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Internationales

»Die Sorge um Angehörige ist allgegenwärtig«

Unter den türkischen Angriffen auf das Autonomiegebiet Nord- und Ostsyrien leiden auch kurdische Schüler*innen in Berlin.

Foto: GEW

Den 1. November haben Menschen in und aus Kurdistan als Welt-Kobanê-Tag begangen. Als die Stadt Kobanê im September 2014 von der Terrororganisation IS eingekesselt worden war, gab es weltweit Solidarität mit der Stadt und seinen Bewohner*innen. Es gelang in den folgenden Monaten, Kobanê und das Gebiet des heutigen Nord- und Ostsyrien von der Besatzung durch den IS zu befreien. 2016 wurde die Föderation Nordsyrien als autonome Verwaltung gegründet – ein Zusammenschluss von Gruppen verschiedener Zugehörigkeiten und Religionen, vorrangig von kurdischen, assyrischen, arabischen und turkmenischen Bevölkerungsgruppen. Doch bis heute ist die Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien international nicht anerkannt.

In diesem Klima hat die Türkei im Jahr 2018 Afrin und 2019 Serekaniyê und Girê Spî besetzt und in der Folge einen Bevölkerungsaustausch in den genannten Gebieten durchgeführt. Kontinuierlich gibt es Angriffe auf kurdische Regionen in der Türkei, dem Irak und vor allem auf das Gebiet der Föderation Nord- und Ostsyrien. Zuletzt hat die Türkei ab dem 5. Oktober 2023 eine großangelegte Offensive gestartet und dabei die lebensnotwendige Infrastruktur der Region erheblich beschädigt.

 

Kriegserfahrung in Berlin präsent

 

Auch kurdische Familien in Deutschland sind von diesen Angriffen betroffen, denn häufig gibt es Verwandte oder Freund*innen, die sich in den angegriffenen Regionen befinden. Diese Familien stehen unter Stress, der sich auch auf die Kinder auswirkt. Die Erinnerungen an Krieg, Zerstörung und Vertreibung werden erneut wach, die Sorge um die Angehörigen ist allgegenwärtig. So wachsen auch Kinder in Deutschland mit Erfahrungen von Krieg und Zerstörung auf. Doch auch Schüler*innen aus Familien, die aus den anderen Regionen Kurdistans stammen, beschäftigen sich mit dem aktuellen Angriffskrieg der Türkei, denn abgesehen von der hohen Zahl der zivilen Opfer ist dieser Krieg für viele Kurd*innen ein Krieg gegen kurdische Menschen und die kurdische Identität generell. Die Auseinandersetzung damit ist hochemotional und betrifft die kurdische Community in Berlin insgesamt.

In den Schulen gibt es aber keine Möglichkeit für Kinder, über ihre Erfahrungen zu berichten. Schulen verfügen über zu wenige Möglichkeiten und Kompetenzen, die emotionalen Bedürfnisse von Schüler­*innen aufzugreifen und ihre Erfahrungswelten zu bearbeiten. Häufig fehlt auch den Lehrer*innen oder Sozialarbeiter*innen das Wissen über aktuelle Konflikte oder Kriegshandlungen, von denen ihre Schüler*innen möglicherweise betroffen sein könnten.

 

Kurdische Identität wird marginalisiert

 

Erschwerend wirkt hierbei die fehlende Anerkennung für die kurdische Identität. Die Marginalisierung des Kurdischen und die Dominanz, unter anderem durch die türkische Community, ist eine Erscheinung, die oft den Alltag in unseren Schulen bestimmt. Kurdische Schüler*innen und ihre Eltern geben deshalb die eigene Identität im Rahmen der Schule häufig nicht zu erkennen, sondern stimmen stillschweigend zu, wenn sie nach wie vor als »Türkisch«, »Arabisch« oder »Persisch« bezeichnet werden. Sie haben Angst, dass sich Konflikte einstellen, sobald ihre Identität sichtbar wird und die Schüler*innen nicht geschützt werden können.

Leider gibt die Realität in den Schulen diesen Schüler*innen und ihren Familien allzu häufig recht. Es gibt Berichte von Anfeindungen und Diskriminierungen kurdischer Schüler*innen, zum Beispiel im Zuge des Erstsprachenunterrichts. Auch Konflikte zwischen Schüler*innen werden von Lehrer*innen oft nicht als das erkannt, was sie sind: Konflikte aufgrund der Identität oder der Religion, denn ebenso wenig, wie kurdische Schüler*innen in den Schulen sichtbar sind, wird auch der Grund für solche Konflikte sichtbar. Leider muss insgesamt festgestellt werden, dass Schule kein Ort für kurdische Schüler*innen ist, ihre Emotionen, ihre individuellen Erfahrungen und ihre Ängste zu zeigen. Hiervon gibt es natürlich Ausnahmen und es bleibt zu hoffen, dass diese Ausnahmen irgendwann die Regel werden.

Kontakt
Markus Hanisch
Geschäftsführer und Pressesprecher