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SenioRitaEndlich ausschlafen

Wolfgang Harnischfeger über seine Erfahrungen im Berliner Bildungswesen und über dessen aktuellen Zustand.

03.12.2018 - Das Interview führten Dieter Haase und Klaus Will

Wolfgang, du bist gerade 75 Jahre geworden. Herzlichen Glückwunsch! Und dann gleich die Frage: Was machst du als Ersatz für den Schulstress? Hast du dir eine Orgel gekauft und Drehbücher geschrieben, wie du im taz-Interview vor zehn Jahren angekündigt hast?
Wolfgang: Beides nicht! Aber ich spiele noch jeden Tag eine Stunde Klavier, was mir große Freude macht.

Und das andere? 
Wolfgang: Ich habe jetzt erst richtig mitbekommen, dass ich während meines gesamten Berufslebens zu wenig geschlafen habe. Fünf bis sechs Stunden sind zu wenig, und das über 45 Jahre hinweg. Heute schlafe ich in der Regel acht bis neun Stunden und die Welt beginnt so um neun Uhr und nicht mehr um sechs!

Da bist du nicht alleine. Das hören wir bei unseren Interviews immer wieder. Wie wichtig es ist, endlich ausschlafen zu können.
Wolfgang: Dahinter steckt natürlich auch, dass man denkt, durch mehr Zeiteinsatz mehr schaffen zu können. Aber das ist ein Trugschluss, man wird irgendwann schlechter, weil man anfängt Fehler zu machen. Da rutscht einem dann schnell was raus, weil man ungeduldig, erschöpft oder genervt ist. Und dann braucht man drei Stunden Gespräche, bis man es wieder eingefangen hat. Es war kein Zufall, dass ich relativ dicht nach meiner Pensionierung eine schwere Herzoperation mit vier Bypässen hatte, was sich vorher nicht abgezeichnet hatte.

Seltsam, der Körper hat anscheinend die nachlassende Spannung gemerkt und sich dann gehen gelassen. 
Wolfgang: Ja, das stimmt. Dabei war ich in meiner Jugend ziemlich aktiv als Fußballer und habe später auch noch lange mitgespielt beim VfL-Berliner-Lehrer-Fußball, ein eingetragener Verein, der heute noch im Berliner Betriebsfußballsystem spielt. Berliner Lehrer und die Stadtreinigung, das waren immer die, die die Meisterschaft unter sich ausgemacht haben. 

Zurück zu deiner schulischen Karriere, die ja doch etwas beachtlicher ist als deine fußballerische! 
Wolfgang: Na ja, immerhin Regionalliga! Aber wo fange ich an? Also: Ich habe in den 70er Jahren als Referent in der Senatsschulverwaltung gearbeitet und maßgeblich am Schulverfassungsgesetz mitgewirkt, das 1974 verabschiedet wurde. Man kann sich heute gar nicht mehr so richtig vorstellen, was für ein Paradigmenwechsel die Schulverfassung war: Ich war da in Schulleiterkonferenzen und musste gegen wütende Proteste darauf bestehen, dass auch für die Schülerzeitung das Berliner Presserecht gilt, dass man nicht Schüler*innen wegen eines missliebigen Artikels von der Schule werfen darf. Oder dass es nicht angeht, einer etwas aufmüpfigen Neuntklässlerin im Zeugnis zu schreiben »Charlotte muss sich an die freiheitlich demokratische Grundordnung gewöhnen«. Neu war auch, dass Schulleiter*innen nicht mehr nach Gusto Tagesordnungspunkte oder Anträge zulassen oder verweigern konnte. 

Gewissermaßen vordemokratische Zustände!
Wolfgang: Genau! Ich bin dann in die Lehrerbildung, im GEW-Sprech in die Lehrkräfteausbildung, gewechselt und war 13 Jahre Hauptseminarleiter und anschließend 18 Jahre lang Schulleiter. Und ich muss sagen, dass die Jahre in der Lehrkräfteausbildung mir Spaß gemacht haben und auch eine gute Vorbereitung auf meine Tätigkeit als Schulleiter waren. Denn ich war immer ein Schulleiter, der Schule nicht nur verwalten wollte. Ich kam von der Didaktik und Pädagogik und hatte auch als Schulleiter den Anspruch, genau dort weiterzumachen, denn Schulentwicklung ist in erster Linie Unterrichtsentwicklung. Und ich habe als Schulleiter einmal in der Woche eine Besprechungsstunde mit den Referendar*innen meiner Schule eingeführt. 

Wie siehst du heute auf die Bildungspolitik der SPD?
Wolfgang: Da muss ich etwas ausholen. Ich bin seit 47 Jahren sowohl in der SPD Mitglied als auch in der GEW. Beide Organisationen haben etwas gemeinsam, sie eignen sich hervorragend, von ihnen enttäuscht zu sein, und oft genug gehöre ich auch dazu. Aber die meisten, die von ihr enttäuscht sind, wählen die SPD nicht und wundern sich dann, dass die Partei jetzt bei 18 Prozent gelandet ist und immer weniger durchsetzen kann, weil einfach die Macht fehlt. Übrigens läuft das ähnlich auch in der GEW. Dort wird häufig gefragt, was die GEW eigentlich macht, aber viele fragen sich nie, was sie eigentlich selbst dazu beitragen können. Die GEW ist jedoch das, was die Mitglieder aus ihr machen.

Sie ist kein Dienstleistungsbetrieb, der irgendwas anbietet oder verkaufen will. Richtig ist aber auch, dass in der Bildungspolitik so viel schiefläuft, dass man auch als SPD-Mitglied dazu nicht mehr schweigen kann. Denn viele Dinge konnte man vorhersehen und hätte früher darauf reagieren müssen. Es sind gravierende politische Fehler gemacht worden! Da müssten auch endlich mal personelle Konsequenzen gezogen werden! 

Gut, aber was muss anders werden?
Wolfgang: Die GEW hat ja schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass die Lehrkräfteausbildung ganz anders ausgerichtet werden müsste. Immerhin ist sie mit dem Praxissemester inhaltlich besser geworden. Aber mit der Anhebung der Kapazitäten ist viel zu lange gewartet worden. Das Ergebnis ist die heutige Situation, in der jeder und jede als Lehrkraft eingestellt wird – und das vor allem auch im Grundschulbereich! Sein Auto würde man ja auch nicht irgendeinem anvertrauen, nur weil der oder die einen Schraubenschlüssel halten kann. Es gab mal eine Zeit, da war die Eingangsphase der Grund-schule ein spezieller Studienschwerpunkt, so wichtig nahm man das. Und heute muss man noch nicht einmal ausgebildete Lehrkraft sein, um in der prägendsten Lernphase der Kinder zu unterrichten.

Also bist du gegen die Quereinsteiger*innen.
Wolfgang: So einfach ist das nicht. Ich bin vor allem gegen die Quereinsteiger*innen in den Grundschulen. Es gibt natürlich auch bei ihnen pädagogische Naturtalente, aber wenn schon Quereinsteiger*innen, dann eher in der Oberstufe, wo das Fachliche weit mehr im Vordergrund steht. Da finde ich das vertretbar, weil sonst der Unterricht ganz ausfiele. Aber in der Grund- und Mittelstufe können die Quereinsteiger*innen oder gar die armen LovLs mit ihrer pädagogischen Seepferdchenausbildung vielleicht gerade noch den mittleren Bereich der Schüler*innen irgendwie beschulen, sie können aber nicht die schnell oder langsam lernenden Kinder fördern, zumal generell die Zahl der Kinder mit emotionalen und sozialen Störungen stetig gestiegen ist. 

Kommen wir zurück zu deiner schulischen Laufbahn, Du hast lange Jahre das Beethoven-Gymnasium geleitet und dich damals gegen die Bezeichnung Elite-Schule gewehrt. Aber ist das nicht zutreffend bei einer Schule, bei der das Klavier zuhause gewissermaßen Voraussetzung für die Aufnahme ist?
Wolfgang: Na, Geige ging auch! Das ist jetzt aber ein abrupter Themenwechsel. Also: Ich hatte in der GEW schon immer ein vierfaches Handicap. Ich bin ein Mann, ich bin ein Gymnasialer, ich bin Schulleiter und als viertes lag meine Schule auch noch im bürgerlichen Bezirk Steglitz. Die Frage ist ja auch, was will man eigentlich als überzeugter Gymnasialer in der GEW? Dabei sind die Gymnasiallehrkräfte in der GEW die zweitgrößte Fachgruppe mit immerhin 3.000 Mitgliedern. Ich finde, jeder der am Gymnasium und in der GEW ist, sollte den Gedanken, der hinter dieser Frage steht, akzeptieren: Nämlich, dass man so viel Gleichheit wie möglich haben sollte als Ausgangsbedingung von Schule, der Zugang muss prinzipiell für alle möglich sein. Wer das nicht will, soll zum Philologenverband gehen. Und, jetzt an die GEW gerichtet: Die GEW sollte die Arbeitnehmerinteressen von Gymnasiallehrkräften genauso vertreten wie die der anderen Lehrkräfte. Das macht sie aber meiner Meinung nach nicht genügend oder sie macht es nicht genügend deutlich. 

Das musst du uns aber näher erklären!
Wolfgang: Gut, ein Beispiel: Im Gymnasium sind 32 Kinder in einer Klasse. Das sind fünf oder sieben zu viel. Das darf man auch als Gymnasiallehrkraft sagen. Zwar ist die Situation bezüglich der Schulakzeptanz der Schüler*innen an den meisten Gymnasien anders als an den Sekundarschulen, aber trotzdem sind das keine Halleluja-Klassen, die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte ist auch hier zu hoch, dies müsste auch die GEW-Führung stärker ansprechen und bewusst machen. 

Gut, aber wozu brauchen wir die Gymnasien?
Wolfgang: Eine Industriegesellschaft wie Deutschland braucht auch Spitzenleistungen. Ich will nicht sagen, dass die nicht auch an den Sekundarschulen möglich sind, aber sie werden dort nicht systematisch gefördert. Das Kernproblem liegt darin, dass eine Lerngruppe maximal drei auffällige, von der Norm abweichende Schüler oder, seltener, Schülerinnen verträgt, und wenn die laut und bockig sind, was sie fast immer sind, beanspruchen sie 80 Prozent der Aufmerksamkeit der Lehrkraft. Das geht zu Lasten der Mehrheit und der Leistungsbereitschaft und damit der Ergebnisse. Mir hat noch nie jemand gezeigt, dass ein Chor oder eine Bigband, wie es sie an der Beethoven-Schule gibt, an einer Gesamtschule oder Gemeinschaftsschule auch existieren. Und im Prinzip gilt das auch für die Leistungskurse Deutsch und Englisch und andere Fächer.

Na, einfach, weil diese Schüler*innen von ihren Eltern im Zweifelsfall auf das Gymnasium geschickt werden. Von dem Klavier zu-hause ganz zu schweigen. Wenn es das Gymnasium nicht geben würde, wären solche Sachen auch an anderen Schulen möglich. 
Wolfgang: Dass Eltern, die für ihr Kind eine vertiefte musikalische Bildung wollen, sich eine Schule mit einem Musikschwerpunkt suchen, ist doch ganz normal, in der Hertha-Kooperationsklasse muss man auch Fußballspielen können. Und außerdem gibt es das Gymnasium nun mal. Und wer versucht, es abzuschaffen, hat die nächste Wahl schon verloren. Das zeigen die Versuche in NRW, in Hessen und zuletzt in Hamburg. Leider ist in Hamburg die sechsjährige Grundschule auf der Strecke geblieben, die ich für richtig und sinnvoll halte. Ich finde es auch wichtig, integrierte Schulen zu haben. Aber eben auch Schulen wie das Gymnasium mit einem anderen Ansatz: nämlich besondere Begabungen auf einen besonderen Level zu bringen. Wenn alle Schulen 24 Kinder pro Klasse hätten und eine starke innere Differenzierung, die es erlaubt, auch die Leistungsstarken zu fördern, wäre ich sofort für eine Schule für alle. 

Das wäre dann eine Gemeinschaftsschule!
Wolfgang: Ja, aber nicht eine Gemeinschaftsschule unter den heutigen Bedingungen! Für eine Schule für alle mit einer starken inneren Differenzierung bin ich durchaus. Die haben wir aber nicht. Und sie wird wohl auch nicht so schnell kommen. Und was mit den Sekundarschulen gemacht wurde, ist doch zum Teil ein Etikettenschwindel. Die Hauptschule ist abgeschafft worden, aber die Hauptschüler*innen gibt es nach wie vor, nur sitzen sie jetzt in größeren Lerngruppen.

Noch mal ein Themenwechsel. Dass GEW-Leute in die Schulleitung gehen, war ja lange Zeit verpönt.
Wolfgang: Stimmt, in den 80er Jahren hat man noch die Seiten gewechselt, wenn man Schulleiter*in wurde. Erst Mitte der 90er Jahre haben viele begriffen, dass man diese wichtigen Positionen nicht einfach dem Beamtenbund beziehungsweise dem Philologenverband überlassen darf, weil man damit auch maßgeblichen Einfluss auf die Schulpolitik verschenkt.

Und dann gab es in der GEW sogar eine Schulleiter*innenvereinigung!
Wolfgang: Ja, das war dann nur logisch, auch eine eigene Interessenvertretung zu gründen. Das war schon eine große Sache für die GEW, als Erhard Laube und ich zusammen mit vielen anderen wie Ellen Hansen und Siegfried Arnz diese Vereinigung gegründet haben. Dass der damalige Vorstand das zugelassen hat, war durchaus ein Wagnis, denn wir hatten für uns eine relative Selbstständigkeit wie eigene Öffentlichkeitsarbeit inklusive eigener Presseerklärungen verlangt und bekommen. Wir waren aber auch loyal und haben auch keinen Dienstwagen für die Schulleitung gefordert. Ich finde, dass sich das Wagnis gelohnt hat. Es gab und gibt ja auch keine wesentlichen Konflikte. 

Jetzt sind wir aber durch! Wolfgang, vielen Dank für das Gespräch!
 

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