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GlosseTypisch Lehrer*in!

16.09.2021 - Carla Siepmann und Aron Tremmel, Redakteur*innen der Schüler*innenzeitung »Moron« des Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums

Kurz nach 8 Uhr: man hetzt durch den Flur während man sich panisch eine Entschuldigung ausdenkt, wieso man zu spät kommt. Völlig außer Atem betritt man den Klassenraum. Am Pult sitzt ein Mann Ende 30 in Hemd und Jeans. Unter Schüler*innen ist er bekannt als der Ehrenlehrer. Freundlich nickt er: »Komm setz dich hin. Ich trage keine Verspätung ein.« Erleichtert lässt man sich auf seinen Sitz fallen und sagt zu sich selbst: »Glück gehabt«. Der Ehrenlehrer unterrichtet nur Nebenfächer, er folgt dem Lehrplan nicht allzu streng und bei einer 3 im Test grübelt er so lange, bis er den letzten Punkt gefunden hat, um doch noch eine 2- vergeben zu können. Er beendet den Unterricht, sobald es klingelt, in Vertretungsstunden lässt er Filme gucken. Auf seine Stunden freut man sich, egal welches Fach er unterrichtet. Er vermittelt der Stoff spielerisch, nimmt seine Schüler*innen ernst. Der Ehrenlehrer kennt seine Lehrlinge und hört stets erst zu, weshalb er häufig Jahre in Folge zum Vertrauenslehrer gewählt wird. Man begegnet ihm in den Pausen auf dem Flur mit einer Tasse Kaffee und immer in der Laune für einen Plausch. Wenn er fragt, wie es einem geht, dann erwartet er eine ehrliche Antwort. Der Ehrenlehrer bringt Freude in den Schulalltag, er muntert auf und gibt seinen Lehrlingen Kraft für die nächsten fünf Stunden voller Langeweile. Er ist der Prototyp eines Pädagogen: zugewandt, sachkundig und ehrlich interessiert. Weder Lehrende noch Lernende würden ihn je missen wollen.

Die Tür geht auf, ein Stöhnen geht durch die Reihen. Ein Mann Ende 50 betritt den Fachraum, geht in langen, breiten Schritten zum Pult. Er knallt einen Stapel Bücher auf die Platte. »Austeilen.«, sagt er laut, fast schon rufend, und zieht die Augenbrauen hoch. Die Lehrlinge blicken sich an. Einige Sekunden vergehen. Doch länger wartet der Alte Mann, wie man ihn heimlich nennt, nicht. Entnervt zeigt er auf zwei Schüler in der ersten Reihe, deren Namen er offensichtlich nicht kennt. Verschreckt stehen diese ruckartig auf und beginnen die Bücher auszuteilen. Der Alte Mann mag seine Fächer, aber hasst seinen Job, spezieller: die Schüler*innen. Er ist ständig gereizt, typischerweise unterrichtet er Mathe und Physik. Dabei achtet er darauf, den Stoff möglichst uninteressant zu machen und die Augen immer gruselig weit aufzureißen. Wenn er schreibt, kreischt die Kreide auf der Tafel, und die Mädchen in der ersten Reihe zucken zusammen. In seinen Prüfungen, die er in den seltensten Fällen vorher ankündigt, erzielt die Klasse einen Durchschnitt zwischen 3,2 und 3,9, aber das liegt natürlich ausschließlich an den seltendämlichen Lehrlingen. Der Alte Mann hat Humor, jedoch nur auf Kosten seiner Schüler*innen. Er lässt keine Fragen zu, und wer seinem Unterricht nicht folgen kann, ist einfach zu blöd dafür. Das Schönste an seinen Stunden ist, wenn sie ausfallen. Das erlebt man mit Glück einmal in der eigenen Schullaufbahn, denn: Der Alte Mann ist nie krank. Wenn seine Fächer zweimal hintereinander ausfallen, dann nur, weil er unverhofft in Rente gegangen ist. Und das ist das vermutlich Beste, was der Alte Mann seinen Lehrlingen antun kann.

Es klingelt. Rascheln und Raunen erfüllen den Klassenraum. Doch nicht für lange. Eine kraftvolle Frauenstimme gebietet der Unruhe Einhalt: »ich beende den Unterricht!«. Die Schüler*innen erstarren. Die Chefin hat gesprochen. »Die Chefin« ist eine Frau in ihren 40ern oder 50ern und bringt somit einiges an Erfahrung mit. Sie hat die Klasse fest im Griff. Die Schüler*innen haben Respekt, wenn nicht gar Ehrfurcht, vor ihr, beliebt ist sie jedoch nicht unbedingt. Sie unterrichtet zumeist Hauptfächer, ist Klassenleiterin oder hat Leistungskurse. Gerne lehrt sie Sprachen und Gesellschaftswissenschaften. Am Ende ihrer Stunden tun die Arme immer weh – manchmal vom ewigen Melden, weil man nicht rangenommen wurde, oder vom Schreiben seitenlanger Texte. Meistens aber von Beidem. Die Chefin ist stets top gestylt, was ihre häufig finstere Mine erklärt – wer möchte den Lippenstift schon mit unnötigem Lächeln ruinieren? Vielleicht liegt ihr meist doch sehr düsterer Gesichtsausdruck aber auch an den Antworten der Lehrlinge, die gegen ihr enormes Fachwissen nahezu idiotisch klingen müssen. Die Chefin altert nicht, Generationen von Schüler*innen hat sie schon unterrichtet und diese mit ihrer autoritären Unterrichtsführung zu Bestleistungen getrieben. An jeder Schule gibt es zwei oder drei Chefinnen, welche meist sehr durchwachsene Erinnerungen in den Köpfen ihrer ehemaligen Lehrlinge zurücklassen.