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"Bausteine gegen Gewalt"Gewaltfreiheit geht nur gemeinsam

Der Umgang mit Gewalt gehört zum Alltag vieler Fachkräfte an Berliner Schulen. Pädagog*innen sind damit oft überfordert. Darüber reden kann helfen.

03.06.2020 - von Sibylla Mann

Ich bin Erzieherin und Heilpädagogin und habe unter anderem auch in einer therapeutischen Gruppe mit Schüler*innen gearbeitet, welche aufgrund ihres auch gewaltbereiten Verhaltens nicht mehr an einer Regelschule beschulbar waren. Mit den Erfahrungen und dem Wissen aus dieser Arbeit wechselte ich zunächst an eine große Berliner Gemeinschaftsschule, dann an ein Förderzentrum mit Schüler*innen mit dem Förderschwerpunkt »Geistige Entwicklung«. Ich möchte mich in meinem Artikel auf meine Erfahrungen an beiden Schulen beziehen, da die Kolleg*innen an allen Schulen vor der Herausforderung stehen, mit Gewaltsituationen umzugehen.

In meiner Arbeit mit Schüler*innen begegneten mir wiederholt Situationen, in denen diese massiv zuschlugen, aber auch Situationen, in denen Schüler--*innen für die Fachkräfte verbal nicht mehr erreichbar waren, um sich schlugen, Möbel warfen und die Verletzung von Mitschüler*innen und Kolleg*innen in Kauf nahmen.

Demgegenüber standen oft Pädagog*innen, die nicht wussten, wie sie damit umgehen sollten. Schimpfen, Eltern anrufen, Schulleitung informieren, Schulsozialarbeit? Darf ich den*die Schüler*in anfassen? Wer kümmert sich um die anderen Schüler*innen in der Klasse? Viele Kolleg*innen fühlen sich überfordert und nicht gut vorbereitet, Gewaltsituationen gut zu begleiten oder durch eigenes Verhalten gezielt zu deeskalieren. Denn das ist möglich, bei entsprechenden personellen und Weiterbildungsbedingungen. Dagegen steht die berechtigte Frage, was sollen wir denn noch alles leisten.

Wir Pädagog*innen sollten erkennen, dass Störungen im Unterricht durch Konflikte, ob gewaltvoll oder nicht, die Wissensvermittlung ausbremsen, deshalb müssen wir uns damit auseinandersetzen. Viele unserer Schüler*innen konnten bisher, aus unterschiedlichsten Gründen, kaum gewaltfreie Konfliktlösungsstrategien erlernen.

Auch werden aufgrund des Kitaplatzmangels zunehmend Kinder eingeschult, die noch nicht die Möglichkeit hatten, das Verhalten in einer Gruppe zu üben.

Unsere Rolle ist also zunehmend nicht nur die der Wissensvermittler*in, sondern mit den Schüler*innen ins Gespräch zu gehen und zu hinterfragen, warum sie sich so verhalten. Manchmal heißt das auch erst einmal gewaltfreie Konfliktlösungsmöglichkeiten einzuüben und zu festigen. Das geht nur gemeinsam mit allen Kolleg*innen an der Schule. Auch sollten wir uns unserer eigenen Vorbildfunktion jederzeit bewusst sein. Wie gehe ich mit Schüler*innen, Eltern und Kolleg*innen um?

Möglichkeiten der Konfliktlösung üben 

Da wir überwiegend allein in den Klassen arbeiten, bedeutet dies, dass wir über gute Fähigkeiten der Selbstreflektion verfügen müssen, um uns auch immer wieder selbst zu hinterfragen: Was kann ich tun, damit es dem*der Schüler*in leichter fällt, diese Situation gewaltfrei zu bewältigen? Fühlt sie*er sich von mir ungerecht behandelt oder bloßgestellt? Dem gegenüber stehen natürlich die aktuellen Arbeitsbedingungen an den Schulen. Klassengröße, personelle und räumliche Ausstattung, Lehrplan, Inklusion. Immer mehr Aufgaben und Herausforderungen und auch oft fehlende Wertschätzung. Viele Kolleg*innen sind unsicher, an wen sie sich wenden, wo sie Unterstützung erhalten können. Und die eigene Angst von den Kolleg*innen als unfähig gesehen zu werden. Der*die hat die Klasse nicht »im Griff«.

Dabei wissen wir alle aus der Entwicklungspsychologie, dass Angst Kreativität hemmt und wir Kreativität brauchen, um unser Wissen, auch bei der Lösung von Konflikten, einzusetzen und das nicht nur bei Schüler*innen.

Deshalb, lasst uns Gewaltvorfälle nicht nur für die Statistik dokumentieren. Gebt uns Ansprechpartner*innen und Schulungen, um gut und angstfrei mit Gewaltsituationen umzugehen. Gebt uns Zeit und ein angstfreies Arbeitsklima zur Reflektion und Aufarbeitung. Lasst uns Gewalt nicht als Versagen sehen, sondern als Chance der Weiterentwicklung der Schüler-*innen und uns Pädagog*innen. Und gebt uns viel mehr Schulsozialarbeiter*innen an den Schulen!