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30 Jahre Kita-StreikEin Fulltime-Job

Niemand hätte 1989 geglaubt, dass Erzieher*innen zu so einem Streik fähig sind. Trotz erfolgloser Verhandlungen konnten sie viel erreichen.

 

06.04.2020 - von Bärbel Jung

Der Berliner Kita-Streik im Winter 1989/90 war und ist in verschiedener Hinsicht von besonderer Bedeutung: Er war der längste Streik im öffentlichen Dienst der Bundesrepublik Deutschland, und er war ein Streik, der im Wesentlichen von Frauen getragen wurde. Mit dem Tarifziel, der Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Erzieher*innen und Leiter*innen der öffentlichen Kitas in Berlin, wurde Neuland betreten. Es ging nicht um die »traditionellen« gewerkschaftlichen Forderungen wie mehr Geld oder kürzere Arbeitszeiten, sondern um Personalschlüssel, die Gruppengröße, Vor- und Nachbereitungszeiten, sowie Fort- und Weiterbildung, die in einem Tarifvertrag festgeschrieben werden sollten. Das gab es bisher nicht, und der Senat wurde auch nicht müde, wieder und wieder zu betonen, dass diese Forderungen nicht tarifierbar seien.

Bemerkenswert – auch im Rückblick nach drei Jahr-zehnten – ist auch, wie dieser Arbeitskampf von den Kolleg*innen getragen und durchgeführt wurde. Im Vorfeld bestanden Zweifel, ob es überhaupt gelingen würde, in den Kitas (größere) Streikmaßnahmen umzusetzen. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad war noch nicht so hoch und es gab wenig Erfahrung, wie man einen Streik in so vielen Kleinbetrieben (es gab 396 öffentliche Kitas in West-Berlin) organisieren sollte. Das war schon etwas anderes als ein Streik bei der BVG oder bei Siemens. Aber nachdem die ersten Warnstreiks Ende 1989 erfolgreich verlaufen waren, trauten wir uns dann doch, nach der Weihnachtspause alle Erzieher*innen in allen Bezirken zu ganztägigen Streiks aufzurufen, die dann ohne Unterbrechung bis Ende März dauerten.

In der GEW hatten wir bis zu diesem Zeitpunkt genauso wenig Streik-Erfahrung wie die Kita-Erzieher*innen. Streiklisten, Streikgeldauszahlung, Sozialrecht im Arbeitskampf, alles war neu für uns. Anders als heute waren damals die meisten Kita-Erzieher*innen nicht in der GEW BERLIN, sondern in der ÖTV (heute ver.di) organisiert. Das führte natürlich außerdem zu besonderen Schwierigkeiten. Beide Gewerkschaften hatten zwar eine gemeinsame Tarifkommission und führten den Arbeitskampf zusammen, aber es war ein spannungsreiches Verhältnis, das im Laufe der Auseinandersetzung immer konfliktreicher wurde. Das lag an zum Teil unterschiedlichen Positionen der Gewerkschaften, die – vor allem gegen Ende des Streiks – immer deutlicher zu Tage traten, aber auch an einer Konkurrenzsituation sowie an Machtansprüchen, die das Miteinander erschwerten.

Ein Streik der »Basis«

Der Streik wurde in ganz starkem Maße getragen von den Aktivitäten der »Basis«. Die knapp 400 Kitas mit circa 5.000 Erzieher*innen waren verteilt auf die zwölf (West-) Berliner Bezirke. In allen zwölf Bezirken gab es über die gesamte Streikdauer bezirkliche Streiklokale, die täglich geöffnet hatten. Die täglichen Streikaktivitäten begannen in aller Herrgottsfrühe: Ab 6 Uhr standen die Kolleg*innen vor jeder Kita Streikposten. Da es Winter und ziemlich kalt war, gab es nach zwei Stunden eine Ablösung. Dann ging es ins Streiklokal zum Aufwärmen, zum Eintragen in die Streiklisten, zum Informationsaustausch, zur Teilnahme an den bezirklichen Streikversammlungen. Die Betreuung der gemeinsamen Streiklokale lag bei den lokalen Streikleitungen, die aus Erzieher*innen bestanden. Jede Gewerkschaft hatte – natürlich – eigene Streikleitungen.

Die Streiklokale hatten eine sehr große Bedeutung. In ihnen wurden die politischen Entwicklungen diskutiert, besprochen, welche Aktionen stattfinden sollten und natürlich auch gestritten. Täglich wurden bezirkliche und überbezirkliche Aktivitäten durchgeführt, die in der Regel auf Vorschlagen aus den Reihen der Streikenden basierten. So war beispielsweise jeder Donnerstag der Tag der Solidarität. Vor dem Schöneberger Rathaus fand an diesem Tag immer eine Kundgebung statt, zu der auch viele andere Menschen kamen, die den Streik unterstützen wollten: Erzieher*innen, die bei freien Trägern (vor allem in Kinder- und Schülerläden) oder in Schulen arbeiteten, Eltern, manchmal (eher selten) auch Lehrer*innen, die mit ihren Schüler*innen kamen und den Sozialkundeunterricht vor das Rathaus verlegten. Viele Gelegenheiten wurden genutzt, um mit Aktionen auf unser Anliegen aufmerksam zu machen, beispielsweise anlässlich der Berlinale vor dem Zoo-Palast.

Die Aktionen – vor allem in der ersten Streikzeit – waren von Freude, guter Stimmung, Enthusiasmus und Optimismus getragen. Die Kolleg*innen waren unglaublich kreativ und phantasievoll, sangen Lieder (»keinen Kindergartentag ohne den Tarifvertrag«), dichteten (»in der Kita steppt der Bär, Tarifverträge müssen her«), organisierten Aktionen. Für viele war der Streik ein Fulltime-Job. Morgens Streikposten vor der eigenen Kita oder vor einer anderen Einrichtung, in der sich Streikbrecher*innen einfinden sollten. Erzieher*innen saßen am »Elterntelefon«, beantworteten Fragen, unterstützen die GEW-Geschäftsstelle beim Streikgeldauszahlen (das damals noch nicht überwiesen wurde, sondern wöchentlich in der Ahornstrasse abgeholt werden musste).

Die GEW BERLIN brachte zweimal wöchentlich eine Streikzeitung heraus. Sie wurde in alle Streiklokale ausgeliefert, um alle Kolleg*innen mit Infos und Neuigkeiten zu versorgen. Sie war ein wichtiges Kommunikationsmittel und wurde von den Streikenden sehr gern gelesen.

Wut und Frust

Am wichtigsten war aber die wöchentliche Streikversammlung im Audi Max der TU, jeden Freitag um 16 Uhr. Dort kamen regelmäßig 4.000 bis 5.000 Erzieher-*innen zusammen, um zu diskutieren, wie es weitergeht und welche Aktivitäten stattfinden sollten. Diese Streikversammlungen waren, insbesondere in der letzten Phase, von großer Emotionalität getragen.

Als auf der letzten Streikversammlung im März der mit der ÖTV-Mehrheit gefasste Beschluss der Tarifkommission verkündet wurde, den Streik »auszusetzen«, explodierte der Saal fast. Wut, Tränen, Fassungslosigkeit brachen bei den Streikenden aus. Die GEW BERLIN hatte sich nicht für diesen Weg ausgesprochen. Wir schlugen eine erneute Urabstimmung vor, denn auf der Grundlage einer Urabstimmung waren wir in den Arbeitskampf getreten und es erschien uns unfassbar, den Streik ohne einen solchen zu beenden. Der Streik war getragen worden von einem riesigen Engagement der Kolleg*innen, von einer unvorstellbaren Begeisterung und schließlich auch von einer großen Trauer. Sie nicht zu befragen, war aus Sicht der GEW BERLIN nicht richtig.

Mit diesen unterschiedlichen Positionen waren dann auch beide Gewerkschaften zutiefst zerstritten. Das wurde dadurch verstärkt, dass viele Erzieher*innen der ÖTV den Rücken zuwandten und in die GEW eintraten.

Enttäuscht, aber nicht entmutigt

Für die GEW BERLIN als Organisation hatte der Streik eine immense Bedeutung: Die GEW wurde zu einer streikfähigen (und auch streikfreudigen) Gewerkschaft. Die Mitgliedschaft der GEW BERLIN veränderte sich: der Anteil der Kolleg*innen aus dem sozialpädagogischen Bereich wuchs durch die hohe Anzahl der Kitaerzieher*innen, die im Zusammenhang mit dem Streik eingetreten sind – und durch neue Mitglieder aus dem Ostteil der Stadt.

Leider ist es uns in der Folgezeit aber nicht gelungen, die im Streik Aktiven auch zu einer aktiven Mitarbeit in der GEW BERLIN zu gewinnen. Natürlich hatte das auch etwas mit dem Frust nach dem verlorenen Arbeitskampf zu tun, unter anderem aber auch mit den Strukturen der GEW, die sehr auf den schulischen Bereich zugeschnitten waren (und immer noch sind).

Die Enttäuschung über die Niederlage war groß. Noch Jahre nach dem Streik wurde sie immer wieder thematisiert. Allerdings hat der Streik auch gezeigt, welch ungeheure Kraft die Erzieher*innen entfalten können!