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Gewerkschaft

Mit Leidenschaft und Besonnenheit

Helmut Stange, ehemaliger Vorsitzender und Schatzmeister der GEW, ist im Alter von 88 Jahren gestorben.

Foto: privat

Helmut Stange wurde 1977 zum Vorsitzenden einer GEW in Berlin gewählt, die in einer politisch hoch aufgeladenen Zeit in einer schweren Krise steckte, die sich zerstritten und getrennt hatte – eine Situation, die Helmut mit den Worten beschrieb: »Als ob man zwei Geschwister auseinandergenommen hätte.« Helmut übernahm die Aufgabe, die getrennten Geschwister wieder zusammenzuführen, und es gelang ihm.

Als ob man zwei Geschwister auseinandergenommen hätte: Mit dieser sehr persönlichen Metapher drückte Helmut Stange, der als Kind während des Kriegs selbst jahrelang von seinen Eltern und seinen zwei Schwestern getrennt gewesen war, der später Vater zweier Töchter war, seine lange, tiefe Verbundenheit mit dieser Gewerkschaft aus, für die er sich Ende der 60er Jahre bewusst entschieden hatte, während viele Kolleg*innen zum Beamtenbund gingen. Helmut, der sein Studium als Diplom-Handelslehrer abgeschlossen hatte, wollte etwas bewirken, und der Verzicht auf das Streikrecht erschien ihm dafür abträglich.

Helmuts gesellschaftspolitisches Interesse war früh geweckt worden. Kurz nach dem Krieg war seine Mutter in die SPD eingetreten und hatte ihn und seine Schwestern gelegentlich zu Partei-Versammlungen mitgenommen. So entwickelte er frühzeitig sein soziales Bewusstsein und seinen Gerechtigkeitssinn, die seinen Lebensweg mitbestimmen sollten. 1961 trat er selbst in die SPD ein. Mehr als einmal nahm er eigene Nachteile in Kauf, indem er sich für andere einsetzte. Eine Stelle als Personalchef in einem großen Betrieb, die er direkt nach seinem Studium hätte annehmen können, lehnte er ab, weil er nicht in die Verlegenheit kommen wollte, irgendwann später vielleicht einmal Menschen entlassen zu müssen. Lieber wurde er Lehrer, und diesen Entschluss hat er nie bereut, wie er vor einigen Jahren in einem Gespräch über seine Erinnerungen an sein Berufsleben resümierte. Und er wurde leidenschaftlicher Bildungspolitiker und engagierter Gewerkschafter. Drei Jahre nach seinem Eintritt in die GEW wurde er zum Schatzmeister gewählt und stellte die GEW bundesweit finanziell neu auf. Als 1972 der so genannte Radikalenerlass erging, engagierte Helmut Stange sich für die Referendar*innen, deren Übernahme in den Beruf nach Abschluss ihres Studiums gefährdet war.

Es war ihm wichtig, dass seine Schüler*innen, dass junge Menschen sich selbstständig ihre Meinung bildeten und kritisch blieben. Nachdem er 1985 für die SPD ins Abgeordnetenhaus gewählt worden war, stellte er fest, dass einige Schüler*innen begannen, Klassenarbeiten in Gemeinschaftskunde »nach seiner Pfeife« zu schreiben, um bessere Noten zu erhalten. Das widerstrebte ihm, und so gab er das Fach, das er sehr gerne unterrichtet hatte, ab und wechselte zu BWL.

Helmut, der »mehr Dienstjahre als Fehltage« hatte, wie er selbst zusammenfasste, stellte sich immer in den Dienst der Sache. So war er über die Jahre Mitglied in verschiedenen DGB-Ausschüssen, er war ehrenamtlicher Richter am Oberverwaltungsgericht Berlin. Und wenn er sah, dass eine Aufgabe beendet oder nicht mehr sinnvoll war, trennte er sich von ihr. So bezeichnete er die Zeit im Berliner Abgeordnetenhaus als »demoralisierend« und zog sich nach einer Legislaturperiode wieder aus der Berliner Landespolitik zurück. Für die GEW war er noch jahrelang im Hauptpersonalrat, davon einige Jahre als stellvertretender Vorsitzender, und im Personalrat Wedding, bis er 1993 in Pension ging und sich seinen privaten Leidenschaften widmen konnte: den gemeinsamen Reisen mit seiner Frau auf ihrer Motoryacht und der Philatelie. Seinen Ruhestand bezeichnete er als »ein herrliches Leben«.

Fragt man ehemalige Weggefährt*innen, erinnern sie sich an seinen ausgleichenden Charakter, an seine Besonnenheit und Zuverlässigkeit, an seine »Grundehrlichkeit« und seinen Humor. Und so gelassen er die GEW durch die bewegten Zeiten der 70er Jahre lenkte, so ausgelassen konnte er im privaten oder kollegialen Rahmen sein. Verbrieft ist die Geschichte, wie er in der Geschäftsstelle mit den Beschäftigten Rock’n’Roll durchs ganze Haus tanzte.

Helmut Stange ist im März 2023 im Alter von 88 Jahren gestorben. Er hat mit seinem unermüdlichen Engagement, mit seiner Zuverlässigkeit und Solidarität über so viele Jahre die GEW BERLIN mit zu der gemacht, die sie heute ist. Dafür sind wir ihm sehr dankbar.

Kontakt
Markus Hanisch
Geschäftsführer und Pressesprecher