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Berufliche BildungChancen eröffnen – Chancen nutzen

Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung über »Bildungsverläufe an Abendgymnasien und an Kollegs« benennt neue Herausforderungen an den Erwachsenenschulen und zeigt, dass sich der zweite Bildungsweg gewandelt hat.

 

16.03.2020 - von Klaus Petri

Die meisten Schulen für Erwachsenenbildung (SfE) entstanden in den frühen 60er Jahren unter den Vorzeichen von Hochkonjunktur und Bildungsexpansion, um »Bildungsreserven zu erschließen« und für »bildungsferne Schichten« wohnortnahe Angebote zu erstellen. Heute gibt es bundesweit fast 30.000 Schüler-*innen an über hundert Abendgymnasien und fast 70 Kollegs. Das sind knapp 3 Prozent der Gesamtschüler*innenzahl im Bereich der Sekundarstufe II. Die Abendgymnasien und Kollegs stellen 1,6 Prozent aller Abiturzeugnisse aus.

Über Jahrzehnte hinweg waren eigene Lehrpläne und ein eigenes Landesabitur der Schulen für Erwachsene der Regelfall. Für den Blick auf die gymnasiale Oberstufe galt: »Vergleichbarkeit ja, aber keine Gleichheit.« Das eigenständige Profil der Schulen des Zweiten Bildungswegs (ZBW) und ihr abweichender Fächerkanon sind seit etwa zehn Jahren Vergangenheit. Die Schulen für Erwachsene bemühen sich, die damit verbundenen Anpassungsprozesse »sozialverträglich« zu gestalten.

Ein Korrektiv zur sozialen Selektivität

Die Bildungsangebote des ZBW sollen individuelle Bildungschancen auf das gesamte Erwachsenenalter ausdehnen und ein Korrektiv zur sozialen Selektivität des Ersten Bildungsweges bilden. Im Gegensatz zu früher, als die Bildungsgänge des ZBW eng mit einer vorausgehenden Berufstätigkeit gekoppelt waren, verfügen heute nur noch knapp über die Hälfte der in der Studie Befragten über eine abgeschlossene betriebliche oder schulische Berufsausbildung. Das Abendgymnasium wandte sich klassisch an Personen, die einer Vollzeittätigkeit nachgehen, wochentags und bis 17 Uhr. Bei mehr als einem Viertel ist das inzwischen nicht der Fall. Beim dreijährigen Kollegbesuch ist eine berufliche Tätigkeit nicht mehr möglich, denn das schulische Angebot findet tagsüber statt.

Gleichwohl gibt mehr als ein Drittel der Studierenden an, berufstätig zu sein. Studierende, in deren Lebenswelt die deutsche Sprache nicht oder nicht allein die Verkehrssprache darstellt, sind mit fast einem Drittel an den SfE gegenüber den Studierenden an den »normalen« Oberstufen mit 11,6 Prozent deutlich überrepräsentiert. Die jungen Männer sind mit 24,1 Jahren etwas jünger als ihre Kommilitoninnen mit 24,7 Jahren.

Mehr sein als nur Lernfabrik

Die befragten Lehrkräfte bewerten ihre Arbeitssituation am ZBW sowie das Schul- und Unterrichtsklima überwiegend sehr positiv. An der erwachsenen Klientel schätzen sie interessante Lehr-Lern-Situationen und Gespräche auf Augenhöhe. Zudem wird der Wegfall der Elternarbeit als positiv erachtet. Die Absicht, benachteiligten erwachsenen Lernenden eine zweite Chance zu ermöglichen, ist für viele der befragten Lehrkräfte ein zentrales Motiv für ihre pädagogische Arbeit. Um eine persönliche Lernstandserhebung und gezielte Fördermaßnahmen zu ermöglichen, bieten die Schulen spezifische Vorkurse zur Auffrischung des Stoffs der Mittelstufe in den Kernfächern und zur Erweiterung der Methodenkompetenz sowie ein breit gefächertes Beratungsangebot an. Schriftliche Einstufungstests in Deutsch, Mathematik und Englisch sind die Regel. Neben »klassischen« schulischen Beratungen zu Fehlzeiten und Leistungsstand verfügen viele Schulen über Angebote in den Bereichen Individualberatung, Sozialberatung, Suchtprävention und Studien- beziehungsweise Berufsberatung. Die untersuchten Schulen verfügen zudem über weitverzweigte Schulpartnerschaften und internationale Austauschprogramme. Mit dieser Ausrichtung markieren sie ihre gymnasiale, oberstufenbezogene Bildungsorientierung, die über den schulisch-fachbezogenen Rahmen hinausgeht. Zur »Schulgemeinde« zählen meist auch Förderkreise, über die Ehemalige, Teile der Lehrkräfte und aktuell Studierende in einer Art »Generationenvertrag« miteinander verbunden sind. Die Studie lässt offen, ob die ausgeprägte soziale Orientierung vieler Lehrkräfte am ZBW den Lernenden den Eindruck vermittelt, ihre soziale Integration sei wichtiger als die akademische Entwicklung und Schule sei vorwiegend »Spaß«, oder ob eine ausgeprägte Subjektorientierung und ein positives Schulklima zu den Aktiv-posten der SfE-Schulen zählen, die sie von »Lernfabriken« unterscheiden, Motivation generieren und Schulabbrüchen entgegenwirken.

Einen Neuanfang wagen

Die größte Gruppe der befragten Studierenden hat im Ersten Bildungsweg erfolgreich eine Realschule besucht. Mehr als ein Viertel hat einen Hauptschulabschluss erreicht. Gymnasiale Prägungen sind die Ausnahme. Nur jeder zwölfte Befragte hat den entsprechenden Schulabschluss an einem Gymnasium gemacht. In etwa jede*r Fünfte blickt auf eine Schullaufbahn an einer Gesamtschule zurück. Als Gründe für die Beendigung der Schullaufbahn im Ersten Bildungsweg werden vorrangig genannt: »zu wenig Selbstdisziplin für die Schule«, »keine Lust mehr auf Schule« und »endlich eigenes Geld verdienen«. Jede*r fünfte Befragte befand sich vor dem Schulbesuch in einer prekären Beschäftigungssituation. 36,3 Prozent gingen einer sozialversicherungspflichtigen Voll- oder Teilzeitbeschäftigung nach. Hauptmotive für den Besuch einer SfE sind die »Verbesserung des Lebensstandards« und der Wunsch, danach an einer Uni oder Fachhochschule zu studieren. Für einen Teil der Studierenden geht es auch um die Bewältigung der gestiegenen Anforderungen und um Aufstiegsmöglichkeiten im ausgeübten Beruf oder um einen Wechsel des Berufs oder Berufsfelds. Jenseits der Items, die sich direkt auf die Verwertbarkeit des höheren Schulabschlusses für Beruf und Studium beziehen, ist das Motiv angesiedelt, »sich oder anderen etwas zu beweisen«. Empfehlungen der Arbeitsagentur oder des Jobcenters spielen keine nennenswerte Rolle. Teilweise verknüpft sich der erneute Schulbesuch auch mit der Erwartung an eine positive Persönlichkeitsentwicklung und in geringerem Maße auch mit dem Wunsch nach einer Zäsur in der bisherigen Lebensführung.

Am Ende der ersten vier Schulhalbjahre wurden mehr als die Hälfte der Befragten regelversetzt, knapp zwölf Prozent beendeten nach dem 2. Semester der Qualifikationsphase die Schule mit der Fachhochschulreife. Jede*r Vierte verlängerte die eigene Schullaufbahn durch Wiederholung von wenigstens einem Schulhalbjahr. Ein weiteres Viertel beendete die Schule vorzeitig ohne Abschluss. Als Hemmnisse für einen regelmäßigen und engagierten Schulbesuch werden die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, geringer Antrieb, soziale Situation, Krankheit, psychische Probleme sowie die häusliche Situation, inklusive Kinder-Fürsorge genannt.

Die bunte Klientel verändert sich

In Interviews mit den Lehrkräften wird die Klientel als »sehr, sehr bunt gemischt« beschrieben. Die Heterogenität bezieht sich insbesondere auf das vorhandene Vorwissen und auf das Leistungsniveau der Studierenden, aber auch auf Lebensalter, Migration, sozioökonomischen Status oder Familiensituation. Durchgehend ist die Beobachtung, dass sich die Klientel am ZBW im Zeitverlauf deutlich verändert hat. Waren es vormals insbesondere arrivierte und im Berufsleben stehende Personen, die sehr bewusst eine Weiterqualifikation über den Besuch einer Erwachsenenschule anstrebten, sind es nun vermehrt jüngere Schüler*innen, die sich durch den Besuch einer SfE Anregungen und Optionen für ihre persönliche und berufliche Perspektive erhoffen. Nach dem Eindruck der befragten Lehrkräfte suchen viele »erst noch eine berufliche Perspektive«, wobei »die Ziele optional häufig wechseln«, denn »heute ist es ganz häufig ein Parkplatz für arbeitslose und perspektivlose junge Erwachsene, die halt, ja, hoffen, hier neue Ideen, Impulse zu bekommen. Aber auch zum Teil völlig orientierungslos hier stranden, will ich mal sagen. Aber es ist unsere Klientel, mit der wir uns befassen müssen.«

Einige Bewerber*innen treten den Schul-besuch trotz erfolgreicher Zulassung gar nicht erst an. Diese Variante des Schulabbruchs zeigt Parallelen zum Studienabbruch im Bereich der Hochschule oder zum Dropout im Bereich der beruflichen und allgemeinen Weiterbildung. Anders als auf dem Ersten Bildungsweg werden Schulabbrüche und Schulversagen von den Betroffenen nicht den Lehrkräften und ihren als unzureichend erachteten pädagogischen Qualifikationen angelastet. Sie suchen und finden die Ursachen bei sich selbst. Über Leistungsprobleme hinaus sind es aktuell veränderte Lebenssituationen, wie zum Beispiel Krankheiten von Partner*innen, Eltern oder Kindern oder auch die Zusage eines präferierten Arbeitsplatzes, die einen Schulabbruch veranlassen.

Die Wetzlarer Kollegleiterin Verena Hohoff war viele Jahre Sprecherin des Landes-rings der Kollegs. Sie bedauert die rückläufige Zahl der Anmeldungen am ZBW, ist aber von dessen fortdauernder Existenzberechtigung überzeugt: »Es muss eine ›second chance‹ für all die jungen Leute erhalten bleiben, die so ihrem Leben eine neue Richtung geben wollen.«

Der Artikel ist in etwas anderer Form zuerst in der Zeitschrift der GEW Hessen, hlz Nr. 12/2019 erschienen.