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Schule Ein schwieriger Übergang

Der Wechsel von der Grundschule in die verschiedenen weiterführenden Schulen stellt seit 100 Jahren eine hohe Belastung für Schüler*innen dar. Die Pandemie hat die Probleme noch verschärft.

03.01.2022 - von Ulla Widmer-Rockstroh, Ursula Carle und Rixa Borns

Die Lehrkräfte der Sekundarschulen mögen empört meinen, sie gäben sich mit den neuen Schüler*innen stets die größte Mühe. Aber das Strukturproblem des ungerechten, gegliederten deutschen Schulsystems überschattet gute Einzelinitiativen und wird leider auch von uns Lehrkräften am Leben erhalten. Gerade forderten in Berlin Oberstudiendirektor*innen wieder, dass grundständige Gymnasien ab Klasse fünf erhalten oder sogar ausgeweitet werden sollen, damit die Auslese eher beginnen kann. Und immer wieder erfahren Schüler*innen, insbesondere in Gymnasien, mangelnde Wertschätzung hinsichtlich ihrer bisherigen Arbeit in der Grundschule: »Der Kindergarten ist jetzt vorbei!«

Langformschulen, die Grund- und Sekundarschule einschließen, gibt es inzwischen bundesweit. Diese Gemeinschaftsschulen, besonders weit entwickelt in Berlin, sind hoch nachgefragt, werden aber trotzdem nicht offensiv ausgebaut.

»Übergang« in Pandemie-Zeiten

Die Corona-Pandemie wirkt sich auf alle Schulen aus. Soziokulturelle Bildungsbenachteiligungen haben sich verschärft und Inklusion wurde vielfach ausgesetzt.

Der Schulwechsel kann und darf bei diesen äußerst schwierigen Bedingungen und Voraussetzungen nicht so gehandhabt werden wie üblich. Grundschulempfehlungen und Förderprognosen auf der einen Seite, nicht angepasste curriculare Anforderungen in den Aufnahmeklassen der weiterführenden Schulen auf der anderen Seite werden dem Problem der ungleichen Chancen noch weniger gerecht als bisher.

In unzähligen Stellungnahmen von Fachverbänden sowie Appellen von Eltern ist in den vergangenen Monaten bundesweit gefordert worden, grundsätzlich und speziell für diese pandemische Übergangssituation auf Empfehlungen zu verzichten. Ebenso auf Nichtversetzungen und Zensurendruck, Probezeiten, Prüfungen, Abschulungen, Diagnostizierung von besonderem Förderbedarf »Lernen« oder gar »geistige Entwicklung« und damit verbunden die Überweisung auf Sonderschulen.

Die Kultusministerien und die Kultusminister*innen-Konferenz (KMK) haben auf diese Forderungen nicht mit Neuregelungen oder Empfehlungen reagiert, wie die Schulen mit dem Problembereich ‚Übergang‘ in Folge der Pandemie umgehen sollen. Zusätzliche Ferienschulangebote und Aufholprogramme laden das Problem nur auf den Schultern der Kinder und Eltern ab und signalisieren zudem, dass das bisherige Curriculum unbedingt geschafft werden muss.

Die Schulen müssen jetzt handeln

Es muss flexibel und kreativ mit den Curricula umgegangen werden. Das bisher gewohnte Lernprogramm kann nicht mehr Maßstab sein. Beurteilungen und Zensuren müssen in ermutigender Weise erteilt werden. Die außercurricular gesammelten Erfahrungen sollten thematisiert und gewürdigt werden.

Alle Kolleg*innen in den Grundschulen sollten die Übergangsempfehlungen und -Beratungen besonders sensibel mit den Wünschen der Kinder und Eltern abstimmen, um den Übergang nicht durch Konflikte zu erschweren.

Die Kolleg*innen der Grund- und weiterführenden Schulen sollten frühzeitig Kontakt miteinander aufnehmen und sich absprechen, damit die Kinder nach den bereits vorhandenen Unsicherheiten durch die Pandemie in den neuen Lernumgebungen kontinuierlich weiterlernen können. Schulen sind dabei in besonderem Maße auf die Unterstützung der Schulaufsichten angewiesen. Zum Beispiel für die Anpassung der schulinternen Curricula und einen erweiterten zeitlichen Austausch zwischen Grundschulen und weiterführenden Schulen über die erreichten Kompetenzen am Ende des Schuljahres. Sonderpädagogische Feststellungsverfahren mit weitreichenden Konsequenzen für die Schullaufbahn der Kinder müssen ausgesetzt werden, jedoch ohne negative Folgen für die Ressourcenzuweisung.