiums und auch der Flexibilisierung des Praxissemesters. Die Zahl der Studienplätze im Lehramt wurde zwar seit 2015 schrittweise ausgebaut; der Aufwuchs beim Hochschul-Personal ist aber noch unzureichend. Betreuung und Beratung der Studierenden müssen verbessert werden. Dafür braucht es mehr Personal mit geringerer Lehrverpflichtung und zusätzliche Tutorien, besonders auch in den Fachwissenschaften.
  • Das Berliner Senats-Sonderprogramm „Beste Lehrkräftebildung für Berlin“ von Juni 2020 war ein Versuch, die Studienbedingungen zu verbessern. Die meisten der Vorhaben sind bisher aber nicht umgesetzt. So hat es keinen Ausbau der Studienplätze für die Quereinstiegs-Masterstudiengänge gegeben.
  • Insbesondere das Praxissemester im Masterstudium ist inzwischen ein Flaschenhals. Masterstudierende müssen ohne Verzögerung in das Praxissemester gehen können. Lehramtsstudierende im Praxissemester und im gesamten Masterstudium benötigen zudem finanzielle Unterstützung, wenn wir sie an Berlin binden wollen.
  • Praxissemester und Referendariat angemessen vergüten—hohe Mieten vertreiben junge Pädagog*innen!
  • Auch der Übergang in das Referendariat muss verbessert werden, damit Lehramtsabsolvierende keine Zeitverzögerungen haben. Die Universitäten müssen ihre Abläufe bei der Erfassung und Ausstellung der Studien- und Prüfungsleistungen verbessern und die Fristen mit der Senatsverwaltung koordiniert werden.
  • Absolvent*innen im Lehramt ISS/Gymnasium müssen die Möglichkeit erhalten, ihr Referendariat (Vorbereitungsdienst) auf Wunsch im Grundschullehramt zu absolvieren. Zahlreiche Bundesländer haben dazu Sondermodelle aufgelegt (z. B. Hessen). 
  • Schulwünsche von Bewerber*innen zum Referendariat sollten stärker berücksichtigt werden, insbesondere bei familiären Verpflichtungen. Seminarzeiten sind familienfreundlicher zu gestalten.
  • Hürden bei der Anerkennung von Lehramtsabschlüssen ausländischer Lehrkräfte sind abzubauen, durch einen leichteren Zugang zum Studium für ein zweites Fach, durch Sprachpraxiskurse, finanzielle Unterstützung und eine Begleitung bis zur vollständigen Anerkennung. 
  • Alle Maßnahmen zur Bindung von Lehramtsabsolvent*innen in den Phasen Masterstudium, Übergang ins Referendariat und Übergang in den Schuldienst sollten durch eine Taskforce des Berliner Senats mit den Unis zusammen begleitet werden.
     

Unsere Vorschläge für den Quereinstieg und für Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung:

  • Die Plätze für die Quereinstiegs-Masterstudiengänge müssten bedarfsgerecht ausgebaut werden, vor allem für das Grundschullehramt und die MINT-Fächer. Auch an der Freien Universität brauchen wir einen Quereinstiegs-Master Grundschullehramt. Interesse ist da – es fehlt an Plätzen. An der Humboldt Universität gab es 2020/21 für 90 Studienplätze 400 Bewerbungen.
  • Das Stipendium für Studierende in den Quereinstiegs-Masterstudiengängen Lehramt in MINT-Fächern muss erhöht, fortgeführt und auf alle Masterstudiengänge Lehramt ausgedehnt werden.
  • Die Ausbildungskapazitäten der Senatsverwaltung im StEPS für Quereinsteiger*innen sind deutlich auszubauen, damit die Quereinsteigenden nicht wie bisher erst ein Jahr nach der Einstellung mit ihren „Studien“ beginnen können. Unis müssen in diese Ausbildung einbezogen werden.
  • Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung (LovL) bzw. Seiteneinsteiger*innen müssen gezielt für die Quereinstiegs-Masterstudiengänge der Universitäten gewonnen und unterstützt werden. Berlin muss diesen Lehrkräften eine Ausbildungschance geben und sie bei Aufnahme eines Quereinstieg-Masterstudiums durch bezahlte Ermäßigungsstunden unterstützen. 

Die GEW BERLIN lehnt eine erneute Verbeamtung einiger Lehrkräfte unter den aktuellen Bedingungen ab. Die Verbeamtung löst das Problem des Lehrkräftemangels nicht, sondern schafft neue.
Lehrkräfte verlassen Berlin aus vielerlei Gründen. Es fehlen Kitaplätze und bezahlbarer Wohnraum. Der*die Partner*in findet woanders Arbeit, vielleicht leben die Großeltern woanders. Oder man wollte nur nach Berlin zum Studieren und kehrt zurück in die Heimat. Da keine Statistik über Kündigungsgründen geführt wird, bleibt die Behauptung, Lehrkräfte verließen Berlin wegen der Verbeamtung, Spekulation.
 
Rund ein Drittel aller Lehrkräfte würde ohnehin nicht verbeamtet werden. Der Beruf wird nicht attraktiver, wenn Tausende Lehrkräfte, die jahrzehntelang in Berlin bereits als Lehrkräfte arbeiten, von der Verbeamtung wegen des Alters ausgeschlossen werden. Die Attraktivität des Berufes erhöhen wir durch saubere, sanierte Räume, weniger Unterrichtsverpflichtung und kleinere Klassen!

 

Ansprechpartner_in
Matthias Jähne
Referent Vorstandsbereich Hochschulen und Lehrer*innenbildung
030 / 219993-59

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