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Der ExzellenzzirkusEin künstliches Zweiklassensystem

Wir haben mit Andreas Keller über die Mängel der bundesdeutschen Wissenschaftspolitik und die Fehler der Exzellenzstrategie gesprochen.

09.07.2020 - Das Interview führte Joshua Schultheis

Die Exzellenzinitiative, später Exzellenzstrategie, ist Anfang der 2000er Jahre angetreten, Deutschland zu einem weltweit attraktiven Wissenschaftsstandort zu machen. Klingt doch großartig! Warum war die GEW dennoch von Anfang an skeptisch gegenüber der Exzellenzinitiative?
Keller: Es ist gar nichts dagegen zu sagen, dass Bund und Länder Geld für die Förderung der Spitzenforschung bereitstellen. Die vielen Milliarden werden aber dort fehlen, wo es die Hochschulen am dringendsten brauchen: in der Grundfinanzierung von Lehre und Forschung. Die Hochschulen sind bundesweit unterfinanziert. Auf eine*n Professor*in kommen über 50 Studierende. Gute Betreuungsrelationen sehen anders aus. 

Weiter setzen Bund und Länder mit der Exzellenzstrategie eine wichtige Errungenschaft des deutschen Hochschulsystems aufs Spiel: Ob Studierende in Aachen oder Chemnitz, Konstanz oder Flensburg ihren Abschluss gemacht haben, spielte bisher kaum eine Rolle. Die Exzellenzstrategie zielt hingegen auf ein künstliches Zweiklassensystem mit Eliteunis und Massenhochschulen ab. Das brauchen wir nicht.

Und schließlich holt die Exzellenzstrategie zwar viele Forscher*innen ins Wissenschaftssystem, eine dauerhafte Perspektive eröffnet sie ihnen aber gerade nicht. Läuft die Förderung aus, werden die Beschäftigten auf die Straße gesetzt. Das ist nicht nur unfair gegenüber hoch qualifizierten Akademiker*innen, sondern unterminiert auch die Kontinuität und damit Qualität von Forschung und Lehre.

Mit der neuen Exzellenzstrategie ist zumindest eine gewisse finanzielle Sicherheit für die ausgewählten Universitäten eingekehrt. Zuvor musste jede Uni zittern, in der nächsten Runde plötzlich keine Gelder zu bekommen. Wie bewertet die GEW diesen Fortschritt?
Keller: Tatsächlich läuft die neue Exzellenzstrategie auf unbestimmte Zeit, die Förderung ist auf Dauer angelegt. Es wäre daher folgerichtig, die Fördermittel für eine nachhaltige und stabile Beschäftigung einzusetzen – Dauerstellen für Daueraufgaben! Das wäre nicht nur im Interesse der betroffenen Wissenschaftler*innen, auch die Kontinuität, Qualität und Innovationskraft der Forschung würde davon profitieren. Und die Unis hätten es leichter, ihre Stellen im Wettbewerb mit anderen Arbeitgebern mit Spitzenkräften zu besetzen. 

Tatsächlich müssen die Exzellenzprojekte aber alle sieben Jahre evaluiert werden. Wer dabei schlecht abschneidet, dem wird der Geldhahn zugedreht. Dieses Risiko geben die Arbeitgeber in der Wissenschaft eins zu eins an ihre Beschäftigten weiter: über befristete Arbeitsverträge. Tausende Wissenschaftler*innen können so auf die Straße gesetzt werden, wenn eine Uni ihren Exzellenzstatus verliert.

Die Exzellenzinitiative war auch eine Antwort auf die unterfinanzierte Hochschullandschaft. Wenn man das Geld ungleich verteilt, gibt es zumindest ein paar hervorragende Wissenschaftsstandorte in Deutschland, so das Kalkül. Was ist die Alternative dazu? 
Keller: Während viele Finanzminister*innen bei den Hochschulhaushalten den Rotstift ansetzen, geizen Bund und Länder nicht, wenn es darum geht, immer neue befristete Sonderprogramme und Wettbewerbe aus dem Boden zu stampfen. Bund und Länder müssen endlich andere Prioritäten setzen: Eine ausreichende Grundfinanzierung der Hochschulen muss Vorrang bekommen, damit diese ihre Aufgaben in Lehre und Forschung erfüllen können, ohne sich ständig den Anforderungen von Drittmittelgeber*innen unterwerfen zu müssen.

Darüber hinaus müssen Bund und Länder die Weichen für eine Entfristungsoffensive an den Hochschulen stellen. Die GEW fordert die schrittweise Überführung der Exzellenzstrategie in einen Pakt für gute Arbeit in der Wissenschaft, der qualifizierten Wissenschaftler*innen die Perspektive eines dauerhaften Verbleibs in Forschung und Lehre eröffnet.    

Andreas Keller ist stellvertretender Vorsitzender und Vorstandsmitglied für Hochschule und Forschung beim GEW-Hauptvorstand. 
 

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