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bbz 03 / 2016Die inklusive Schule braucht SonderpädagogInnen

Inklusion ist ein zentrales Anliegen der Bildungspolitik. Dennoch sind die Entwicklungen ernüchternd. Für ein Gelingen bedarf es dringend mehr Fachkräfte mit klaren Aufgabengebieten.

01.03.2016 - Ulrike Becker

Ein Blick auf die Geschichte des gemeinsamen Unterrichts und auf die Entwicklung bekannter Integrationsschulen zeigt, dass immer auch SonderpädagogInnen an diesen Schulen langfristig tätig waren. Sie haben unterrichtet, beraten und Unterstützung geleistet. Vor allem haben sie sonderpädagogische Fachkompetenz an ihre KollegInnen weitergegeben. Aufgrund dieses hohen Wissenstransfers sind heute an einigen Schulen die Unterschiede zwischen SonderpädagogInnen und Grundschullehrkräften kaum noch zu erkennen.

SonderpädagogInnen haben in der inklusiven Schule die Aufgabe, SchülerInnen mit und ohne besonderen Förderbedarf zu fördern, Diagnostikverfahren durchzuführen und die KollegInnen zu beraten und zu unterstützen. Viele Lehrkräfte fühlen sich mit der Herausforderung der inklusiven Bildung überfordert. Sie argumentieren, sie seien dafür nicht ausgebildet und daher nicht kompetent. Das erzeugt Unsicherheit im pädagogischen Handeln, bei der Lernstandsdiagnostik sowie der Förderplanung. Die langjährige Erfahrung von SonderpädagogInnen im gemeinsamen Unterricht zeigt, dass die Beratung von Lehrkräften kontinuierlich geleistet werden muss und es nicht ausreicht, einmalig Fortbildungen anzubieten. Die Frage »Wie kann der Unterricht der allgemeinen Schule so gestaltet werden, dass alle SchülerInnen teilhaben können?« muss täglich neu beantwortet werden. Für das Gelingen inklusiver Bildung müssen multiprofessionelle Teams die Lehrkräfte unterstützen. Dazu braucht es IntegrationsfacherzieherInnen, Sozial- und SonderpädagogInnen sowie SchulpsychologInnen.

Besondere Förderung braucht besondere Fachkräfte

Neben dem Recht auf Zugang zur allgemeinbildenden Schule haben Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen oder besonderen Begabungen ein Recht auf Förderung. Voraussetzung ist eine Förderdiagnostik, die in der inklusiven Schule bei den Förderschwerpunkten Lernen, emotionale und soziale Entwicklung sowie Sprache künftig die Statusdiagnostik ersetzen soll. Der Weg führt somit weg von dem bloßen Erfassen des aktuellen Entwicklungsstandes. Die Förderdiagnostik sucht nach dem potenziellen Entwicklungsstand und macht somit den Lernprozess sichtbar.

Die Anzahl der ausgebildeten SonderpädagogInnen reicht jetzt schon nicht aus, um den Bedarf der Schulen zu decken. Dabei bleibt unberücksichtigt, dass die avisierte Förderdiagnostik bisher sehr viel zeitaufwendiger ist als die Statusdiagnostik. Das ist auch der Grund dafür, dass sich die Förderdiagnostik trotz fachlicher Anerkennung noch nicht flächendeckend durchgesetzt hat. Die Förderung und Lernstandsdiagnostik ist nach dem Schulgesetz Aufgabe aller Lehrkräfte. SonderpädagogInnen können aber dazu beitragen, einfache Verfahren zur Lern-standanalyse für Lehrkräfte auszuwählen und nutzbar zu machen. Die Auswertung dient der Förderplanung im multiprofessionellen Team.

Aufgaben müssen abgegrenzt werden

Aus meiner Sicht ist es wichtig, Aufgabenbeschreibungen von SonderpädagogInnen an Berliner Schulen zu erarbeiten. Mit einem Rundschreiben zu sonderpädagogischen Aufgaben in der Schulanfangsphase hat die Senatsverwaltung bereits vor zehn Jahren einen Grundstein für eine Arbeitsplatzbeschreibung für SonderpädagogInnen in der inklusiven Schule gelegt. Dort werden ihre Aufgaben im gemeinsamen Unterricht der Schulanfangsphase dargestellt.

Der Verband Sonderpädagogik hat in einem Positionspapier Gedanken zu den Aufgabenbereichen von SonderpädagogInnen als UnterstützerInnen inklusiver Schulentwicklung verschriftlicht. Dieses Positionspapier bietet eine gute Grundlage für die Weiterentwicklung der Arbeitsplatzbeschreibung von SonderpädagogInnen in der inklusiven Schule. Dies ist nötig, nicht nur um der Fachöffentlichkeit die Bedeutung der Sonderpädagogik vor Augen zu führen. Eine Arbeitsplatzbeschreibung könnte auch den SonderpädagogInnen helfen, ihre vielfältigen Aufgabengebiete besser abzugrenzen und sich vor Überlastungen zu schützen.