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Perspektive QuereinstiegGrundschulkinder verdienen Professionalität

Der Einsatz unterqualifizierter Lehrkräfte hat Auswirkungen auf die Lernprozesse von Schüler*innen.

05.09.2018 - von Susanne Miller

Die Standards einer akademischen Profession sind generell nicht verhandelbar. Die weitgehend unumstrittene Anerkennung der wissenschaftlichen Standards für den Grundschullehrberuf manifestiert sich in dem Ausbau des Grundschullehramts zu einem zehnsemestrigen wissenschaftlichen, forschungsorientierten Universitätsstudium. Nicht nur in Berlin, sondern auch in vielen anderen Bundesländern. Das wissenschaftliche Studium enthält auch vermehrte Praxisanteile zur Entwicklung einer reflexiven und forschenden Grundhaltung. Es wird vertieft und erweitert durch die zweite, stärker berufspraktisch ausgerichtete Ausbildungsphase. Damit ist ein Professionalisierungsgrad für Grundschullehrer*innen erreicht worden, wie ihn Expert*innen und Gewerkschaften schon Jahrzehnte zuvor gefordert hatten.

Mit der hohen Einstellungsquote von Seiten- und Quereinsteiger*innen wird genau diese Professionsentwicklung konterkariert und in ihr Gegenteil verkehrt. Die vielfältigen, keineswegs einheitlichen Folgen sind schon jetzt in der Praxis deutlich spürbar und es gibt auch erste empirische Hinweise auf die Auswirkungen auf den Lernprozess der Schüler*innen. Internationale Studien weisen beispielsweise nach, dass sich die fachliche Qualifikation der Lehrkräfte auf die Unterrichtsqualität auswirkt. Kurt Czerwenka und Katrin Nölle berichten von Befunden, wonach unterqualifizierte Lehrkräfte mit einer schlechteren Ausbildung in Mathematik, Lesen oder Sprache einen geringeren Leistungszuwachs bei Schüler*innen erzielen als zertifizierte Lehrkräfte. Eine kritische Auseinandersetzung um eine drohende Deprofessionalisierung muss also geführt werden. Dies betrifft ausdrücklich die Systemebene und nicht die Ebene der Einzelpersonen.

Die Besonderheit der Grundschule

Hierfür kann es lohnend sein, sich die Spezifika des Grundschullehrberufs zu vergegenwärtigen: Strukturell ist die Lehrer*innenbildung in den meisten Bundesländern durch das gleich lange Studium mit anschließendem Vorbereitungsdienst für alle Lehramtstypen vergleichbar. Unabhängig von der Schulform haben Lehrer*innen einen sehr großen gemeinsamen Aufgabenbereich. Deshalb macht es auch einen Unterschied, ob Personen mit anderem Lehramtsabschluss in Grundschulen eingestellt werden oder berufsfremde Personen.

Trotzdem gibt es aber eine beträchtliche Reihe an grundschulspezifischen Ausbildungsanteilen, die das Studium von Grundschullehrkräften von anderen Lehramtstypen und erst recht von nichtlehramtsbezogenen Studiengängen unterscheidet. Die spezifische Professionalität von Grundschullehrer*innen hängt eng mit den Besonderheiten der Grundschule als Institution zusammen. Diese können in Anlehnung an Günther Schorch wie folgt zusammengefasst werden: Grundschullehrkräfte arbeiten in der Grundschule mit fast allen Kindern zusammen, also mit einer weitgehend unselektierten Schüler*innenschaft unter den in der Grundschule besonders stark ausgeprägten Ansprüchen an eine inklusive Bildung. Um der heterogenen Schüler*innenschaft gerecht zu werden, müssen sie in allen Erziehungs- und Bildungsfragen das Spannungsfeld von Integration und Individualisierung ausbalancieren.

Grundschullehrkräfte sind für die grundlegende Bildung aller Kinder verantwortlich, hiermit wird ein gemeinsamer Grundstock an Allgemeinbildung für alle Kinder und die Basis für alle weiteren Bildungsprozesse gelegt. Vornehmlich stehen Aufgaben zum Erwerb der Kulturtechniken im Mittelpunkt des Interesses, und zwar in den Bereichen des Schriftspracherwerbs und des mathematischen Denkens. Im Hinblick auf den erfolgreichen Lernprozess eines jeden Kindes und auf die Anschlussfähigkeit der Wissenskonzepte kommt deshalb den entsprechenden grundschulrelevanten fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Studienanteilen eine wichtige Funktion zu. Im Konzept der Grundlegenden Bildung ist außer-dem die Herausbildung der Persönlichkeitsdimensionen der Sozial- und Selbstkompetenzen verortet.

Grundschullehrkräfte unterrichten Kinder in einem besonders jungen Alter. Entsprechend müssen sich Studierende nicht allein mit den Konstruktionen »Kind« und »Kindheiten« sowie mit den besonderen entwicklungsbezogenen und lebensweltlichen Bedingungen des Aufwachsens vertraut machen, sondern sie als Lehrkräfte bei allen Erziehungs- und Bildungsprozessen in angemessener Weise berücksichtigen.

Grundschullehrkräfte haben in der ersten Schule des Schulsystems die besondere Aufgabe, Übergänge zu gestalten, um die Anschlussfähigkeit sowohl zum Elementar- als auch zum Sekundarbereich herzustellen. An die Phase des Schulanfangs, an den Anfangsunterricht und an die Herstellung der Schulfähigkeit werden somit spezifische Kompetenzen gestellt.

Reflexionskompetenz kann man sich nicht anlesen

Zur verantwortlichen Erfüllung dieser grundschulspezifischen Aufgaben wird nicht nur die Herausbildung entsprechender Kompetenzen in den Wissensbereichen der Pädagogik und den grundschulrelevanten Fachwissenschaften und -didaktiken benötigt, sondern auch die Entwicklung von pädagogischen Haltungen, Überzeugungen und einer Berufsethik. Hinzu kommt, dass der Lehrer*innenberuf dem sogenannten Technologiedefizit unterliegt: Es gilt, viele widersprüchliche Erwartungen auszutarieren, Handlungsspielräume auszuschöpfen und nach Einzelfalllösungen zu suchen. So muss im Studium neben dem wissenschaftlichen Wissen auch eine fundierte Reflexionskompetenz erworben werden, für die es Zeit ohne unmittelbaren Handlungsdruck braucht. Ohne diese Reflexionskompetenz reproduzieren nicht ausgebildete Lehrkräfte erwiesenermaßen ihren selbst erlebten Unterricht.

Bilanzierend bringt deshalb die Kommission »Grundschulforschung und Pädagogik der Primarstufe« in einer Stellungnahme ihr großes Unverständnis zum Ausdruck, dass eine so große Anzahl von Personen ohne Qualifikation in den Schuldienst der Länder eingestellt und sogar dauerhaft übernommen wird. Nicht minder gelte dies für Studierende, die ihr Studium noch nicht beendet haben. Sie warnt vor einer Deprofessionalisierung des Grundschullehrberufs mit unabsehbaren individuellen und gesellschaftlichen Folgen für den Bildungserfolg der Kinder. Die wissenschaftlichen Standards müssten durch Nach- und Weiterqualifizierungen so gesichert werden, dass sie mit der grundständigen Ausbildung vergleichbar sind.