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Wenn dein starker Arm es willAuch Goethe würde schwarz tragen

Am Goethe-Institut wurde lange eine verfehlte Personalpolitik betrieben, zu Lasten der Beschäftigten. Die Mitarbeiter*innen wehrten sich und konnten mit ihrer innovativen Druckkampagne einige Erfolge erzielen.

05.04.2018 - N.N.

Im Dezember 2012 hatte die GEW den Vorstand des Goethe-Instituts erstmals zu Verhandlungen über die Beschäftigungsbedingungen der Honorarlehrkräfte aufgefordert. Doch das Goethe-Institut weigerte sich beharrlich, über diese Forderungen zu verhandeln und die Verhandlungskommission der freien Mitarbeiter*innen als Verhandlungspartner*innen anzuerkennen.

Als Reaktion auf diese Haltung des Arbeitgebers fand von Juli bis November 2013 eine erste Reihe von Aktionen an verschiedenen Standorten des Goethe-­Instituts statt. Die GEW hatte verschiedene Kam­pagnenmaterialien entwickelt, in denen die besondere Situation und die Forderungen der freien Mitarbeiter*innen vorgestellt und zugleich die anderen Beschäftigtengruppen zur solidarischen Beteiligung aufgefordert wurden. Das Motto »Wir sind Goethe! Gleiche Arbeit, gleiche Rechte für freie Mitarbeiter*innen« wurde auf Flugblättern, Postkarten und Transparenten umgesetzt.

Eine Besonderheit waren die Goethe-Masken, die bei den Aktionen zum Einsatz kamen. Sie bezogen sich einerseits auf das Motto der Kampagne und korrespondierten zugleich mit dem Slogan »Wir sind 80 Prozent«, indem auf die Occupy-Bewegung und die dort häufig verwendeten Guy-Fawkes-Masken angespielt wurde. Andererseits wurde damit ein praktisches Problem gelöst: Die Sorge vieler freier Mitarbeiter* innen, dass ihnen wegen der Teilnahme an Aktionen Nachteile bis hin zum Auftragsentzug durch das Goethe-Institut drohen könnten. Durch die Masken konnten sie unerkannt an den Aktionen teilnehmen.

Goethe-Masken als Erkennungszeichen

Die Masken wurden im Laufe der Aktionen immer mehr zu einem Erkennungszeichen. Sie funktionieren gut als Foto-Motiv und als Requisite für Straßen­theater-Elemente, die die Kolleg*innen immer wieder in ihre Aktionen einbauten. Obwohl nach den ersten Anläufen viele freie Mitarbeiter*innen keine Angst mehr hatten, unmaskiert an den Aktionen teilzunehmen, waren die Masken als Aktionsmaterial immer wieder präsent.

Aktionen an mehreren Standorten

Die Aktionen wurden jeweils von den Honorarlehrkräf­ten vor Ort geplant und durchgeführt. Dabei wurden sie von der GEW durch die Aktionsmaterialien und begleitende Pressearbeit unterstützt, wobei häufig die Kolleg*innen selbst als Ansprechpartner*innen für die Presse vor Ort zur Verfügung standen.

Nachdem die Kolleg*innen am Goethe-Institut München-Sonnenstraße während der Aktionen spontan eine Unterschriftensammlung organisiert hatten, dehnte die Verhandlungskommission die Unterschriftenaktion auf alle Standorte aus. Das war für die Aktiven vor Ort eine weitere Gelegenheit, sich zu beteiligen und mit den anderen Beschäftigten ins Gespräch zu kommen. Bis Juli 2014 konnten 460 Unterschriften gesammelt werden, die dem Vorstand anlässlich des Auftakts zu den Tarifverhandlungen für die Angestellten des Goethe-Instituts am 14. Juli übergeben wurden. In Düsseldorf hat der Sprecher*innenkreis der freien Mitarbeiter*innen ein ­eigenes Magazin (»Freiarbeit«) entwickelt, das der Information der Kolleg*innen und dem Erfahrungsaustausch gewidmet ist.

Im Rahmen der Tarifverhandlungen, die in erster Linie die im Angestelltenverhältnis Beschäftigten des Goethe-Instituts betrafen, in denen die GEW aber auch die Forderung nach einem Tarifvertrag für Honorarlehrkräfte einbrachte, waren es wieder vor allem die freien Mitarbeiter*innen, die sich an den Aktionen beteiligten.

Schwarzer Freitag

Im Herbst 2014 führten sie eine Aktionswoche durch, in der sie mit schwarzer Kleidung und Buttons in den Unterricht kamen, um ihren Status als Honorarlehrkräfte sichtbar zu machen und mit den Kursteilnehmer*innen hierzu ins Gespräch zu kommen.

Zu öffentlichen Anlässen des Goethe-Instituts, beispielsweise beim Besuch des Außenministers oder der Jahreskonferenz, führten sie in den Jahren 2014 und 2015 weitere Aktionen durch. Anlässlich einer Mit­arbeiter*innenbefragung des Goethe-Instituts, von der die freien Mitarbeiter*innen ausgeschlossen waren, führte die GEW im Mai 2015 eine alternative Befragung durch, in der die prekäre Beschäftigungssituation dieser größten Beschäftigtengruppe deutlich wurde.

Auch wenn der Vorstand des Goethe-Instituts weiterhin Verhandlungen mit der GEW über die Beschäftigungsbedingungen der freien Mitarbeiter*innen strikt ablehnt, zeigt der ständige Druck doch Wirkung. Das zeigt sich unter anderem daran, dass das Goethe-Institut die Stundensätze der Honorarlehrkräfte in den Jahren 2014 und 2015 jeweils überdurchschnittlich erhöht hat.

Auf die GEW-Aktionen reagiert der Vorstand des Goe­the-Instituts zunehmend nervös, spätestens seit das Thema prekäre Beschäftigungsverhältnisse in der Mit­gliederversammlung des Goethe-Instituts 2014 erstmals zur Sprache kam, die mit Vertreter*innen aus dem Kulturbereich und den politischen Parteien prominent besetzt ist.

Der Vorstand wurde nervös

Die weitere Auseinandersetzung nahm infolge der Überprüfung des Goethe-Instituts durch die Deutsche Rentenversicherung eine andere Wendung. Die Folge war zunächst, dass das Goethe-Institut von Februar bis April 2017 gar keine Honorarlehrkräfte mehr einsetzte und seither in weit geringerer Zahl.

Die Aktiven von damals, die Entwickler*innen von Goethes Masken und des schwarzen Freitags, haben sich überwiegend anderweitig orientiert, sind jetzt an Schulen und Hochschulen, oder haben einen befristeten Arbeitsvertrag mit dem Goethe-Institut. Kurzum: Die Kampagne (in dieser Form) ist tot. Nichtsdestotrotz zeigt diese Auseinandersetzung, wie Arbeitskämpfe mit kreativen Aktionen bereichert werden können und in der Lage sind, zumindest teilweise, den Arbeitgeber*innen Druck zu machen.     

Dieser Text ist ein Ausschnitt aus der GEW-Broschüre »Organizing Education«