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GewerkschaftGegen das Vergessen

Wie die Betrachtung der Vergangenheit den Blick für die Zukunft schärft. Eine Gedenkstättenfahrt nach Ravensbrück.

05.11.2018 - von Norma Gertz und Susanne Stecher

Erinnerungs- und Gedenkpolitik beschäftigt die GEW BERLIN seit vielen Jahren. Auch die AG Frauen hat sich angesichts des gesellschaftlichen Rechtsrucks dem Thema verschrieben. Deshalb entschlossen wir uns im vergangenen Herbst, eine Gedenkstättenfahrt in das ehemalige Frauenkonzentrationslager Ravensbrück zu organisieren. Mehr als 130.000 Frauen und Kinder sowie 20.000 Männer wurden zwischen 1939 und 1945 nach Ravensbrück deportiert. Sie gehörten mehr als 40 verschiedenen Nationen an, waren im politischen oder religiösen Widerstand aktiv, wurden aus rassistischen Gründen verfolgt, als Kriminelle, Schwule oder sogenannte »Asoziale«. Dennoch zählt Ravensbrück genauso wie das benachbarte »Jugendschutzlager Uckermark« bis heute zu den eher unbekannten Orten nationalsozialistischer Verbrechen.

An einem Samstagmorgen wurden wir in Fürstenberg an der Havel von zwei Gedenkstättenmitarbeiter*innen empfangen. Bereits der Weg zum ehemaligen Konzentrationslager (KZ) war eindrücklich. An mehreren Stationen blieben wir stehen und der Mitarbeiter erklärte uns die Bezüge zwischen der Stadt und dem KZ. Ein Beispiel: Vor einem Haus berichtete er, dass dort früher eine Schreinerei war, von der immer wieder Zwangsarbeiter*innen aus dem KZ angefordert wurden. Der Schreiner, der auch Aufträge direkt für die Schutzstaffel (SS) ausführte, verdiente damit gutes Geld. Nach dem Krieg betonte er jedoch, dass es ihm nicht darum gegangen sei, die Häftlinge auszubeuten, sondern er damit erreichen wollte, dass sie bei ihm einen Tag gut behandelt würden.

Besonders beklemmend war es, als wir am Ufer des Schwedtsees standen, wo heute wie damals eine kleine Promenade durch den Stadtpark führt. Von diesem schönen Ort, mitten in der Stadt, konnte man die Schornsteine des Krematoriums am anderen Ufer sehen, das Teil des KZs war. Neben dem Rauch habe der See auch den Klang der Schüsse ans andere Ufer ge-tragen, erzählte der Gedenkstättenmitarbeiter. 

Zu Fuß ging es weiter zum ehemaligen KZ-Gelände. Nach einer Einführung teilten wir uns in Kleingruppen auf. Jede Gruppe bekam eine Kamera und sollte Fotos auf dem Gelände machen. Diese Fotos wurden später in der großen Runde gezeigt und bildeten die Anlässe zu Nachfragen und Diskussionen. Diese Methode, der »Fotospaziergang«, hat uns sehr überzeugt, da wir zum einen selbständig das Gelände erkunden und alles in Ruhe auf uns wirken lassen konnten. Zum anderen boten uns die Fotos die Möglichkeit, gezielte Fragen zu stellen, über Eindrücke zu sprechen und sich auszutauschen.

Danach hatten wir Gelegenheit, das zuvor Gehörte im Rahmen einer kleinen Führung zu vertiefen oder eine der zahlreichen Ausstellungen zu besichtigen, die unter anderem im ehemaligen Kommandantur-Gebäude und den Wohnhäusern der SS untergebracht sind. Unser letzter Treffpunkt war unmittelbar am Schwedtsee, in den ein Teil der Asche der Ermordeten geworfen worden war. Im Krematorium sind noch die Verbrennungsöfen zu sehen. Auf diesem Areal wurde 1959 die »Nationale Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück« angelegt. Der Großteil des Geländes war noch bis in die 1990er Jahre hinein nicht betretbar. Jetzt wächst hier Gras, auf einem Gräberfeld blühen Rosen und Gedenkzeichen an der ehemaligen Lagermauer erinnern an die Ermordeten. Jede*r von uns bekam eine Blume, um sie an einem Ort unserer Wahl niederzulegen. Ein sehr bewegender Moment.

Auf dem Rückweg waren alle Teilnehmer*innen voll mit Eindrücken und sehr nachdenklich. Es ist gut, dass es Gedenkstätten gibt, die uns Nachgeborenen zeigen, wozu Menschen imstande sein können!

Das Interesse war so groß, dass eine Wiederholung der Fahrt notwendig war. Diese fand kurz vor den Sommerferien im Juni 2018 statt. Auf beiden Fahrten war deutlich erkennbar, dass die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus unsere Mitglieder in ihrer ganzen Vielfalt anspricht: alle Alters- und Berufsgruppen, Frauen wie Männer, Menschen unterschiedlicher Herkunft, bis hin zu Begleitpersonen, die selbst keine Mitglieder sind – so bunt gemischt sind Veranstaltungen der GEW selten. 

Für den 19. Januar 2019 planen wir eine weitere Gedenkstättenfahrt nach Ravensbrück. Diesmal wollen wir uns speziell mit den Täterinnen beschäftigten, die die Geschichte des Ortes maßgeblich prägten. Denn anders als in anderen KZs bestand das Wachpersonal hier überwiegend aus Frauen.

Darüber hinaus wollen wir uns künftig verstärkt mit dem heutigen Rechtsextremismus auseinandersetzen. Den Auftakt macht eine Abendveranstaltung in der Geschäftsstelle am 30. November, zu der wir gemeinsam mit der jungen GEW einladen. Elisa Gutsche von der Friedrich--Ebert-Stiftung wird uns die neu erschienene Studie »Triumph der Frauen? The Female Face of the Far Right in Europe« vorstellen.

Darin analysieren verschiedene Autor*innen die Anziehungskraft, die rechtsradikale und rechtspopulistische Parteien und Organisationen europaweit auf Frauen ausüben.

George Santayana schrieb »Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.« Stellen wir uns der Verantwortung!