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Kinder,- Jugendhilfe und Sozialarbeit Beschwerdekultur in der Kita

Auch Kinder erleben in ihrem Alltag Diskriminierung, gehört werden sie aber selten. Kitas brauchen einen Rahmen, in dem sich die Kleinen angstfrei beschweren können.

03.01.2022 - Von Berit Wolter und Anne Backhaus

Kinder beschweren sich auf vielfältige Weise. Erwachsene entscheiden im alltäglichen Umgang, auf welche Beschwerde sie wie eingehen. Wie kann ein Beschwerdeverfahren dazu beitragen, diese Abhängigkeit der Kinder zu reduzieren?

Erwachsene bestimmen, ob die Beschwerde eines Kindes relevant und die Beschwerdeform angemessen ist. Kinder mit weniger Möglichkeiten, ihre Anliegen für Erwachsene deutlich zu kommunizieren, sind abhängig davon, dass die erwachsene Person sensibel für die Beschwerde ist und sie als wichtig einordnet. Dies benachteiligt häufig beispielsweise Kinder mit Behinderung, Kinder mit einer anderen Erstsprache als Deutsch und sehr junge Kinder. Kinder entwickeln vielfältige Strategien, mit dieser Abhängigkeit umzugehen: Sie kooperieren, kapitulieren, diskutieren, verbünden sich, schreien, gucken weg, zeigen Bauch- oder Kopfschmerzen, geben sich selbst die Schuld.

Pädagogische Fachkräfte können im anforderungsreichen Arbeitsalltag nicht alle Beschwerden wahrnehmen. Was übersehen oder als übertrieben empfunden wird und worauf unbedingt eingegangen wird, hängt eng mit den eigenen (Diskriminierungs-) Erfahrungen und Werten zusammen. Deshalb sollten Pädagog*innen sich bewusstmachen, wie sie zu bestimmten Beschwerdeformen und -inhalten stehen.

Beschweren ist nicht immer einfach

Diskriminierende Situationen in der Kita sind ein schwieriges Beschwerdethema. Stellen Sie sich vor, Sie wären das betroffene Kind. Würden Sie sich beschweren, wenn eine pädagogische Fachkraft genervt guckt, wenn Sie Ihre nichtdeutsche Erstsprache sprechen? Oder wenn Ausflüge Geld kosten und Sie deshalb nicht teilnehmen können? Oder wenn dem Wunsch Ihrer nichtchristlichen Familie entgegen die Kitagruppe in der Adventszeit in die Kirche geht? Oder wenn die Kinder für ein Spiel in eine Mädchen- und Jungengruppe aufgeteilt werden und Sie sich weder als Mädchen noch als Junge fühlen?

Es kann je nach Inhalt einer Beschwerde einfacher oder herausfordernder sein, sich damit an andere zu wenden. Weil Diskriminierung gesellschaftliche Realität und vermeintliche Selbstverständlichkeit ist, sind Diskriminierungserfahrungen für viele Kinder alltäglich. Deshalb kann es sein, dass eine solche Erfahrung zwar traurig oder wütend macht, das Kind aber keinen Grund zur Beschwerde sieht. Daher ist es zentral, auch ausbleibende Beschwerden im Blick zu haben. Denn alltägliche Diskriminierungserfahrungen können das Wohl des Kindes nachhaltig gefährden und traumatisierende Wirkung haben. Beschweren sich Kinder über Diskriminierung und Erwachsene reagieren darauf nicht, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich in Zukunft weiter für ihre Rechte einsetzen.

Kinder wenden sich mit ihren Diskriminierungserfahrungen oft eher an Personen, die vermutlich ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder an pädagogische Fachkräfte, die deutlich gemacht haben, dass sie sich mit Diskriminierung auseinandergesetzt haben und parteilich auf der Seite betroffener Kinder stehen – selbst, wenn sich Beschwerden der Kinder auf Kolleg*innen beziehen.

Beschwerdeangebote machen

Voraussetzung und zentraler Bestandteil von geeigneten Beschwerdeverfahren ist eine diskriminierungskritische und beschwerdefreundliche Alltagskultur. Denn welche Erfahrungen Kinder im Alltag mit den unmittelbaren Reaktionen auf ihre Beschwerden machen, ist ausschlaggebend für ihr zukünftiges Beschwerdeverhalten.

Zu einem Beschwerdeverfahren kann die Einführung formalisierter Beschwerdeangebote für Kinder wie etwa ein Kummerkasten, eine Leitungssprechstunde oder eine Beschwerderunde im Morgenkreis gehören. Diese können die Abhängigkeit von der Einschätzung der Erwachsenen reduzieren, indem Kinder für sie wichtige Anliegen selbstständig einbringen. Doch auch hier haben Erwachsene die Macht, den Beschwerden nicht nachzugehen oder dies auf eine Weise zu tun, die für sie, aber nicht zwangsläufig für die Kinder Sinn ergibt.

Daher bleibt es zentral, die Alltagskultur jeder Einrichtung hinsichtlich ihres Umgangs mit Beschwerden diskriminierungskritisch zu überprüfen und weiterzuentwickeln.        

Weiterführende Informationen: https://kids.kinderwelten.net