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Schwerpunkt "Was bleibt von Corona" »Corona belastet die Kolleg*innen schwer«

Fabian Schmidt ist Leiter des Vorstandsbereichs Kinder-, Jugendhilfe, Sozialarbeit. Im Interview beschreibt er die Auswirkungen der Pandemie auf den Arbeitsalltag von Sozialarbeiter*innen und Erzieher*innen.

02.11.2021 - Das Interview führte Joshua Schultheis

bbz: Wie hat sich die Arbeit der Pädagog*innen in der Kinder- und Jugendhilfe durch die Corona-Pandemie und die Schutzmaßnahmen verändert?

Schmidt: Im Bereich der Sozialen Arbeit entstand der Eindruck, dass Deutschland endlich in das digitale Zeitalter eingestiegen ist. Auf einmal konnten wir mit den Jugendämtern telefonieren und per Mail kommunizieren und mussten nicht mehr alles umständlich faxen. Teamsitzungen wurden per Videoplattform durchgeführt. Die Kolleg*innen wurden durch die Onlinesitzungen entlastet, wenn sie sonst durch die ganze Stadt ins Büro hätten fahren müssen. Ein Problem dabei ist nach wie vor, dass für die Online-Sitzungen oft die eigenen Geräte genutzt werden müssen. Das führt zu einem höheren Verschleiß, und die Mehrkosten bleiben bei den Kolleg*innen hängen. Durch die Corona-Schutzmaßnahmen wurden die Kontakte zu den Zielgruppen schwieriger. Besonders in Innenräumen. Gruppenangebote mussten an vielen Orten eingestellt werden. Darunter leiden unsere Klient*innen immer noch, und gerade bei den Jugendlichen machen sich viele Kolleg*innen Sorgen um deren soziale Entwicklung.

Im Kita-Bereich haben wir überlegt, wie die Beziehung zu den Kindern auf Distanz aufrechterhalten werden kann. Die Kolleg*innen griffen dafür oft auf eigene technische Geräte zurück und machten sich in kürzester Zeit damit vertraut, wie sie altersgerechte Inhalte medial aufarbeiten können. Als die Kinder zurückkamen, wurden kurzfristig Maßnahmen ergriffen, um getrennte Kleingruppen zu organisieren. Der Umgang mit Masken im engen Kontakt mit den Kindern ist weiterhin eine Herausforderung und der Kita-Alltag stark durch Testungen, die Einhaltung der Hygienemaßnahmen und die organisatorischen Auswirkungen bei Verdachtsfällen bestimmt.

Welche Strategien haben die Pädagog*innen entwickelt, um den Anforderungen des Infektionsschutzes sowie ihrem Bildungsauftrag gleichermaßen gerecht zu werden?

Schmidt: In der ambulanten Jugend- und Familienhilfe haben wir oft Spaziergänge mit den Jugendlichen und Eltern gemacht und damit Hausbesuche ersetzt. Wir haben auch mehr mit den Familien telefoniert. Das kann aber einen Hausbesuch nicht wirklich ersetzen, und da viele Einrichtungen geschlossen waren, waren die Möglichkeiten, mit unseren Klient-*innen zu arbeiten, stark eingeschränkt. Manchmal mussten wir einfach in die Wohnungen, besonders wenn es sich um Kinderschutzfälle gehandelt hat. Damit haben wir uns trotz Masken besonders im letzten Jahr immer wieder einem größeren Risiko ausgesetzt. Auch in unseren Räumen konnten wir nur mit weitreichenden Hygienemaßnahmen Personen empfangen. Einige Träger brachten ausführliche Rundschreiben für ihre Beschäftigten raus. Andere Träger waren da nicht so gut organisiert. Viele Träger organisierten auch erst nach einer Weile ausreichend Masken und Schnelltests.

In der Kita waren die Kolleg*innen am Anfang komplett auf sich alleine gestellt. Sie mussten prüfen, wer gesundheitlich in der Lage ist, in Präsenz zu arbeiten; wie sie Risikogruppen schützen können und welche Hygienemaßnahmen durchführbar waren. Mittlerweile gibt es eine Teststrategie und ausreichend Masken sowie vereinzelt auch Luftfilter. Die komplette Organisation im Kita-Alltag bleibt bei unverändert dünner Personaldecke den Kolleg*innen alleine überlassen. Finanzielle Mittel, die für Risikogruppen zur Verfügung gestellt wurden, um in geschützten Kleingruppen zu arbeiten, wurden selten beansprucht. Die Hilfen waren viel zu bürokratisch zu beantragen und praktisch schwer umzusetzen.

Haben sich während Corona Abläufe, Strategien oder Techniken durchgesetzt, die auch nach der Pandemie Bestand haben sollten?

Schmidt: In der Sozialen Arbeit hat sich das Online-Meeting durchgesetzt. Zumindest als Option, um die Kolleg*innen zeitlich zu entlasten.

Für den Kita-Alltag sollte unbedingt die etablierte Kleingruppenarbeit im Fokus bleiben und bei weiteren politischen Entwicklungen berücksichtigt werden. So können die Erzieher*innen viel besser die Betreuung, Erziehung und Bildung ermöglichen. Dafür muss der Beruf finanziell attraktiver und der Personalschlüssel heruntergesetzt werden. Zusätzlich ist es notwendig, die Kitas und Kolleg*innen mit technischen Geräten und Medienkompetenzen auszustatten, was auch für die Kolleg*innen in der Sozialen Arbeit wichtig wäre.

Mit welchen pädagogischen und administrativen Spätfolgen der Schutzmaßnahmen rechnest du in deinem Bereich?

Schmidt: Gerade im Bereich der Sozialen Arbeit erwarte ich einiges an Spätfolgen. Die Jugendamtsmitarbeiter*innen sind stark belastet. Sie hatten zusätzliche Aufgaben und mussten noch mit der Pandemie zurechtkommen. Dazu hatte ich mich in der letzten bbz ausführlich geäußert. So eine Belastung geht nicht ohne Folgen an ihnen vorbei. Ich habe mit einem Jugendamtsmitarbeiter zusammengearbeitet, der vor ein paar Monaten ganz abrupt aufgehört hat. Er meinte, er will nie wieder zurück in diesen Bereich. Hier werden gute Kolleg*innen verschlissen. Aus meiner Praxis in der ambulanten Familien- und Jugendhilfe kann ich schon jetzt sagen, dass Themen wie Schuldistanz bei einigen Familien stark zugenommen haben. Leider sind durch den Distanz- und Wechselunterricht gerade die schon benachteiligten Jugendlichen schneller durch das Netz gefallen. Ich habe Kinder und Jugendliche kennengelernt, die mehrere Monate kaum ein Arbeitsblatt aus der Schule gemacht haben. Die Kinder sind auch körperlich weniger fit, was später gesundheitliche Folgen haben kann. Ich konnte Jugendliche beobachten, die sich aus meiner Sicht kaum noch koordiniert bewegen konnten, wenn wir zusammen Tischtennis oder Fußball gespielt haben. Die haben ein ganzes Jahr praktisch nur vor der Konsole oder dem Fernseher gesessen. Bis zu 90 Prozent der Kinder in meiner Praxis spielen zudem Spiele, die für ihre Altersgruppen überhaupt nicht gedacht sind und viel zu viel Gewalt darstellen. Die Eltern wissen das nicht immer, oder sie sind überfordert und lassen die Kinder einfach machen.

Welche Änderungen wünschst du dir von der Politik?

Schmidt: Kitas sind Bildungseinrichtungen, Erzieher*innen sind pädagogische Fachkräfte. Die Pandemie hat jedoch dazu geführt, dass die Erzieher*innen immer weniger Zeit und Möglichkeiten hatten, ihre unmittelbare pädagogische Arbeit verlässlich anzubieten. Sämtliche zusätzliche organisatorische Aufgaben, wie Kontakte mit dem Jugendamt, vertiefende Elternarbeit und Antragsstellungen, wurden auf sie abgeladen. Daher halte ich eine Etablierung von Sozialarbeiter*innen in Kitas, eine Nachsteuerung bei der mittelbaren pädagogischen Arbeit und eine Verbesserung des Personalschlüssels für weitere wichtige Schritte, um die Qualität der Arbeit der Kitas zu verbessern.