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bbz 04-05 / 2016BerlinerInnen mit ohne Hintergrund

Sie fühlen sich als BerlinerInnen und betrachten Deutschland als ihre Heimat. Aber Etikettierungen wie »mit Migrationshintergrund« schicken sie verbal wieder an ihren Geburtsort, den ihrer Eltern oder gar ihrer Großeltern zurück. Ein Plädoyer gegen den Hintergrund im Vordergrund und für die Betonung von Gemeinsamkeiten.

01.04.2016 - Cem Erkisi, Erzieher in der Kita Emser Straße

Wer kennt solche Gespräche nicht: »Meine Kita ist multikulti!« – »Ach so? Wie viele der Kinder sind denn NICHT in Berlin geboren?« – »Naja, eigentlich keins. Aber sie sind doch aus Polen, der Türkei …« Natürlich ist diese Darstellung übertrieben. Es ist durchaus möglich, dass Kinder und Jugendliche in Berliner Kitas und Schulen nicht in Berlin geboren sind. Es soll aber auch vorkommen, dass selbst diese Kinder und Jugendliche sich in Berlin heimisch fühlen. Dennoch wird ihnen ihre Heimat abgesprochen und sie werden verbal zu ihrem Geburtsort zurückgeschickt.

Mindestens genauso tragisch ist der sehr weit verbreitete Umstand, dass gebürtige BerlinerInnen, deren Eltern oder Großeltern nicht schon in Deutschland geboren sind, immer noch für »aus-dem-Geburtsland-ihrer-Eltern-oder-Großeltern-stammend« gehalten werden. So kompliziert muss es ausgedrückt werden, um die Situation zu verdeutlichen. Rechtlich fallen sie in die Kategorie »Menschen mit Migrationshintergrund«. Gesellschaftlich versteht man sie als Nicht-Deutsche, als AusländerInnen. Mittlerweile gibt es 16 Millionen BürgerInnen Deutschlands, die in die Kategorie »mit Migrationshintergrund« fallen. Und Kitas oder Schulen brüsten sich damit, multi-kulti zu sein. »Nee, seid a nich, ihr seid Berlin!« ist man geneigt, ihnen zuzurufen.

Von Gemeinsamkeiten sprechen

Multikulti wird positiv besetzt. Es mag Zeiten in diesem Land gegeben haben, in de-nen das dringend notwendig war. Oder zumindest notwendig erschien, um die Gesellschaft zur verfassungsrechtlich allgemeinen Gleichheit von Menschen hinzuführen. Aber heute, bei 16 Millionen Men-schen mit dem berühmten Hintergrund, kann man selbstbewusst die Gemeinsamkeiten betonen. Es geht hierbei keineswegs darum, Unterschiede wegzuwischen oder gar zu leugnen. Die Muttersprachen der Kinder und die immer weiter verbreitete Vielsprachigkeit werden mittlerweile zum Glück als Kompetenzen verstanden.

Aber wenn wir schon bei Unterschieden sind, kann ich nur bestätigen, wie unterschiedlich Kinder sein können, und das, obwohl sie die gleiche Muttersprache sprechen oder ganz schroff einer Ethnie oder Kultur zugeordnet werden. Wenn die Unterschiede betont werden sollen, dann bitte so konsequent, dass die kindliche Individualität dabei zum Ausdruck kommt und nicht bei politisch erwünschten Unterordnungen untergeht.
Die Gemeinsamkeiten, für die ich argumentiere, möchte ich benennen. Es ist die gleiche Sprache Deutsch als fundamental wichtiges allgemeines Umgangsmittel, die gleiche Stadt Berlin als gemeinsamer Wohn-ort und Identifikationspunkt, das gleiche Land als gemeinsame Heimat. In unserer heutigen Zeit kann man mehrere Heimatorte oder Heimatsländer haben. Kein Pro-blem, Hauptsache ist, dass Deutsch-land in dieser Liste dabei ist, wenn man sich denn in Deutschland heimisch fühlt. Kinder im Elementarbereich dürften sich allerdings flächendeckend in Deutschland heimisch fühlen. Denn andere Länder kennen unsere Kinder nur als Urlaubsziel.

Wir sollten aufhören, unseren Kindern zu erzählen, sie seien in Deutschland nicht zu Hause. Auch wenn der Eine oder die Andere sich in Deutschland nicht heimisch fühlen mag. Es ist keine Indoktrination von außen, wenn man Kindern erzählt, sie dürfen das Land, in welchem sie leben, als Heimat ansehen. Vielmehr sehe ich es als Indoktrination an, Kindern zu erzählen, sie dürften nicht die alte Heimat ihrer Eltern oder Großeltern vergessen. Diese Art Gruppenzwang im familiären Umfeld eines jeden Kindes mag aus Angst vor Assimilation erfolgen. Aber so wird einer weiteren Generation verunmöglicht, sich mit dem eigenen Geburtsland zu identifizieren.

Es geht nicht um Verdrängung der eigenen Biographie, in welche die Familienbiographie immer mit einwirkt. Es geht vielmehr um die Selbstgewissheit über die eigene Biographie, die für sich zu betrachten ist.