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GlosseAuf Mission

Ein Glosse über pädagogische Missionsgelüste

13.01.2021 - von Gabriele Frydrych

Früher hätte ein kurzer Blick gereicht. Jetzt starre ich die Frau am Postschalter schon seit sieben Minuten an, aber sie malmt ungerührt auf ihrem Kaugummi herum, während sie meinen Großbrief abwiegt und diverse Postwertzeichen raussucht. Ja, ich schreibe vereinzelt noch altmodische Briefe – an Halsstarrige, die sich dem Fortschritt verweigern. »11,40 Euro«, schmatzt die Postfrau freundlich. Und ich rufe mir ins Gedächtnis, dass ich erzieherisch für sie nicht zuständig bin. Auch nicht dafür, ob sie den ausgekauten Gummi auf die Zalando-Rücksendungen klebt.

»Komm, du bist nicht mehr im Schuldienst!« Mein Mann zerrt mich von dem Auto weg, das auf dem Radweg steht, seit zehn Minuten den Motor und laute Musik laufen lässt. Dabei gibt es täglich so viel zu erziehen. Die Leute, die ihre Riesenhunde ausführen, aber die Riesenhaufen nicht entsorgen. Die Leute, die am Flaschencontainer alles lagern, was sich im Haushalt anfindet: Gartenabfälle, alte Matratzen, Fernseher, Kühlschränke. Die Leute, die im Supermarkt Pfirsiche und Avocados in die Hand nehmen und so lange drücken, bis sie geeignete Beute gefunden haben. Die erschöpften Jugendlichen, die nach dem harten Schultag ihre Beine samt dreckigen Schuhen auf dem U-Bahn-Sitz gegenüber lagern müssen. Die Jungmachos, die in der U-Bahn ihre Maske unter dem Kinn oder auf der Stirn tragen. Die Autofahrer, die einem am liebsten hinten reinfahren würden, weil man bei Rot an der Ampel hält.

Ich darf leider nicht eingreifen, wenn das Nachbargör im Garten mit seinem Kindermädchen umspringt wie ein kleiner unverschämter Prinz. Am liebsten würde ich rüberrennen und gezielt schwarze Pädagogik zum Einsatz bringen. Dergleichen Gelüste bis hin zu Mordplänen entwickle ich auch, wenn der Kindsvater im Garten aktiv wird. Alles, was er tut, ist mit einem gewaltigen Lärm verbunden, egal, ob es sich dabei um Kindererziehung, Laubbeseitigung, Freizeitgestaltung oder Telefongespräche handelt. Da er meine Erziehungsversuche lautstark als Freiheitsbeschränkung deklariert hat, habe ich mir für den Aufenthalt im Freien Lärmschutz-Kopfhörer zugelegt.

Als ehemalige Deutschlehrerin tut es mir unendlich weh, wenn Menschen in meiner Gegenwart falsch sprechen. Mein Mann zwickt mich, damit ich still bin, wenn schon wieder jemand aus dem Bekanntenkreis, gar aus der Familie, etwas »aufgehangen« oder »eingeschalten« hat, obwohl es »aufgehängt« und »eingeschaltet« heißt. Aber mein Mann (ebenfalls ehemaliger Deutschlehrer) kann sich auch nicht beherrschen, zum Beispiel wenn er Graffiti auf frisch getünchten Wänden oder dem Deppen-Apostroph begegnet. Ich habe ihn auch schon aus Geschäften gezogen, wenn er den Besitzern erklären wollte, dass sie sich mit Aufschriften wie »Rudi’s Allzweckhandel. Handy’s und Kamera’s« lächerlich machen. Mein Mann sammelt genüsslich solche Beispiele und trägt sie in eins seiner vielen Moleskins ein: Kek’s, Aufstellung des Maibaum’s, Anana’s, aktuelle Info’s.

Auch seine historischen und politischen Exkurse finde ich bisweilen peinlich. Ich starre im Frühstücksraum des Hotels angestrengt auf meinen Teller und tue so, als hätte ich mit dem Mann außer einem gemeinsamen Tisch nichts zu schaffen. »Sind Sie Lehrer?«, fragen manchmal andere Gäste und der Gatte bejaht begeistert. Schon zu seinen Berufszeiten beschwerte sich eine Oberstufenschülerin über ihn: »Der weiß ja immer alles besser!« »Stimmt«, befand mein Mann ungerührt – wie ich das älteste Kind einer großen Geschwisterschar. Angeblich prädestiniert einen diese Rangstellung in der Familie für den Lehrerberuf. Mein Vater versuchte, mich als Älteste in die Pflicht zu nehmen, wenn meine jüngeren Geschwister unbedingt mein Spielzeug haben wollten, um es zu ramponieren. »Der Klügere gibt nach!«, war sein Leitspruch. Erst Jahre später lernte ich den Zusatz zu diesem Spruch kennen: »Das könnte den Dümmeren so passen!«

In langen Gesprächen mit unseren jeweiligen Therapeuten haben mein Mann und ich nach und nach unsere pädagogischen Missionsgelüste abgelegt. Stattdessen kultivieren wir jetzt die Brache rings um unser Haus und machen Erziehungsschnitte an Apfelbäumen. Ja, das heißt wirklich so! Im Winter arbeitet mein Mann an einer Erfindung, auf die die Nation schon lange wartet: die Arschtrittmaschine. Die wird überall dort aufgestellt, wo Menschen ihren Müll verteilen und Infotafeln zuschmieren.

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