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Schwerpunkt "Diskriminierungssensible Pädagogik"

Hanau bleibt unvergessen

Ferhat Unvar wurde bei dem rassistischen Terroranschlag von Hanau ermordet. In seinem Namen wurde eine Bildungsinitiative gegen Rassismus gegründet. Wir sprachen mit Projektkoordinator Ali Yildirim, Lehrkraft an einem Gymnasium in Pankow.

Foto: IMAGO

bbz: Was genau geschah vorletzten Winter in Hanau?

Yildirim: Am 19. Februar 2020 ermordete ein rechts­extremer Attentäter in Hanau aus rassistischen Motiven Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz, Vili Viorel Păun, Gökhan Gültekin, Mercedes Kierpacz, Ferhat Unvar, Hamza Kurtović und Said Nesar Hashemi. Anschließend fuhr er nach Hause und tötete seine Mutter und sich selbst.

Wie ist die Bildungsinitiative Ferhat Unvar entstanden?

Yildirim: Ferhat Unvar war ein Kindheitsfreund von mir und hat am 19. Februar durch den rechtsterroristischen Anschlag in Hanau gemeinsam mit acht weiteren Menschen sein Leben verloren. Für viele von uns war klar, dass wir die Erinnerung an ihn wachhalten und gestalten wollen. Auch für Ferhats Mutter Serpil Unvar, die Gründerin unserer Initiative, war es wichtig, etwas in Gedenken an Ferhat zu tun. Wir haben versucht, an Ferhats Erfahrungen anzuknüpfen. Das waren unter anderem rassistische Erfahrungen, die er in der Schule machen musste. Für Serpil und viele von uns war klar, dass wir den institutionellen Rassismus angehen wollten. Wir haben eine Bildungsinitiative gegründet, weil wir der Meinung sind, dass Bildung der beste Weg ist, um gegen Rassismus zu kämpfen.

Warum ist eine Initiative gegen Rassismus speziell an Schulen notwendig?

Yildirim: Wenn ich daran denke, was in meiner Schulzeit gegen Rassismus unternommen wurde, sieht es sehr mager aus. An meiner Schule gab es das klassische Banner »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage«. Daraus folgte aber nichts. Meine Schule hat gedacht, damit sei es getan.

Viele junge Menschen haben die Erfahrung gemacht, dass Rassismus in der Schule überhaupt nicht thematisiert wird. Wenn du von Rassismus und Diskriminierung betroffen bist und das ansprichst, kehrt die Schule das unter den Teppich. Es gibt oft keine wirklichen Konsequenzen zum Beispiel für Lehrkräfte, die sich rassistisch äußern. Im Gegenteil gibt es häufig eine Opfer-Täter*innen-Umkehr: Man muss selbst mit Konsequenzen rechnen, wenn man das Problem benennt. Der Geschichtsunterricht endet oft mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs: Das Dritte Reich ist gefallen, Nationalsozialismus vorbei. Was danach passiert ist, welche Kontinuität rechter Gewalt wir haben, das wird nicht wirklich thematisiert. Vor dem 19. Februar hatten wir junge Menschen hier in Hanau, die nicht wussten, wer der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) ist. Durch den Anschlag sind sehr viele junge Menschen aufmerksam geworden, haben sich informiert und werden aktiv.

Wie unterstützen Sie Schüler*innen in dieser Situation?

Yildirim: Zunächst dadurch, dass das Thema Rassismus überhaupt offen angesprochen werden kann. Wir geben Workshops zu Themen wie rassistischer Sprachgebrauch, Antisemitismus, antimuslimischer Rassismus oder zum 19. Februar selbst. Wir schauen, welche Themen nachgefragt werden, und versuchen, dafür ein Angebot zu schaffen.

Wir sind in der Initiative hauptsächlich junge Menschen, die selbst von Rassismus betroffen sind. Es geht auch darum, Schüler*innen das Gefühl zu geben, dass sie nicht alleine sind, vor allem Schüler*innen, die selbst rassistisch diskriminiert werden.

Uns ist wichtig, dass wir nicht in die Schulen kommen, einen Workshop geben und dann hört man uns nie wieder. Die Schüler*innen sollen wissen: Es gibt eine Anlaufstelle in eurer Umgebung, wir haben eigene Räumlichkeiten, ihr könnt auch zu uns kommen und werdet gehört und ihr seid mit euren Problemen nicht alleine. Wir arbeiten präventiv und wollen dafür sorgen, dass es gar nicht erst zu bestimmten Situationen kommt.

Die Initiative existiert seit einem Jahr. Welche Erfahrungen machen Sie in den Workshops?

Yildirim: Was wir in unseren Workshops erfahren, ist viel Dankbarkeit für die Sensibilisierung. Sowohl von Menschen, die von Rassismus betroffen sind, als auch von Schüler*innen, die selbst keine Diskriminierungserfahrungen machen müssen. Die Fragen, die wir gestellt bekommen, sind fernab jeglicher Standardfragen. Es ist ein großes Interesse da, in die Tiefe zu gehen.

Die jungen Leute sind extrem wissbegierig und wollen nichts unter den Teppich kehren lassen, sondern die Probleme aktiv angehen. Das gibt uns in der Arbeit sehr viel Hoffnung und Kraft. Die Schüler­*innen verstehen, dass Rassismus ein gesamtgesellschaftliches Problem ist und man nicht unbedingt selbst betroffen sein muss, um aktiv zu werden.

Wer ist in der Initiative aktiv?

Yildirim: Die jungen Menschen, die bei uns mitmachen, waren mit Ferhat Unvar befreundet. Wir sind alle ehrenamtlich dabei. Uns ist allen klar, dass wir das in erster Linie für Ferhat machen und in zweiter Linie für die Gründerin Serpil. Sie ist wie eine Mutter für uns und hat uns überhaupt erst die Möglichkeit gegeben, aus unserer Wut nach der Tat etwas Kon­struktives und Positives machen zu können. Darüber hinaus eint uns eine gemeinsame Motivation: Wir leben in diesem Land, wir sind ein Teil dieses Landes, und dieses Land gehört uns genauso wie jedem anderen auch. Rassismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem und wir müssen das gemeinsam angehen. »Nebenbei« machen fast alle eine Ausbildung, ein Studium, einen Job und stecken jede freie Minute in diese Initiative, weil es für uns auch ein Heilungsprozess ist. Viele von uns konnten die Tat nicht wirklich verarbeiten. Weil wir wissen, wir sind hier gemeinsam, haben diesen Ursprung, machen jetzt was Gutes und wollen diese Gesellschaft zum Positiven verändern.

Wie reagieren die Schüler*innen auf Ihre Workshops?

Yildirim: Wenn die Schüler*innen sehen, ich habe da eine Person vor mir, die dieselben Sachen durchmacht, und deren Leben durch diese schreckliche Tat grundlegend verändert wurde, dann ist die Aufmerksamkeit auf jeden Fall da. Uns ist bewusst, dass wir in unseren Workshops ein schwieriges Thema ansprechen. Wir versuchen, einen sicheren Raum zu schaffen, in dem sich Schüler*innen auch entfalten können. Wenn es für bestimmte Personen in der Situation nicht möglich ist, verweisen wir auch darauf, dass man uns in unseren Räumlichkeiten für ein persönliches Nachgespräch finden kann.

Was können Pädagog*innen tun, um sich aktiv gegen Rassismus an den Schulen einzusetzen?

Yildirim: Erst einmal müssen wir sagen, dass es viele tolle Lehrkräfte gibt, die sich mit uns solidarisieren und das Thema Rassismus im Klassenzimmer ansprechen möchten. Ihnen fehlt aber einfach die Zeit, weil auch sie unter Druck stehen. Sie müssen den Lehrplan abarbeiten und wenn Rassismus kein fester Bestandteil davon ist, dann ist es für Lehrkräfte sehr schwierig. Als Lehrkraft, die selbst nicht von Rassismus betroffen ist, sollte ich auf Selbstorganisationen zugehen, die aus der Betroffenenperspektive reden können, und gucken: Was können wir gemeinsam machen, für welche Veränderung können wir sorgen, welche Projekte machen Sinn, und wo können wir uns gegenseitig unterstützen?

Wenn Lehrkräfte ihre Expertise mitbringen und die Initiativen ihre Erfahrungen, dann kann nur etwas Gutes daraus entstehen.     

Weitere Informationen zur Initiative und ihren Workshopangeboten finden sich unter: www.bildungsinitiative-ferhatunvar.de

Bildungsinitiative Ferhat Unvar

Die Initiative möchte unabhängig bleiben und ist daher auf Spenden der Zivilgesellschaft angewiesen:

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IBAN: DE19430609674108589900

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Verwendungszweck: »Spende Bildungsinitiative Ferhat Unvar«

Kontakt
Markus Hanisch
Geschäftsführer und Pressesprecher
Privat:  030 / 219993-46