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SchuleHand gegen Koje

Yvonne Heimbüchel, die erste stellvertretende Vorsitzende der GEW Hamburg, berichtet von ihren Segeltörns mit Schüler*innen.

01.11.2021 - Das Interview führte Joachim Geffers

Geffers: Yvonne, wie bist du zu den Segeltörns mit Schüler*innen gekommen?

Heimbüchel: Ein Kollege fragte mich, ob ich eine Segelreise als Studienfahrt in der Oberstufe mitmachen wolle. Als ich das erste Mal an Bord kam, war ich auch »Schülerin«. Wir fuhren »Hand gegen Koje«, das heißt wir mussten Hand in allen Bereichen anlegen, um mitfahren zu können, von der »Maschine« über die Kombüse, das alltägliche Reinemachen bis hin zum Segelsetzen und Navigieren. Wir erlebten alles hautnah und merkten, dass es einfach Notwendigkeiten gibt, die in der Gemeinschaft aber total viel Spaß machen. Mittlerweile bin ich seit 2012 auf einem Dreimaster unterwegs, dessen Träger ein Verein zum Erhalt und zur Förderung der Seemannschaft, speziell der Jugendarbeit, ist.

Und wo ging es hin?

Heimbüchel: Die ersten Törns gingen in die Dänische Südsee und nach Norwegen. Im Winter 2016/2017 ist dann die »Thor Heyerdahl« für sechs Monate in See gestochen. Das Schiff ist der Campus für das Schulprojekt »Klassenzimmer unter Segeln« (KUS), das von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg durchgeführt wird. Der Törn startete von Kiel aus über England und die Kanaren in die Karibik, die Azoren und wieder zurück. Auf dem 50 Meter langen Schiff fanden 50 Personen Platz, davon circa 32 Schüler*innen, je nach Stammbesatzung.

Was waren die größten Herausforderungen in Hinblick auf das Segeln, aber auch auf das Zusammenleben mit den Schüler*innen?

Heimbüchel: Man denkt, dass diese Enge zu Problemen führen würde, das ist aber gar nicht so. Alle genießen es und finden ein eigenes Eckchen an Bord. Manchmal sind alle mordsmäßig hungrig. Essen spielt eine Riesenrolle. Es heißt ja: »food is good for the mood«. Auch »Schwere See« gibt es hier und da mal. Dafür ist das Schiff aber bestens ausgestattet und die Mannschaft auch. Alle werden von Anfang an gut darauf trainiert.

Wie erlebten die Schüler*innen das Problem der Seekrankheit?

Heimbüchel: Sie sind immer ganz erstaunt, dass auch die Erwachsenen seekrank werden. Das ist für sie undenkbar. Das gemeinsame »Über die Reling« ist etwas Besonderes, auch das fördert die Gemeinschaft. Diejenigen, die nicht seekrank wurden, kümmerten sich rührend um die anderen, sie kochten Pfefferminztee und brachten Zwieback. Das sind die schönen Momente, trotz der blöden, die es auch gibt.

Was sagen die Kinder, wenn sie hinterher Bilanz ziehen?

Heimbüchel: Viele wollen gar nicht von Bord. Während der Rückreise gibt es diesen Wendepunkt, dann wird viel Tagebuch geschrieben, alle erinnern sich und singen die Lieder, die bestimmte Momente prägten. Ich hörte von Schüler*innen, die plötzlich ihre großen Zimmer zuhause absurd fanden, weil sie inzwischen dieses Reduzierte gewohnt waren.

Und die gewonnenen Freundschaften! Die Kinder von der großen Reise kommen aus ganz Deutschland, teilweise auch aus Österreich und der Schweiz. Der Unterricht fand an Bord statt und führte direkt in die Praxis der jeweiligen Länder. Die Sprache, das kulturelle Miteinander und auch Unterschiede zu erleben, das war einfach großartig!

Wenn ihr in den Häfen wart, habt ihr auch Kontakte zu Jugendlichen dort gehabt?

Heimbüchel: Ja, es gab ein Austauschprogramm, das wir für den Sprachunterricht nutzten. In einer Schule auf Kuba nahmen die Kinder am Unterricht teil, und in Panama lebten sie in Gastfamilien.

Das klingt alles phantastisch. Warum gibt es das nicht als von der Bundesregierung finanziertes Programm für mehr Schüler­*innen?!

Heimbüchel: Ja, das wäre natürlich sehr wünschenswert, wenn solche außerschulischen Erfahrungen mehr ermöglicht würden. Schon Tagestörns können gewinnbringend sein. Allein die verschiedenen Erfahrungen: das Klettern im Rigg auf dem wackelnden Schiff, aber auch handwerklich zu arbeiten und zu merken, dass alle sich aufeinander verlassen können und darauf achten müssen, dass niemand über Bord geht. Das ist ganz wichtig.

»Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt« – welcher sollte das sein?

Heimbüchel: Es ist ein Umdenken nötig, um Freiräume zu schaffen – finanziell, organisatorisch und zeitlich. Für mich bedeutet das, die Bildung nicht nur auf das Digitale zu konzentrieren, sondern mehr erlebnispädagogische Angebote zu machen, um gruppendynamische Prozesse, Selbst- und Sozialkompetenz in Gang zu setzen. Das alles sollte in der Lehrer*innenfortbildung aufgegriffen werden.