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Exzellent und PerspektivlosDas privilegierte Prekariat

Zwei befristet angestellte Kolleg*innen geben im Interview Auskunft zu ihren Arbeitsverhältnissen.

05.10.2017 - Das Interview führte Folker Schmidt

Was für ein Vertragsverhältnis habt ihr? Ihr seid beide an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU)?

Laura Hahn: Ja genau, wir haben beide dasselbe Vertragsverhältnis, beide für drei Jahre angestellt im Drittmittelprojekt, beide einen Stellenumfang von 100 Prozent, wobei ich das erste halbe Jahr 65 Prozent beschäftigt war, inzwischen bin ich aber auch auf 100 Prozent.

Toni Simon: Wir sind jetzt beide ein bisschen über ein Jahr auf der Stelle, knappe zwei Jahre bleiben noch.

Es ist ein Projekt an der HU. Sind die Stellen an der HU projektfinanziert oder von der HU selbst finanziert?

Simon: Nein, das Projekt ist aus Drittmitteln finanziert. Es ist ein Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF).

Habt ihr genügend Zeit für eure eigene wissenschaftliche Qualifikation oder ist das gar nicht vorgesehen?

Hahn: Es sind beides Qualifikationsstellen. Natürlich ist es im Projektalltag so, dass dazwischen auch stressige Phasen sind, in denen man weniger dazu kommt. Bei 65 Prozent ist es mir recht schwergefallen, mir die Zeit zu schaffen. Bei 100 Prozent geht es eigentlich gut.

Simon: Im Drittmittelprojekt sind wir relativ kontinuierlich unter Stress und kontinuierlich dabei, Dinge zu produzieren. Daher ist es für mich, auch wenn es jetzt im Projekt nicht so großen Druck gibt, eine große Kunst, selber darauf zu achten, an die eigene Qualifikation zu denken. Es gibt Phasen, da konnte ich mehrere Wochen nichts für meine Dissertation machen. Ich weiß, es wird auch wieder Phasen geben, da kann ich intensiver daran arbeiten, aber gerade das kontinuierliche Arbeiten fällt schwer.

Wohnt ihr in Berlin?

Hahn: Ja ich wohne in Berlin.

Simon: Ich komme mit dem Zug, ich wohne 170 Kilometer weit weg.

170 Kilometer, habe ich das richtig verstanden?

Simon: Ja, das hast du richtig verstanden. Ich gehöre zu der steigenden Zahl der Berufspendler*innen. Vorher bin ich ein bisschen über 300 Kilometer gependelt, bevor ich nach Berlin gekommen bin. Auch da habe ich also nicht an dem Ort gearbeitet, wo ich mit meiner Familie wohne.

Fährst du jeden Tag?

Simon: Nein, ich fahre in der Regel Montag, Dienstag und Mittwoch.

Hast du in Berlin ein Zimmer?

Simon: Nein, ich komme morgens und fahre nachmittags zurück. Aufgrund der ICE-Verbindung geht das. Wenn es die ICE-Verbindung nicht geben würde, dann wäre es mehr als kritisch.

Du hast Familie?

Simon: Ja

Zu Deiner Familie gehört eine Frau/ein Mann?

Simon: Bei mir ist es eine Frau.

Hahn: Keine Kinder, aber einen Partner, ja.

(an Simon) Du hast Kinder?

Simon: Ja, drei Kinder – zwei Mädchen und einen Jungen. Der Große kommt bald in die Schule. Er ist jetzt sechs Jahre alt. Die ganz Kleine ist sieben Monate und die Mittlere ist drei Jahre alt.

Da kann ich ja fast noch herzlichen Glückwunsch sagen. Arbeitet deine Frau?

Simon: Ja, sie ist auch an der Hochschule, jetzt aktuell aber in Elternzeit. Was auch ein Punkt ist: Ich wäre auch sehr gerne in Elternzeit gegangen und wir mussten uns sehr früh entscheiden, wer in Elternzeit geht, weil die Hochschulen die Vertretungsstellen entsprechend wieder ausschreiben müssen. Ich habe jetzt bei unserem dritten Kind keine Elternzeit genommen, obwohl ich es schon gern gemacht hätte.

Also Familie ist ein Problem, aber es lässt sich bewerkstelligen oder nicht?

Simon: Die Familie ist nicht das Problem. Ja, es lässt sich bewerkstelligen, auf jeden Fall besser als in anderen Anstellungsverhältnissen. Wir merken schon als Familie, dass die Hochschule an sich eine sehr gute Arbeitgeberin ist, weil wir mehr Flexibilität haben als andere, die zum Beispiel im Werk arbeiten und nichts flexibel regulieren können. Es erfordert natürlich viele Absprachen und ist nicht ganz so einfach. Auch wenn es sehr flexibel ist, gerade jetzt auch hier an der HU, man ist immer im Spagat zwischen Familie und Beruf. Irgendwo macht man immer einen Abstrich, mal da mehr, mal dort mehr und das ist auf Dauer auch eine Belastung.

Was denkt ihr denn, was passiert, wenn die drei Jahre um sind? Wie seht ihr eure Zukunft?

Hahn: Ja, das ist natürlich immer die Frage. Ich würde mir wünschen, natürlich nicht mehr dauerhaft in Befristungsverhältnissen zu sein. Ich wünsche mir natürlich eine unbefristete Stelle.

Als Professorin?

Hahn: Naja, ich bin ja erstmal noch in der Doktorarbeit, das heißt, wenn ich die mal fertig habe …

Ich frage anders. Müsste es eine Professur sein? Oder würdest du auch als Mittelbaubeschäftigte angestellt sein wollen?

Hahn: Im Moment kann ich mir beides vorstellen. Wahrscheinlicher ist es, eine Mittelbaustelle zu bekommen.

Simon: Bei mir war es lange Zeit so, dass ich gesagt habe: »Mein Wunsch wäre tatsächlich eine Mittelbaustelle«, weil ich zumindest bei den Kolleg*innen, die ich bisher kenne, gesehen habe, wieviel Belastung eine Professur mit sich bringt. Und dann ist da die Frage der Vereinbarkeit mit der Familie. Zumindest in Sachsen-Anhalt, wo ich wohne, sind Mittelbaustellen, die unbefristet sind, jedoch mehr als rar, sodass die Perspektive automatisch sein muss auch nach einer Professur zu streben. Der Wunsch ist derselbe, dass man unbefristet angestellt wird.

Hahn: Es ist unheimlich wichtig, dass es noch mehr unbefristete Mittelbaustellen gibt. Es ist eigentlich eine schöne Arbeit. Ich denke, ich kann auch für uns beide sprechen: Wir machen gerne, was wir machen. Aber natürlich ist die prekäre Situation schwierig, auch wegen des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes. Es muss auf jeden Fall ein Ende haben. Die nächste Stelle sollte möglichst eine unbefristete Stelle sein.

Simon: Die Suchbewegung setzt ja nicht erst nach drei Jahren ein, sondern man muss natürlich vorher schon gucken. Das schafft eine hohe Fluktuation an den Hochschulen, weil die Leute immer gucken, was die bessere Option ist. Ganz unabhängig davon, ob ich jetzt glücklich bin mit dem Anstellungsverhältnis, muss ich diesen Blick haben. Ich muss immer schauen, was besser sein könnte oder mir langfristig wieder den Arbeitsplatz sichert. Und diese Fluktuation kann weder der Forschung noch der Lehre gut tun und das, denke ich, wird zukünftig, wenn das weiter so zunimmt, ein großes Problem an den Hochschulen werden.

Ich sage jetzt mal ganz frech, in jedem anderen Job ist eine Festanstellung eine lebenslängliche Festanstellung. Man kann natürlich gekündigt werden, wenn man silberne Löffel klaut, aber das ist bekanntlich nicht der Normalfall. In der Wissenschaft ist der Normalfall, dass man schon von vornherein gekündigt ist. Nur die Professor*innen haben eine privilegierte Position, nämlich eine lebenslängliche.

Hahn: Ja, die Professor*innen, die ich kenne, sehen das auch so und die kritisieren das auch. Sie sind ja davon auch betroffen, wenn sie hohe Fluktuation bei ihren Mitarbeiter*innen haben.

Ich bin jetzt seit einem Jahr in einem Anstellungsverhältnis. Ich war vorher Stipendiatin in einem Forschungskolleg, das zur Hälfte aus Stipendiat*innen bestanden hat und das gibt es jetzt auch immer mehr. Es gibt auch Doktorand*innen, die kein Anstellungsverhältnis haben, die trotzdem eingebunden sind in den Betriebsalltag. Von daher ist meine jetzige Situation eigentlich schon die bessere – insofern, dass ich mehr Absicherung habe, dass ich Rentenansprüche habe und dass ich sozialversichert bin.

Fällt euch sonst noch etwas ein, was ihr mir mitteilen wollt? Was mit euren Vertragsverhältnis zu tun hat?

Hahn: Ja, ich spreche auch noch mal für uns beide. Wir haben beide auf Lehramt studiert und sind jetzt aber in einer Situation, in der wir eben befristet sind, in einer prekären Situation und weniger verdienen als Grundschullehrkräfte. Ich habe Grundschullehramt studiert und wie gesagt, ich mache gerne das, was ich mache. Aber natürlich ist es so – das wäre jetzt auch ein Wunsch an die GEW – dass wir uns wünschen, dass der richtige und wichtige Einsatz für die bessere Vergütung von Lehrkräften auch für Wissenschaftliche Mitarbeiter*innen gelten sollte.

Ich bedanke mich für das Gespräch.

Drittmittel: Gelder, die neben den öffentlichen Haushaltsmitteln (Grundausstattung) von dritter Seite aus anderen staatlichen Quellen, der Wirtschaft oder von Stiftungen zufließen

Drittmittelbefristung: Auch über zwölf Jahre hinaus (siehe Wissenschaftszeitvertragsgesetz) sind weitere Befristungen möglich, wenn die Beschäftigung überwiegend aus Drittmitteln finanziert wird und die Finanzierung für eine bestimmte Aufgabe und Zeitdauer bewilligt ist