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Gewerkschaft

Dem Hass keine Chance geben

Vor 30 Jahren verstarb Mete Ekşi nach einem rassistisch motivierten Überfall. Der nach ihm benannte Preis ehrt seither Projekte engagierter Jugendlicher.

Foto: Arno Canon

Der Mete-Ekşi-Preis würdigt das Engagement junger Menschen für ein friedliches Zusammenleben in Berlin. Ausgezeichnet wurde in diesem Jahr das Projekt »Interreligious Peers« junger Jüd­*innen, Christ*innen, Muslim*innen und Bahá’i aus Berlin für ihr nachhaltiges demokratisches Engagement für eine dialogische Verständigung zwischen Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeiten und Weltanschauungen. Seit 2013 veranstalten sie interreligiöse Workshops in gemischten Gruppen, geleitet von dem Ansatz, dass Jugendliche in Bezug auf die Entwicklung ihres Wertesystems besonders durch Gleichaltrige ansprechbar sind. In methodischen Übungen und offenen Gesprächsrunden regen sie andere junge Menschen an, sich mit Vorurteilen und Stereotypen im Zusammenhang von Religion auseinanderzusetzen und über Wege und Möglichkeiten nachzudenken, wie diese überwunden werden können.

Leider musste die Preisverleihung in diesem Jahr ausfallen und soll in einem halben Jahr nachgeholt werden. Bereits im letzten Jahr konnte der Preis nicht wie sonst im Festsaal des Rathaus Charlottenburg überreicht werden. Auch die beiden Preisträger*innen des Vorjahres, das Projekt »Mpower« und die »Schülerpaten Berlin e.V«, sollen im Sommer nachträglich geehrt werden.

Hinter dem Projekt »Mpower« stehen Mädchen und junge Frauen mit Migrations- und Fluchtbiographie. Seit 2015 produzieren sie gemeinsam Filme von der Idee bis zur Postproduktion, mit denen sie ihre Stimmen und Geschichten hör- und sichtbar machen. Sie setzen sich für Gleichberechtigung und gleiche Chancen auf Teilhabe ein, behandeln Themen wie Kunst und Medien, Identitätsfragen und fördern damit die Berufsorientierung. Dies geschieht, indem sie Mädchen in geschützten Räumen die Möglichkeit geben, ihre eigenen künstlerischen Potentiale auszureizen und selbstbewusst zu transkulturellen künstlerischen Ausdrucksformen zu gelangen.

Die »Schülerpaten Berlin e.V.« vermitteln Pat*innenschaften zwischen Schüler*innen mit vorwiegend arabischem Hintergrund und Ehrenamtlichen. Damit ermöglichen sie persönliche Bindungen zwischen Pat*innen und den Familien, womit sie deren Integration erleichtern. Solche gesellschaftliche Annäherung baut Vorurteile ab und mindert das soziale Gefälle. Der Verein arbeitet seit 2010 und hat mittlerweile mehr als 800 solcher Pat*innenschaften vermittelt.

Gedenken an ein Opfer rassistischer Gewalt

Der Mete-Ekşi-Fonds des Türkischen Elternvereins und der GEW BERLIN wurde im Jahr 1992 als gemeinsamer Beitrag zu einer friedlichen und vielfältigen Stadtkultur im Land Berlin gegründet. Anlass der Gründung war das Entsetzen über den gewaltvollen Tod eines Berliners im Jahr zuvor.

Am 27. Oktober 1991 hatte sich eine Gruppe Jugendlicher, Schüler eines nahegelegenen Gymnasiums, im Café »Graffiti« am Kurfürstendamm getroffen. Es entspann sich eine Auseinandersetzung mit drei Brüdern aus Marzahn, die sich laut Aussagen von Zeug*innen daran entzündete, dass Mete und seine Freunde mit­einander türkisch sprachen. Es kam zu einer Schlägerei, bei der Mete Ekşi schwere Verletzungen erlitt.

Am 13. November 1991, mit nur 19 Jahren, erlag er diesen Verletzungen, die ihm zweieinhalb Wochen zuvor mit einem Baseballschläger zugefügt worden waren.

Im späteren Gerichtsverfahren mochte die damals zuständige Richterin kein rassistisches Motiv bei der Auseinandersetzung auf dem Adenauerplatz zwischen türkisch sprechenden Jugendlichen und drei Brüdern aus Marzahn feststellen. Dennoch ist Metes Tod deutlich in der aufgeheizten und von Hass auf vermeintlich Andere geprägten Stimmung der frühen Neunziger Jahre zu verorten. Metes Tod löste in der Community mit türkischem Hintergrund und solidarischen Teilen der Stadtgesellschaft Entsetzen, aber auch Angst und Wut aus. Am Trauermarsch zu seinem Gedenken nahmen damals 5.000 Personen teil. Den Mitgliedern des Türkischen Elternvereins war Mete als engagierter und hilfsbereiter junger Mann bekannt, der ein Gymnasium in Char­lot­ten­­burg besuchte. Er setzte sich für ein friedliches Miteinander ein und war gerade dabei, ein interkulturelles Jugendfest gegen Gewalt zu planen.

Engagement fortführen

Um Metes Namen in Erinnerung zu halten und um Handlungsfähigkeit gewinnen zu können, wurde der Mete-Ekşi-Fonds ins Leben gerufen. Seit seiner Gründung sind Jugendliche und junge Erwachsene für rund 80 Projekte ausgezeichnet worden, die das Anliegen Mete Ekşis weiterführen, unterschiedlichen Menschen Begegnungen miteinander und gemeinsames Gestalten zu ermöglichen.

Über die vergangenen Jahrzehnte bewarben sich viele Initiativen junger Menschen um den Preis, die sich für Vielfalt, Demokratie und ein gleichberechtigtes Zusammenleben in Berlin einsetzen. Jedes Jahr befasst sich das Kuratorium intensiv mit den Projekten in Rahmen eines dialogreichen Auswahlverfahren. Die zahlreichen Bewerbungen belegen in beeindruckender Weise, wie viele junge Menschen sich gegen Gewalt und Diskriminierung einsetzen.

Der Preis versteht sich als Auszeichnung und dient zugleich der Motivation, das Engagement fortzuführen in einer Zeit, in der die Angriffe auf die plurale und bunte Gesellschaft eher zu- als abnehmen. Die Preisträger*innen stehen dafür ein, die gelebte Vielfalt zu schützen und zu gestalten.

Im Jahre 1996 wurde am Ort des Geschehens ein Gedenkstein für Mete Ekşi aufgestellt. »Gegenseitiger Respekt und der Wille zur Gewaltfreiheit hätten sein Leben schützen können« ist dort eingraviert. Unter diesem Leitgedanken wurde am 13. Oktober 2021, wie in jedem Jahr, ein Kranz am Ort des Geschehens niedergelegt.          

Damit auch in Zukunft das Engagement Jugendlicher gegen Rassismus und für Vielfalt sichtbar gemacht werden kann, kann die Arbeit des Fonds mit einer Spende unterstützen werden:

IBAN DE22 1012 0100 1004 0501 17

Kontakt
Markus Hanisch
Geschäftsführer und Pressesprecher