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Gewerkschaft

Die Arbeitszeitstudie ist gestartet

Die Erfassung der Arbeitszeit von Berliner Lehrkräften ist umfassender als ähnliche Untersuchungen bisher. Sie verspricht spannende Ergebnisse.

Die Kooperationsstelle der Universität Göttingen erfasst seit Ende August 2023 detailliert die Arbeitszeit von Lehrkräften an Berliner Schulen über ein ganzes Schuljahr, um die Arbeitszeitbelastungen genau dokumentieren zu können. Dabei geht es um den Umfang der Arbeitszeit, das Verhältnis von SOLL-Arbeitszeit und tatsächlicher Arbeitszeit und um Einflussfaktoren auf die Arbeitszeitbelastung von unterschiedlichen Gruppen von Lehrkräften. Auf Grundlage der Befunde sollen der Gestaltungsbedarf bei den Arbeitsbedingungen Berliner Lehrkräfte wissenschaftlich untermauert und schlussendlich konkrete arbeitspolitische Handlungsempfehlungen abgeleitet werden.

Doch die Arbeitszeitbelastung ist leider nur ein Faktor für Stress, schlechte Arbeitsbedingungen und Gesundheitsgefährdungen von Lehrkräften. Bei früheren Untersuchungen fielen regelmäßig zahlreiche weitere Faktoren auf, die Lehrkräfte stark beansprucht haben (zum Beispiel »schwierige« Schüler*innen; Konflikte mit Teilen der Elternschaft; schlechte Infrastruktur). So kann es vorkommen, dass Lehrkräfte mit kürzerer SOLL-Arbeitszeit oder mit weniger Mehrarbeit dennoch höhere Beanspruchungen empfinden, als manche Lehrkräfte mit längerer Arbeitszeit und viel Mehrarbeit.

Wer die Arbeitsbedingungen von Lehrkräften verbessern will, muss also diese qualitativen Belastungsfaktoren ebenfalls in den Blick nehmen und Lösungen sowohl für die Arbeitszeitbelastung als auch für die qualitativen Belastungen finden. Daher führt die Kooperationsstelle der Universität Göttingen parallel zur Arbeitszeiterfassung zum Beginn und am Ende der Arbeitszeiterfassung eine gesonderte Online-Erhebung zu den Belastungen durch. Damit können weitere Hintergrundinformationen zur Situation und Betroffenheit einzelner Gruppen von Lehrkräften gewonnen werden, um die Arbeitszeitdaten besser zu verstehen.

In diesem Beitrag soll vorgestellt werden, was über die qualitativen Belastungsfaktoren von Lehrkräften bekannt ist und welche neuen Aspekte bei der Berliner Arbeitszeitstudie voraussichtlich adressiert werden.

 

Schlechtere Arbeitsbedingungen als vergleichbare akademische Berufe

 

Der Vergleich mit anderen Berufsgruppen (DGB-Index Gute Arbeit) hat gezeigt, dass Lehrkräfte gegenüber vergleichbaren Berufen mit akademischer Ausbildung über deutlich ungünstigere Arbeitsbedingungen verfügen. Grund sind vor allem die Belastungen durch Lärm und den enormen Arbeitsdruck. Lehrkräfte haben eine stark auf die Schulwochen verdichtete Arbeitszeit mit wenig Erholungszeiten, da sie hohe Anteile der Arbeitszeit am Abend oder am Wochenende erbringen und eine starke Entgrenzung von Arbeit und Privatleben erleben. Neben diesem generellen Muster gibt es spezifische Belastungen, die mit bestimmten Schulformen, mit sozialen Lagen oder mit dem Schulklima verbunden sein können. Da der Sinn ihrer Arbeit sehr motivierend ist (intrinsische Motivation), empfinden Lehrkräfte trotz relativ schlechter Arbeitsbedingungen eine vergleichsweise höhere Arbeitszufriedenheit als viele andere Berufsgruppen.

Im Beruf sind Lehrkräfte weiteren Belastungsfaktoren ausgesetzt, die andere Berufe so nicht kennen. So können eine Reihe an schulspezifische Anforderungen beschrieben werden, die regelmäßig als Quelle psychischer Beanspruchungen gelten. Dazu gehören besonders Konflikte mit Schüler*innen oder ihren Eltern sowie respektloses Verhalten. Auch die Übernahme von Klassenleitungstätigkeiten, das Unterrichten großer Klassen, Inklusionsaufgaben unter Bedingungen großen Zeitdrucks oder die Umstellung auf das digital unterstützte Lehren und Lernen können Stress erzeugen.

Die Belastungen sind nicht gleich verteilt, sondern unterscheiden sich oftmals je nach Geschlecht, Alter, Arbeitsvertragsumfang (Teilzeit) oder beruflichen Rollen (zum Beispiel Quer-, Seiteneinsteigende; Schulleitung). Für alle Schulakteur*innen scheint außerdem in den letzten Jahren die Arbeitsverdichtung durch unbesetzte Stellen im Kollegium und insgesamt durch den Nachwuchsmangel an ausgebildeten Lehrkräften zugenommen zu haben.

 

Belastung durch digitales Lehren

 

Seit einem guten Jahrzehnt verfolgt die Bildungspolitik das Ziel, Schüler*innen durch Medienbildung auf ein Leben in einer von Digitalisierung geprägte Gesellschaft vorzubereiten. Die Digitalisierungsstudie der Kooperationsstelle Göttingen hat gezeigt, dass wie bei anderen Berufsgruppen auch bei Lehrkräften Formen des digitalen Stresses auftreten. Insbesondere bei schlechter digitaler Infrastruktur und fehlender Strategie des digitalen Lehrens und Lernens an der Schule erhöht sich der digitale Stress. Die Unterschiede zwischen Nachzügler- und Vorreiterschulen bei der Umsetzung des digitalen Lehrens und Lernens wirken sich direkt auf die Arbeitsbedingungen und beruflichen Chancen von Lehrkräften aus.

Bei grundsätzlich bekannten Belastungsfaktoren geht es vor allem darum, herauszufinden wo genau der Belastungspegel der Berliner Lehrkräfte steht und welche Besonderheiten sie gegenüber Befragungen in anderen Bundesländern aufweisen. Da die Umsetzung des digital unterstützten Lehrens und Lernens schnell voranschreitet, ist es ein besonderes Interesse herauszufinden, wie sich die digitalen Fähigkeiten der Schulen aus Sicht ihrer Lehrkräfte entwickeln. In Sachsen wurde erstmals auch das digitale Potenzial von Grundschulen bewertet, hier bietet Berlin einen ersten Vergleich.

Der Umfang einer Befragung ist jedoch stark beschränkt, weshalb Fragen zu bekannten Aspekten auf ein Mindestmaß konzentriert werden.

 

Besonderheit der Berliner Befragung

 

Mehr Aufmerksamkeit werden neue Aspekte und derzeit noch nicht geklärte Fragen zur Belastung von Lehrkräften eingeräumt bekommen. Sechs Themen werden besonders vertieft:

Erstens stehen in der Berliner Studie erstmals in dieser Breite nahezu alle Schulformen im Fokus: Lehrkräfte aus der Grundschule (GR), Integrierten Sekundarschule (ISS), Gemeinschaftsschule (GemS), dem Gymnasium (GY) und den Berufsbildenden Schulen (BbS) nehmen an der Studie teil und sollen quantitativ wie qualitativ analysiert werden. Insbesondere für die BbS werden hier erstmals belastbare Arbeitszeitwerte erwartet, sofern sich ausreichend Lehrkräfte beziehungsweise Fachpraxislehrkräfte an der Erhebung beteiligen.

Zweitens geht es darum, die Situation bestimmter Gruppen besser zu verstehen. So werden in Berlin in sehr hohem Umfang Quer- und Seiteneinsteigende eingesetzt, die vermutlich einer Mehrfachbelastung ausgesetzt werden. Darüber hinaus gibt es bestimmte Beschäftigtengruppen wie Sonderpädagog*innen, Fachpraxislehrkräfte und Pädagogische Unterrichtshilfen (nehmen nur an der Belastungsbefragung teil) oder PKB-Kräfte, deren Belastungssituation analysiert werden soll, um die Auswirkungen von Berliner Besonderheiten in der Schulpolitik besser zu verstehen. Aufgrund des hohen Anteils von Abordnungen in Berlin, soll auch die Situation abgeordneter Lehrkräfte in den Blick genommen werden. Neben diesen Sonderaspekten wird natürlich auch nach den »üblichen« Gruppen mit besonderer Belastung geschaut: Teilzeitkräfte, Lehrkräfte mit Familienpflichten oder Pflegearbeit (Care-Arbeit), Altersgruppen und so weiter.

Drittens wird die besondere Belastungssituation von Mitgliedern der Schulleitungen (im weiteren Sinne) zum ersten Mal in dieser Form genauer analysiert werden. Dazu wurde unter anderem ein eigenes Tätigkeitenmodell für Schulleitungsangehörige entwickelt. 

Viertens interessiert uns diesmal besonders über welche individuellen und kollektiven Möglichkeiten Lehrkräfte verfügen, ihre Arbeitszeit zu regeln. Bei welchen Tätigkeiten wird unter Druck individuell Arbeitszeit eingespart und welche Nebenwirkungen sind damit verbunden? Wie gut regelt eine Schule die Verteilung von neuen, zusätzlichen und besonderen Aufgaben?

Fünftens werden Aspekte betrachtet, die für die Arbeitspolitik von Bedeutung sind. In welchen konkreten Situationen treten Belastungen auf, auf die mit Entlastungen gegengesteuert werden könnte. Bislang gibt es beispielsweise Entlastungen bei der Übernahme von Funktionstätigkeiten, bei Erreichen von Altersgrenzen oder beim Unterrichten in weiterführenden Schulformen. Auf welche Aspekte müsste zusätzlich mit Entlastungsmaßnahmen reagiert werden? Betrachtet werden hier unter anderem Aspekte wie die Klassenleitung, Klassengröße und Stufen, um ihren Einfluss auf die empfundene Arbeitbelastung und die Arbeitszeit abschätzen zu können.

Sechstens sollen auch Folgen dauerhafter Überlastung identifiziert werden, um Hinweise für einen verbesserten Arbeits- und Gesundheitsschutz zu geben. Dabei werden neben der Situation der Dauerbelastung auch die spezifische Wirkung eines nicht-wertschätzenden Schulklimas sowie die fehlende Anerkennung der Leistungen von Lehrkräften als Einflussfaktoren betrachtet.

 

Einstieg in die Studie noch möglich

 

Der Wert der Befragungsergebnisse für arbeitspolitische Initiativen zu Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen von Lehrkräften in Berlin steht und fällt mit der Anzahl der Beteiligten an der Arbeitszeiterfassung über ein Jahr und an den beiden Belastungsbefragungen. Je mehr Lehrkräfte sich beteiligen und je zahlreicher die vielfältigen Konstellationen (zum Beispiel Quer-/Seiteneinsteigende, Schulleitungen, Teilzeitkräfte, Junge und Alte und so weiter) im Sample vertreten sind, desto differenzierter werden die Ergebnisse sein. Ziel ist es mit einer Beteiligung von fünf bis zehn Prozent aller Berliner Lehrkräfte repräsentative Aussagen für die Grundgesamtheit sowie für möglichst viele Teilgruppen treffen zu können, um Handlungsempfehlungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen mit Fakten zu untermauern. Die bisherige Mobilisierung zur Studienbeteiligung ist bereits sehr gut gelaufen, viele Lehrkräfte beteiligen sich bereits – noch ist der Einstieg möglich!

 

Berliner Arbeitszeitstudie

 

GEW-Informationen zum Projekt Arbeit in #echtzeit. Noch sind Anmeldungen möglich!

www.gew-berlin.de/arbeitszeitstudie

Kontakt
Markus Hanisch
Geschäftsführer und Pressesprecher