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studieren in ArmutAuf fremdem Terrain

Über die besondere Situation von Studierenden aus nicht-akademischen Elternhäusern spricht die bbz mit Wolf Dermann, Geschäftsführer von ArbeiterKind.de.

06.10.2020 - Das Interview führte Joshua Schultheis

Die Zahlen der letzten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zeigen eine paradoxe Entwicklung: Während es im Jahr 2016 mit 48 Prozent anteilsmäßig noch nie so wenige Studierende ohne einen Elternteil mit Hochschulabschluss gab, sind sie in absoluten Zahlen (1,35 Millionen) heute so zahlreich wie nie zuvor. Was sagt das über die soziale Durchlässigkeit der Hochschulen aus?

Dermann: Diese Zahlen können irreführend sein. Man muss immer die Vergleichsgröße haben, wie viel Prozent der Kinder eines Jahrgangs aus einem Elternhaus kommen, in dem mindestens ein Elternteil Akademiker*in ist. Und dieser Anteil ist natürlich auch kontinuierlich gestiegen. Wenn die Leute aber lesen, das ist fast 50-50, dann klingt das für viele so, als sei das sehr ausgeglichen und gerecht. Aber das ist es natürlich nicht. Knapp weniger als ein Viertel eines Jahrgangs hat ein Elternteil, das ein Studium abgeschlossen hat. Also wachsen über drei Viertel aller Kinder ohne ein akademisch gebildetes Elternteil auf. Wenn im Studium dann jeweils zur Hälfte Akademiker*innen- und Arbeiter*innenkinder landen, dann bedeutet das, dass Kinder aus Akademiker*innen-Haushalten eine dreimal höhere Chance haben, zu studieren.

Aber noch mal nachgehakt: Es gibt mehr Arbeiter*innenkinder an der Universität als je zuvor und die Chance des einzelnen Arbeiter*innenkindes zu studieren, ist heute auch höher als vor ein paar Jahrzehnten. In Relation zu den Akademiker*innenkindern haben sich ihre Chancen aber nicht verbessert. Zeigt sich das Problem auch über diesen Vergleich hinaus?

Dermann: Wir haben natürlich eine veränderte Arbeitswelt, die viel mehr akademische Qualifikation braucht, und deshalb ist auch unter den Kindern von Nicht-Akademiker*innen die Studierendenrate gestiegen. Wir haben hier aber die Disparität, dass Arbeiter*innenkinder stärker an die Fachhochschulen gehen, die heute ein Drittel aller Studierenden umfassen. Diese Expansion ist an den Universitäten noch nicht ganz angekommen. Also gilt für viele Arbeiter*innenkinder zwar, dass ihnen ein Bildungsaufstieg gelungen ist, dass sie aber trotzdem oft nicht an die Orte gelangen, an denen sich traditionell die Akademiker*innenkinder tummeln.

Einige Bundestags-Abgeordnete – insbesondere bei CDU und AfD – und einige Intellektuelle, wie etwa der Philosoph Julian Nida-Rümelin, fordern eine geringere Abiturquote und damit weniger Studierende, da sie glauben, wir hätten es in unserer Gesellschaft mit einer »Überakademisierung« zu tun. Gleichzeitig sollen Ausbildungsberufe symbolisch aufgewertet werden. Was halten Sie von dieser Vorstellung?

Dermann: In diesem Punkt geht es um unterschiedliche Definitionen von Aufstieg und Gerechtigkeit. Aus unserer Sicht geht es um den Aufstieg bis ganz nach oben und nicht nur um die Chance für alle, irgendeinen Arbeitsplatz zu bekommen. Haben alle Kinder die gleiche Chance, Vorstandsvorsitzende*r von Daimler zu werden? Auch wenn man mit einer dualen Ausbildung viele Möglichkeiten hat, will man in den Bundestag ist ein Uniabschluss de facto obligatorisch. Da muss sich die Politik auch an die eigene Nase fassen, weil in allen Parteien die Selbstverständlichkeit herrscht, dass sich das politische Spitzenpersonal aus Akademiker*innen rekrutiert. Da ist es verlogen zu sagen, dass ein Studium nicht wichtig sei, um es weit zu bringen.

Es wird immer das Beispiel des Tischlermeisters herangezogen, der viel mehr verdiene als die Kunsthistorikerin. Aber auch das geben die Zahlen nicht her: Im Durchschnitt verdient man mit einem akademischen Grad deutlich mehr als ohne einen.

Dermann: Ja, genau. Der Stundenlohn einer Akademiker*in mit fünfjährigem Studium im Vergleich zu einer Berufsgebildeten ohne Meister ist um 78 Prozent höher und mit Meister immer noch 29 Prozent. Es ist absurd, sich einfach die am schlechtesten verdienenden Akademiker*innen herauszupicken und diese dann mit erfolgreichen Unternehmer*innen zu vergleichen. Man muss immer auf das Ganze gucken und es wäre ungerecht, wenn man Arbeiter*innenkindern vorenthielte, dass das Studium auch für sie der Bildungsweg ist, mit dem sie später einmal am meisten verdienen können.

Nun gab es ja nicht nur in den Siebzigern, sondern auch in den Zweitausender Jahren eine Bildungsexpansion. Auch das BAföG wurde abermals umgestellt auf immerhin einen Halbzuschuss zusätzlich zu dem Kredit über die restlichen 50 Prozent. Warum konnten auch dieses Mal die Arbeiter*innen- nicht mit den Akademiker*innenkindern gleichziehen?

Dermann: Eben weil BAföG zur Hälfte ein Kredit geblieben ist, und was gerade Menschen mit einem akademischen Hintergrund ganz schwer zu vermitteln ist, ist die Angst vor Verschuldung, die in sozial schwachen Familien extrem stark ausgeprägt ist. Kindern aus Arbeiter*innenhaushalten wird oft eingebläut, dass es sich nicht gehört, Schulden aufzunehmen. Im Deutschen spielt da auch die gleiche Wortherkunft von »Schuld« und »Schulden« mit hinein. Hinzu kommt, dass dieselbe Schuldenhöhe eben nicht für jeden gleich ist gemessen am Vermögen der Herkunftsfamilie und am dem zu erwartenden Erbe.

Ich nehme aber an, nicht alle Gründe, die Arbeiter*innenkinder von der Universität fernhalten, sind ökonomischer Natur…

Dermann: Immer, wenn jemand als erste Person in der Familie studiert, betritt sie fremdes Terrain. Sie geht einen Weg, den die Eltern nicht gegangen sind. Diese können ihren Kindern dann oft im Studium nicht helfen oder sie raten ihnen sogar davon ab, weil sie ein negatives Bild von Studierten haben, die sich für etwas Besseres halten. In akademischen Haushalten dagegen erzählen die Eltern von ihrem Studium. Dass die eigenen Kinder auch einmal zur Uni gehen, wird so zur Selbstverständlichkeit. In nicht-akademischen Familien gibt es solche Erzählungen nicht, dagegen ist hier die unterschwellige Erwartung eher, dass die Kinder wie ihre Eltern auch eine Ausbildung machen. Da braucht es Figuren, die einem andere Perspektiven aufzeigen können. Das können Lehrer*innen sein oder auch mal Nachbar-*innen. Da das aber eine Sache des Zufalls ist, gehen wir von Arbeiterkind.de in die Schulen und machen Infoveranstaltungen darüber, warum es sich lohnt zu studieren und wie man das finanzieren kann.

Betrachten wir einmal die ökonomische Lage von Studierenden aus Arbeiter*innenfamilien. Der Einkommens­­unterschied zwischen Studierenden mit der höchsten Bildungsherkunft und solchen mit der niedrigsten beziffert sich auf knapp 50 Euro. Das klingt erst einmal nicht viel. Haben Arbeiter*innenkinder denn ein besonderes Problem, ihr Studium zu finanzieren?

Dermann: Schaut man sich die absoluten Zahlen an, dann fällt eine Form der Ungerechtigkeit gar nicht ins Auge: Arbeiter*innenkinder aus einem finanziell schwachen Elternhaus gehen auch mehr jobben. Diese Studierenden haben dann weniger Zeit, sich auf ihr Studium zu konzentrieren und arbeiten häufig auch in fachfremden Jobs, weil sie nicht warten können, bis sich eine passende Stelle ergibt. Ihr finanzielles Niveau mag dann dem Durchschnitt entsprechen, gerecht ist das dennoch nicht.

Studierende aus nicht-akademischen Elternhäusern kriegen überdurchschnittlich oft BAföG, auch wenn die Förderrate auch hier rückläufig ist. Wie gut ist die staatliche Unterstützung für studierende Arbeiter*innenkinder?

Dermann: Beim BAföG ist eines der größten Probleme das Informationsdefizit sowie die Angst vor Bürokratie und Verschuldung. Das verhindert, dass viele Anspruchsberechtigte überhaupt BAföG beantragen. Wir setzen uns dafür ein, dass das amerikanische System übernommen wird, wo den Studierenden mit der Studienplatzzusage eine Mappe mit allen Unterlagen zur Studienfinanzierung zugesandt wird. Darüber hinaus ist der BAföG-Satz trotz der letzten Erhöhung längst nicht ausreichend. Insbesondere die Wohnpauschale ist mit Blick auf die Mietpreise in den großen Städten viel zu gering.

Während die Bedeutung von BAföG abnimmt, nimmt die der Stipendien zu.

Dermann: Stipendien gehen auch überproportional an Kinder aus akademischen Elternhäusern, auch wenn es unter den Begabtenwerken auch Ausnahmen gibt. Auch hier gibt es das Problem, dass Arbeiter*innenkinder von Stipendien meist nichts wissen, während Akademiker*innenkinder häufig schon durch ihre Eltern von dieser Möglichkeit erfahren. Da ist die soziale Schieflage natürlich vorprogrammiert. Das Wissen darum, dass man gar nicht unbedingt ein Einser-Abi braucht, um ein Stipendium zu erhalten, ist leider nicht gleichmäßig verteilt. Die meisten Abiturient*innen aus nicht-akademischen Familien schließen für sich von vorhinein aus, dass sie gut genug dafür sind.

Welche Hilfs- und Beratungsangebote gibt es für Studierende aus Arbeiter*innenfamilien?

Dermann: Der Großteil der Angebote sind solche, die eigentlich allen Studierenden offenstehen und auf die wir auch permanent weiterverweisen. Das sind die allgemeinen Studierendenberatungen, die Beratungen der Studentenwerke oder im Besonderen die Sozialberatungen der ASten, weil die besonders gute Insidertipps haben. Arbeiter*innenkinder sind in besonderem Maße auf solche unterstützende Beratung angewiesen, müssen aber häufig motiviert und angeregt werden, diese tatsächlich wahrzunehmen, weil es auch hier bestimmte Ängste gibt. Wir von Arbeiterkind.de gehen teilweise mit Studierenden zusammen zum BAföG-Amt. Auch ich habe das schon gemacht und ich erinnere mich an einen Fall, in dem die Studentin nach einem Gespräch im BAföG-Amt tatsächlich glaubte, ihre finanzielle Unterstützung sei ihr gerade entzogen worden, dabei fehlte lediglich noch ein Dokument. Zum Glück konnte ich das Missverständnis aufklären. Das hat mir sehr eindrücklich gezeigt, wie groß einerseits die Verunsicherung bei vielen Studierenden aus Arbeiter*innenfamilien ist und andererseits, wie wenig manchmal getan werden muss, um einen echten Unterschied zu machen.

Was macht ArbeiterKind.de noch, um Studierende aus Arbeiter*innenfamilien zu unterstützen?

Dermann: An erster Stelle steht bei uns das Motivieren zum Studium. Der Kern unserer Arbeit ist es, in Schulen zu gehen und dort über die eigenen Erfahrungen als Erstakademiker*in zu erzählen sowie über die Möglichkeiten der Studienfinanzierung zu informieren. Zusätzlich bieten unsere Ehrenamtlichen individuelle Unterstützung für Jugendliche an, die bei einer unserer Veranstaltungen waren oder unser Infotelefon anrufen. Die kriegen dann vor und während des Studiums jemanden vermittelt, mit dem sie sich treffen können und der bei Problemen ansprechbar ist. Für die Zeit nach dem Studium haben wir schließlich ein Berufseinstiegsprogramm. Vom Übergang ins Studium bis in den ersten Job können wir so Arbeiter*innenkinder unterstützen. Darüber hinaus sind wir auch eine Community. Das heißt, diejenigen, die sich bei uns engagieren, sind teilweise selbst noch im Studium und unterstützen sich gegenseitig. Wir haben 80 lokale Gruppen in Deutschland, deren jeweilige Mitglieder sich mindestens einmal im Monat treffen, um sich auszutauschen und zu bestärken.